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Leben im Kloster : Früher Physikerin, heute Nonne

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Austritt kurz vor Schluss

2013 wechselte Schwester Pauline auf eigenen Wunsch das Kloster. Im großen Kloster mit fünfzig Mitschwestern fehlte ihr vor allem ein engeres Zusammenleben: „Mir kam es vor, als lebte man mehr nebeneinander her statt miteinander wie in einer Familie.“ Im Juli 2013 kam sie so ins Kloster Sankt Marien zu Helfta, mit nur zwölf Mitschwestern, mit jüngerer Altersstruktur, dafür ohne angeschlossene Schule.

Was denn nun aber mit ihrem Studium sei, wurde sie kurz nach ihrem Umzug gefragt. Die Frage hallte nach. Drei Wochen später, kurz vor Beendigung ihrer zweijährigen Profess, trat sie aus. Im Blog schreibt sie nicht viel über ihre Entscheidung. Sie habe sie nicht ganz durchdacht, sei stattdessen einem Gefühl gefolgt, heißt es im letzten Eintrag.

Nichts Berichtenswertes

Aus Schwester Pauline wurde nach dem Austritt wieder Anne, die eine Stelle als Referendarin in Bremen annahm. Sie fand eine Wohnung, eröffnete ein Konto und ging zum Frisör. Das Ordensgewand nach dreieinhalb Jahren gegen zivile Kleidung einzutauschen fiel ihr nicht schwer. Nur den Schleier vermisste sie: „Das hätte ich nie gedacht. Er hat oft so gedrückt. Aber dann war es auf einmal so kalt auf dem Kopf.“ Über eines freute sie sich aber besonders: Farbe. Zu ihren ersten Anschaffungen zählten ein Paar Sneaker in Knallblau und ein Paar Halbschuhe aus Leder in Signalrot.

In Bremen trat Anne ihr Referendariat an. In ihrem Blog schrieb sie nicht mehr.
In Bremen trat Anne ihr Referendariat an. In ihrem Blog schrieb sie nicht mehr. : Bild: dpa

Annes neuer Blog blieb allerdings schon bald ohne Einträge. Was sie erlebte, schien ihr nicht berichtenswert. Sie empfand eine Leere, die sie zu füllen versuchte, indem sie sich manchmal tagelang Serien ansah. „Benedikt sagt, das Leben im Kloster ist für Anfänger“, erklärt sie. „Es ist viel schwieriger, sich draußen auf Gott zu konzentrieren, weil man so viele andere Stimmen im Kopf hat.“ Anne beendete ihr Referendariat, hielt es danach aber nur ein Schuljahr in Bremen aus. Die Leere war zu groß, und schließlich war klar: Sie musste zurück nach Helfta.

Die Realität ist viel komplexer

Seit September ist sie wieder hier. Zunächst in Zivil, weil die Äbtissin meinte, dass sie sich erst beweisen müsse. Inzwischen hat sie ihre Ordenskleidung wieder anlegen dürfen. Sie möchte eine dreijährige Profess ablegen und hofft, irgendwann an einer Schule in Helfta unterrichten zu können. Falls sie noch einmal austreten sollte, will sie nicht mehr zurückkehren. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit sei, dass sie nach drei Jahren die ewige Profess ablegen wird? Momentan, sagt sie, 65 Prozent.

Die Komplet, das letzte Gebet des Abends, mag Schwester Pauline besonders. Am Ende liegt die Kirche in Dunkelheit. Nur ein paar wenige Kerzen brennen noch in den Nischen der alten Steinmauer. Die Schwestern versammeln sich ein letztes Mal im Halbkreis vor der Figur der Mutter Gottes, deren langer Schatten jetzt bis unters Spitzdach reicht. Schwester Pauline hält ihre Augen geschlossen, während sie singt. An der Physik, sagte sie einmal, gefalle ihr vor allem eines: die Dinge theoretisch zu durchdringen, dann aber zu erkennen, dass die Realität doch viel komplexer ist.

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