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Kinderbetreuung : Am besten ist es, wenn du heulst

Betreuungsplatzsuche: Die Castingshow beginnt mancherorts schon kurz vor der Geburt. Bild: Isabel Klett

Eltern müssen tough sein. Denn das Leben ist kein Ponyhof, sondern eine Castingshow. Die Challenge heißt: Ergattern Sie einen Betreuungsplatz! Anke Schipp hat es oft genug versucht - mit und ohne Schleimen.

          Bevor meine Kinder auf die Welt kamen, wusste ich noch nicht, dass ich kurz nach der Geburt Teil einer Castingshow sein werde. Ich ahnte nicht, dass ich mich die nächsten Jahre stets von meiner besten Seite präsentieren, fehlerfrei komplizierte Formulare ausfüllen und mit freundlicher Stimme permanent Anrufe tätigen musste. Die Challenge hieß: Ergattern Sie Frankfurts nächsten Betreuungsplatz! Die Konkurrenz war groß, Patzer durfte man sich nicht erlauben. Denn am Ende konnte das Urteil lauten: „Ich habe heute leider kein Platz für Sie!“

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was auf mich und meinen Mann zukommt, ahnte ich an einem Sommertag im Park vor knapp zehn Jahren. Meine Tochter lag friedlich in ihrem Kinderwagen, ich plauderte mit einer Mutter über dies und das, wann man mit der Beikost beginnen sollte, was die U4 so gebracht hat, wie lange die Kleinen schon durchschlafen. Wir waren beide auf dem Planeten Baby, irgendwie sorglos, ohne Terminkalender, im Schlabberlook und dem festen Bewusstsein, dass uns niemand etwas anhaben kann und es piepegal ist, wenn das Handy klingelt - kann ja nichts Wichtiges sein. Nebenbei erwähnte ich damals, dass ich nach einem Jahr Elternzeit wieder arbeiten wollte und demnächst nach einem Krippenplatz suchen würde. Ich vergesse nicht das Entsetzen im Gesicht der Mutter: „Was? Darum hast du dich noch nicht gekümmert?“

          Zu wenig Hortplätze, überfüllte Sportvereine, Schulen, die aus allen Nähten platzen

          Bis dahin besaß ich so etwas wie eine tiefe Zuversicht, dass sich schon alles regeln wird, nach dem bewährten Motto „Let’s cross that bridge when we come to it“. Heute kann ich sagen, dass ich Brücken schon von weitem erahne, ja, ich sehe schon ihre Konturen vor mir, wenn sie noch nicht einmal gebaut sind, weil ich jetzt weiß, wie es sich anfühlt, vor der Brücke zu stehen und sie nicht überqueren zu können.

          Wir wohnen in Frankfurt, einer jener Großstädte, in denen die Geburtenrate steigt. Als meine erste Tochter zur Welt kam, stand Frankfurt auf der Geburten-Hitlist Germany auf Platz 2: 10,22 Kinder pro 1000 Einwohner. Zum Vergleich: In Gelsenkirchen waren es damals nur 7,55 Kinder pro 1000 Einwohner. Gefühlt sind es noch mehr: Die Frankfurter Spielplätze sehen im Sommer aus wie der Strand von Rimini im August. Ich kann aus dem Stand zehn Familien aufzählen, die vier Kinder haben. Das ist eigentlich eine schöne Sache in einem Land, in dem die Geburtenrate landesweit sinkt. Städte wie Frankfurt dürften sich darüber freuen, aber diese Freude findet leider keinen Ausdruck darin, übermäßig familienfreundliche Strukturen zu schaffen. Vielleicht halten die zuständigen Dezernenten Geburtenraten auch für das Hobby von Statistikern, mit dem man sich nicht weiter befassen muss.

          Die Zahl der Krippenplätze ist in den vergangenen Jahren zwar gestiegen, was auch an dem seit 2013 bestehenden Rechtsanspruch liegt, ansonsten aber herrscht Mangelwirtschaft: zu wenig Hortplätze, überfüllte Sportvereine, Schulen, die aus allen Nähten platzen, und grüne Politiker, die darüber nachdenken, Parks zu sperren, um die Pflanzen vor spielenden Kindern zu schützen.

          „Fang einfach an zu heulen, wenn du deine Bewerbung abgibst, dann wird das schon!“

          Jener Sommer war der Anfang vom Ende meines Lifestyle-Konzepts „Wird schon irgendwie“. Seitdem befinde ich mich gemeinsam mit meinem Mann im Bewerbungsmodus. Ein großes Talent bin ich nicht. Einige der Ratschläge aus meinem Umfeld ignorierte ich wegen angeborener Hemmschwellen. Meine Hebamme riet mir zum Beispiel: „Sprich doch einfach Erzieher an, die vormittags mit ihren Gruppen im Park sind, dann kennen die dich schon mal.“ Ein paarmal schlich ich um zwei Erzieherinnen herum, die immer auf der gleichen Bank hinter dem Klettergerüst saßen. Ich fing an, sie zu grüßen. Sie schauten nur verwundert zurück und plauderten weiter. Danach legte ich das Projekt kleinlaut zu den Akten.

          Andere rieten dazu, Bewerbungsmappen für die Kita zu verfassen, in denen das Kind mit kleinen Geschichten und Fotos präsentiert wird, oder Karten aus dem Urlaub an die Kita schicken, in der man einen Platz möchte. Auch gut: einen Kuchen backen und vorbeibringen. Ich hörte von Eltern, die schon vor der Geburt ihrer Kinder in Fördervereine eintraten oder ihr Kind taufen ließen, nur um einen Platz in einer konfessionellen Einrichtung zu ergattern. Oder sie sponserten für den Montessori-Kindergarten in ihrer Nähe ein Klettergerüst.

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