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Schwarzwälder Kirschtorte : Die rheinische Tortenlegende zerkrümelt

  • Aktualisiert am

Sicher ist: Das Kirschwasser in der Torte muss aus dem Schwarzwald sein Bild: dpa

Wo wurde die Schwarzwälder Kirschtorte erfunden? Bislang galt: In Bad Godesberg bei Bonn. Der Tübinger Stadtarchivar Udo Rauch glaubt jedoch, die Kuchengeschichte neu schreiben zu können.

          Der Tübinger Stadtarchivar Udo Rauch behauptet, die Kuchengeschichte neu schreiben zu können.

          Herr Rauch, Sie behaupten, die Schwarzwälder Kirschtorte sei nicht, wie lange angenommen, die Erfindung eines Cafes in Bad Godesberg. Sie habe vielmehr ihren Ursprung in einer Stadt, die näher am Schwarzwald liegt, nämlich in Tübingen. Muss die Entstehungsgeschichte der Schwarzwälder Kirschtorte neu geschrieben werden?

          Ja. Die rheinische Tortenlegende zerkrümelt gerade. Jetzt gilt es, die Tübinger Indizien überzeugend auszubacken.

          Haben Sie denn Beweise?

          Es gibt glaubhafte Erinnerungen von Hermann Rammensee, der ein Kollege des vermutlichen Erfinders Erwin Hildenbrand war. Eine Konditorfachzeitschrift hatte 1975 gefragt, wer die Torte erfunden habe. Das Ergebnis war, Hildenbrand habe sie erstmals im Frühjahr 1930 im Cafe Walz gebacken, zwei Jahre später wurde sie dann auf einem Landeskonditorentag vorgestellt. Ich habe überprüft, wie präzise diese Erinnerungen sind. Es gibt noch Leute, die sich an den Konditorentag und an die damals Handelnden erinnern. Der Neffe Erwin Hildenbrands hat mir ein Bild seines Onkels gezeigt, auf dem er im Jahr 1936 mit einer Schwarzwälder Kirschtorte zu sehen ist.

          Sind das nicht relativ vage Anhaltspunkte? Wo ist die Urkunde?

          Zugegeben, es gibt viele Indizien, den schlagenden Beweis, etwa eine schriftliche Quelle, habe ich bislang nicht. Aber die Verfechter der Godesberger Tortenlegende berufen sich auch nur auf Indizien.

          Sucht Tübingen nicht nur eine Möglichkeit, das Schokoladenfest besser zu vermarkten?

          Die Tübinger Händler greifen das natürlich auf. Sie wollen denjenigen, der den schriftlichen Beweis findet, mit Torte aufwiegen.

          Was wissen Sie über Erwin Hildenbrand?

          Er war wohl ein Konditor, der gern experimentiert hat. Sein Meisterstück war ein antiker Streitwagen aus Zuckerguss, ziemlich elaboriert, der ist bei der Prüfung zusammengebrochen. Hildenbrand wollte etwas Neues schaffen.

          Und was spricht noch gegen den Godesberger Konditormeister Josef Keller als Schöpfer der Torte? Er soll sie schon 1915 erstmals gebacken haben.

          Er selbst hat unterschiedliche Angaben gemacht, so stimmt zum Beispiel der Name des Cafes nicht. Die Behauptungen stehen auf wackeligen Beinen. Zeller hat seine Aussagen mehrmals revidiert, erst hat er gesagt er sei vor dem Ersten Weltkrieg in Godesberg gewesen, dann sagte er, er habe sich während des Krieges dort aufgehalten. Es gibt für seine Behauptungen keinen seriösen Beweis. In Godesberg ist man nun natürlich nicht erfreut, dass die Torte, die meine Lieblingstorte ist, zuerst in Tübingen gebacken worden ist.

          Wie kam es eigentlich zu dem Namen?

          Durch das Schwarzwälder Kirschwasser. Das muss aus dem Schwarzwald stammen, sonst ist es keine echte Torte.

          Gab es Vorläufer, die möglicherweise in Tübingen nur variiert wurden?

          In allen Nachschlagewerken steht, dass die Schwarzwälderkirschtorte erstmals 1934 erwähnt wird. Das konnte ich lange Zeit nicht glauben. Heute weiß ich, dass man zur Aufbewahrung von Kirschsahnetorten gute Kühlgeräte braucht. Die gab es erst nach dem Ersten Weltkrieg.

          Und wie hat sich die Torte weiterentwickelt?

          Am Anfang wechselten die Rezepte zwischen Sahne und Buttercreme. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich das vereinheitlicht. Was wir uns heute darunter vorstellen, ist Sahne und ein dunkler Tortenboden, der mit Schwarzwälder Kirschwasser aromatisiert ist.

          Wo gibt es heute die beste Schwarzwälder Kirschtorte?

          Am Schloss Glatt in der Nähe von Rottweil. Das Angebot im Schwarzwald ist reichhaltig. Dort gibt es viele Hotels und Cafes, die sehr gute Torten machen. In manchen Cafes wird das Kirschwasser kurz vor dem Verzehr frisch eingestäubt. Im Schwarzwald waren die Konditoren immer erstaunt, weshalb diese Torte ausgerechnet im Rheinland erfunden worden sein sollte. Es ist doch plausibler, dass sie ein Konditor wie Hildenbrand erfunden hat, der in Furtwangen und Freudenstadt gearbeitet hat. Jetzt hat der Schwarzwald seine Kirschtorte wieder.

          Hat sich die Herstellung in den letzten fünfzig Jahren verändert?

          Nein, das Grundrezept ist unverändert geblieben.

          Backen Sie die Torte auch selbst?

          Ja, wenn man sie frisch macht und wenn sie dann eine Nacht durchgezogen ist, schmeckt sie besonders gut. Ich backe nicht nach einem Rezept. Ich mache es so wie meine Mutter - und nehme mit Sicherheit zuviel Kirschwasser.

          Die Fragen stellte Rüdiger Soldt.

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