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Schuhputzer in New York : Der perfekte Schein

  • -Aktualisiert am

Ein New Yorker lässt seinen Schuhen Gutes tun. Bild: Imago

In New York, hieß es, liege das Geld auf der Straße. Also schaute Libo, als er vor 14 Jahren dort ankam, nach unten – und sah dreckige Schuhe. Schuhputzer: Kein toller Job, aber ein Anfang, dachte er. Heute macht er ihn noch immer.

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          Libo, der Schuhputzer, riecht das Leder nicht mehr. Die Stadt hat endgültig ihren Geruch aus Staub und Abgasen auf die Schuhe geklebt. Libo geht mit seiner Nase ganz nah an den Fuß des Mannes auf dem Holzbänkchen vor ihm heran, fast berührt die Nasenspitze den Fuß. „Nur so erkennt man doch, dass das Leder ist“, sagt er. Fast sieht es aus, als würde er beten. Der Mann, dessen Fuß in dem Schnürer steckt, schaut verwundert auf den Schuhputzer hinab. Wie ein König sitzt der Kunde auf dem Stuhl, die Arme auf den Lehnen, der Rücken entspannt, mitten im Trubel an einer Ecke des New Yorker Times Square. Jetzt springt er auf, wirft sechs Dollar in eine Box. „Thanks for cleaning“ – „Danke fürs Putzen“, und verschwindet im Gewühl. Libo lächelt. „Mit den Billigtretern wird er sich noch Blasen holen.“

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten.

          Er dreht die Dose mit dem Palmfett zu. Er stemmt sich hoch, klopft einmal auf die Brust, räuspert sich. Wie ein Varietébesitzer streicht er mit der Hand durch die Luft. „Stop for a shine.“ Das Geschäft muss weitergehen. Libo hatte heute erst zwei Kunden.

          Als er vor 14 Jahren hier aus der U-Bahn stieg, Times Square, 42. Straße, dachte er, alles sei ein wenig einfacher. In New York, hieß es, liege das Geld auf der Straße. Also schaute er nach unten – und sah dreckige Schuhe. Kein toller Job, aber ein Anfang. Bald würde er sich hocharbeiten, so dachte er. Er wohnte in einem Kellerraum, mehr Bunker als Heim, und zog sein kleines wanderndes Schuhbusiness auf. Am Times Square nennt er sich Libo, am Ufer des Hudson Rivers Danny, in der Nähe der Wall Street Tracy. Für jede Gegend hat er den richtigen Namen und den passenden Hut. Der Schuhputzer weiß: Manchmal zählt mehr der Schein als das Sein.

          „In Amerika musst du Egoist sein“

          Zuerst mochte Libo die Stadt. Überall sah er Polizisten, in ihrer Mitte gingen oft Männer, sie sahen aus wie er selbst. Eine sehr sichere Stadt muss das sein, dachte Libo, wenn hier sogar die Arbeiter eine Polizeieskorte haben. „Das war natürlich dumm von mir“, sagt der Schuhputzer heute. Denn bald wusste er es besser. Plötzlich standen drei Cops vor seinem Schemel, wollten keine sauberen Schuhe, sondern eine Arbeitserlaubnis sehen. Die hatte Libo nicht. Ob er inzwischen eine hat? Er sagt es nicht. Irgendwie hat er sich arrangiert. „In Amerika musst du ein Egoist sein. Mir gefällt das nicht. Aber anders geht es nicht.“ Irgendwann habe er verstanden, wie diese Stadt funktioniere. Es gebe ein Oben und ein Unten, und wenn du schon am Boden krebst, dann lass dich wenigstens von den Oberen dafür gut bezahlen, findet Libo. New York sei gespalten wie seine Schneidezähne, sagt er grinsend und man sieht, was er meint.

          Schon oft bevor die Sonne über Manhattan aufgeht, ist er auf den Beinen. Er frühstückt gut, es muss lange halten, für ein Lunchpaket hat er keine Hand mehr frei, denn in der einen trägt er seinen Schuhpflegekoffer, unter den anderen Arm klemmt er Stuhl und Schemel, weil er die über Nacht nirgendwo stehen lassen kann. Mit der U-Bahn fährt er von Brooklyn ins Stadtzentrum, an welchen seiner Standorte, entscheidet er spontan. Wenn er aus der Station steigt, ist die Straßenreinigung schon durch, hat ihm seinen Arbeitsplatz besenrein hinterlassen. Libo baut alles auf, eine Bürste liegt ordentlich neben der anderen. Langsam füllen sich die Straßen. Der Dezemberwind treibt die Passanten an Libos Schuhputzstuhl vorbei. Die Kälte schneidet ihnen Falten auf die Stirn. Der Schuhputzer lächelt sie trotzdem an. Sein Tag beginnt.

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