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Zsuzsa Bánk über neues Buch : Leben, Tod und Schreiben

Erzählt vom eigenen Leben: Schriftstellerin Zsuzsa Bánk Bild: Gaby Gerster

Die Schriftstellerin Zsuzsa Bánk berichtet in ihrem neuen Buch „Sterben im Sommer“ vom Tod ihres Vaters und davon, wie man das eigene Erleben erzählt. Getröstet hat sie das Schreiben nicht – aber es hat ihr dabei geholfen, sich heute besser zu fühlen.

          3 Min.

          Urlaub am Plattensee. Sommerferien, Badespaß, das Zusammensein der Familie. Dann der Einbruch der Endlichkeit. Der Vater, seit Jahren an einer Krebserkrankung leidend, bekommt Fieber. Es beginnen Wochen der Unsicherheit. Während die Familie den Urlaub fortsetzt, fährt die Tochter zwischen österreichischen Krankenhäusern und dem Ferienort in der alten Heimat der Eltern hin und her, die sie nach dem Ungarnaufstand verließen. Schließlich wird der Vater zurück nach Hause gebracht, nach Frankfurt, wo sein Leben zu Ende geht. „Sterben im Sommer“ hat Zsuzsa Bánk ihr neues Buch genannt, das vor kurzem bei S. Fischer erschienen ist. Heute stellt sie es im Museum Wiesbaden vor.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Fiel ihr das Schreiben leicht? Einerseits ja: „Weil alles da war. Ich musste nichts erfinden.“ Das empfinde sie bei Romanen oft als schwer. Nicht die Figuren, aber das „Stoffgewebe“, auf das es ihr ganz besonders ankommt, „das sich stets aufeinander bezieht und sich immer weiterentwickelt“. Ehe es zu ihrer Zufriedenheit fertiggestellt ist, vergeht Zeit.

          Hier war es anders: „Ich musste nur zuschauen.“ Schwerer aber war es auch. „Will ich das überhaupt?“, fragte sie sich: „Weil es eigentlich niemanden etwas angeht, im Privaten geschieht. Warum will ich das jemandem mitteilen? Warum soll das über mich jemand wissen?“ Aber es gab einen entscheidenden Grund, ein Buch draus zu machen: „Ich schreibe, ich bin Schriftstellerin, das ist das, was über allem steht.“ Und das Thema hielt sie in Beschlag, ein anderes wäre gar nicht möglich gewesen: „Deswegen habe ich es dann getan.“ Vieles, sagt sie, werde zudem gar nicht beschrieben. Das, was niemanden etwas angehe. „Es wird nicht alles erzählt.“

          Bánk: Auf keinen Fall immer dieselbe Tonart.“

          Das, was erzählt wird, schrieb sich ziemlich genau in der Zeit, von der berichtet wird, dem ersten Jahr nach dem Tod des Vaters im Herbst 2018. Der Tod tritt nicht nur ein einziges Mal auf, es sterben auch eine Joggerin im Park, eine Berliner Bekannte des Bruders und die ungarische Philosophin Ágnes Heller, die im Sommer 2019 beim Schwimmen im Plattensee ums Leben kommt, in dem auch der Vater gerne geschwommen ist, weit hinaus: „Der Tod ist das, was immer da ist, was immer zugreifen kann, was immer geschieht.“ Trotzdem galt es, von ihm in Nuancen zu erzählen, im Miteinander von Hell und Dunkel: „Es geht nicht nur um den düsteren Teil des Sterbens.“ Traurig, wütend, komisch, hilflos – so sei die Trauerzeit gewesen, so hätten sich daher auch die rund 200 Seiten anfühlen sollen: „Auf keinen Fall immer dieselbe Tonart.“ Stattdessen ein Thema mit Variationen, dazu da, diesen Gefühlszustand in immer neuen Wendungen zu fassen: „Ihn immer wieder anders auszuleuchten.“

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          Zum Wechsel von Hellem und Dunklem tragen die Rückblenden bei. Das Buch, das sich so unkompliziert anfühlt, als sei es chronologisch schwungvoll nach vorne erzählt, besteht auf den zweiten Blick aus einer Unzahl von Zeitsprüngen. Und ungarischen Schlaglichtern. Die Schublade mit den Briefen im Küchenschreibtisch zum Beispiel, die ihre Mutter aus Deutschland an ihre eigene Mutter zu Hause richtete. Bánk hatte die Briefe erst im Jahr zuvor gefunden. „Vom Albtraum meiner Großmutter, die ein ganzes Jahr lang nichts von ihrer Tochter hörte, hat mir meine Mutter erst dann erzählt.“ Kleine Szenen zum Irrsinn der Diktatur seien das, von der die Eltern sich abwenden mussten.

          Es geht um den Vater, die Tochter, die Mutter, die Budapester Cousine und ihre langsam das Gedächtnis verlierende Mutter, jene Tante, der die Mutter vor ihrem Fluchtversuch über die Grenze als Einziger von ihrem Plan erzählt hatte. Um eine abenteuerliche Reise des Vaters in das aufständische Budapest, bei der er Verwandten Suppe bringen soll, und um eine Autofahrt der 13 Jahre alten Tochter mit Mutter und Bruder zur Familie des Vaters nach Ostungarn, wo die Straßen im Jahr 1968 abgesperrt sind, weil sowjetische Panzer in die Tschechoslowakei rollen.

          Das Schreiben beruhigt sie

          Getröstet hat sie das Schreiben nicht: „Aber ich bin sehr glücklich, dass ich das Dokument habe.“ Dass es vorliegt, mag dazu beigetragen haben, dass sie sich heute „gefasster“ fühlt. Vielleicht liegt hier die Erklärung für die Notwendigkeit dieses Buches. Das Schreibenmüssen, das sie diesmal so getriezt hat, definiert Bánk wie folgt: „Ich beruhige mich damit.“ Denn so lasse sich das jeweilige Thema beherrschen: „Ich fasse es, ich stelle es in seine Grenzen.“

          Bücher über Krankheit und Sterben hat es in den vergangenen Jahren viele gegeben, von Joan Didion über Arno Geiger und David Wagner bis zu Connie Palmen: „Ich mag diese Form von autobiographischem Schreiben.“ Auch wenn sie sich frage, was die vielbeschworene Autofiktion ausmache: „Was ist das eigentlich?“ Viele verschiedene Schreibweisen steckten hinter dem unpräzisen Wort. Jetzt hat sie ein solches Schreiben zum ersten Mal ausprobiert. Geht es bei ihr jetzt so weiter wie bei Knausgård und Kurzeck? Eher nicht: „Ich würde sagen, das war einmalig.“

          Die Wucht des ersten Jahres ist verflogen

          Vor kurzem hat sich der Todestag ihres Vaters abermals gejährt: „Jetzt ist es schon ganz anders.“ Die Wucht des ersten Jahres sei verflogen. Genau sie habe sie festhalten wollen: „Bannen. Kleinschreiben.“ Kleinschreiben? „Nicht niederknüppeln. Untersuchend in Einzelteile zerlegen.“ Mehr davon bei der Buchvorstellung am Donnerstag in Wiesbaden.

          Sterben im Sommer: Am Donnerstag, 24. September, stellt Zsuzsa Bánk ihr Buch von 19.30 Uhr an im Museum Wiesbaden vor. Am 6. Oktober liest sie in Darmstadt, am 17. Oktober in der Frankfurter Katharinenkirche, am 3. November im Literaturhaus Frankfurt.

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