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Schriftsteller J. R. Moehringer : Der Junge aus der Tender Bar

J.R. Moehringer sieht nicht aus wie ein typischer Schriftsteller, ist aber ein guter. Bild: Lüdecke, Matthias

Er hat mit André Agassi dessen Autobiographie verfasst und ein Buch über einen berühmten Bankräuber. Doch die beste Story des Schriftstellers J. R. Moehringer ist die seines eigenen Lebens.

          6 Min.

          Er ist sprachlos, immer noch. Vor kurzem erst hat der Schriftsteller J. R. Moehringer erfahren, dass drei Monate Arbeit umsonst gewesen sind. „Ich kann es nicht glauben“, seufzt er, „wieso tun sie das?“ Für einen Moment verschwindet aus seinem Gesicht das gewinnende Lächeln, das den Reporter in ihm verrät. Von Berufs wegen sind Journalisten darin geübt, aus Gesprächspartnern ziemlich schnell ziemlich viel herauszuholen. Jeder gute Reporter muss deshalb auch ein guter Verführer sein. J. R. Moehringer, der viele Jahre lang für die „Los Angeles Times“ Korrespondent in Denver war, ist darin zweifellos ein Meister, hat er es doch zum renommierten Pulitzer-Preis gebracht.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Jetzt sitzt er im Dachrestaurant eines Frankfurter Hotels mit Blick auf die funkelnde Skyline und trinkt einen Schluck aus seinem Wasserglas. Seit er 25 ist, trinkt er keinen Alkohol. Dabei hat er schon mit elf die Biergläser in der Bar seines Onkels geleert. Am Abend wird er im English Theatre im Bahnhofsviertel aus seinem jüngsten Roman lesen, der unter dem Titel „Knapp am Herz vorbei“ gerade auf Deutsch erschienen ist. Vom Klischee des Schriftstellers hält sich der achtundvierzigjährige Amerikaner möglichst fern. Schon rein äußerlich setzt er sich ab vom Künstlerlook in schwarzem Rollkragenpulli und Cordsakko. Moehringer trägt Anzug und Krawatte und eine sehr teure Uhr am Handgelenk. Er sieht aus wie ein Geschäftsmann auf der Durchreise, der mit seinem akkuraten Kurzhaarschnitt in der Bankenstadt Frankfurt nicht weiter auffällt.

          Moehringer hat eine Vorliebe zur Peripherie

          Moehringer hält gern Distanz. So lebt er nicht etwa in Brooklyn in New York, wo die literarische Bohème sich gern niederlässt, sondern in der Wüste, bei Phoenix. Kein Geld der Welt könnte ihn nach Brooklyn locken. Dort im Café am Nachbartisch von Jonathan Safran Foer zu sitzen und sich anhören zu müssen, wessen Buch wo auf der Bestsellerliste steht? Und wer wie in der „New York Times“ besprochen wurde? „No, thank you!“ Moehringer winkt ab. An seiner Vorliebe zur Peripherie hält er fest. Als Nächstes will er nach Oregon übersiedeln.

          Seine mit dem Pulitzer-Preis gewürdigte literarische Reportage „Mary Lee’s Vision“ erzählt von einer schwarzen Armensiedlung in einem Nest namens Gee’s Band. Sein gerade gescheitertes Buchprojekt behandelte ebenfalls einen sozialen Aspekt. Es sollte um ein Pilotprojekt in Saint Louis gehen, das - einmalig in Amerika, wie Moehringer erzählt - mit der Unterstützung von Mäzenen, Behörden und Detektiven Verwandte von Waisenkindern aufspürt. „Es ist nachgewiesen, dass diese Verbindungen diesen Kindern helfen, sogar wenn der wiedergefundene Onkel oder die entfernte Cousine selbst gar nicht unbedingt in besten Verhältnissen leben“, erzählt Moehringer.

          Es reiche oft, wenn die sich verlassen wähnenden Kinder erfahren, dass da noch einer aus ihrer Sippe auf der Welt sei. Moehringer hat so lange recherchiert, mit Sozialarbeitern, Politikern und Waisen gesprochen, bis die Geschichte vor seinem inneren Auge Gestalt annahm. Es fehlte nur noch die Zustimmung vom Direktor der Einrichtung. Doch der legte ihm einen langen Vertrag vor, der darin gipfelte, dass Moehringer alle Einnahmen aus dem Buch spenden müsse. Das war das Aus. Selbst ein renommierter Schriftsteller wie J. R. Moehringer kann es sich nicht leisten, drei Jahre umsonst zu arbeiten.

          Sein Vater war ein Trinker und verließ die Familie

          Dass sich der 1964 in New York geborene Schriftsteller gerade für dieses Projekt begeisterte, liegt in seiner eigenen Biographie begründet. Denn Moehringer, der in Yale Geschichte studiert hat, war zeit seines Lebens auf der Suche nach Ersatzvätern. Seine Kindheit, die er in Manhasset auf Long Island verbrachte, war überschattet von der Abwesenheit des eigenen Vaters: John Joseph Moehringer war ein Trinker und Choleriker, der seine Familie verließ, als sein Sohn ein Baby war. Als Kind habe er die Sehnsucht nach dem Vater sehr schmerzhaft empfunden, erinnrt er sich.

          Damals habe er dann oft das Radio angeschaltet und „The Voice“ gehört. Die Stimme, wie sein Vater genannt wurde. Moehringer senior moderierte auf einem New Yorker Hörfunksender Popmusiksendungen und hatte es in den siebziger Jahren zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Noch heute hat J. R. Moehringer den Tonfall seines Vaters im Ohr, wenn im Radio bestimmte Songs von Stevie Wonder oder Van Morrison erklingen. Oft saß er mit seinem kleinen Transistorradio auf der Straße und drehte verzweifelt an den Knöpfen, bis er den Sender mit seinem Vater fand. Seiner Mutter brach es beinah das Herz, wenn sie ihn da sitzen sah.

          Gelegentlich bekommt der Sohn noch Post von Fans seines Vaters, der 2002 starb und den er selbst erst als Erwachsener kennenlernte, unter nicht sehr friedlichen Bedingungen. Es habe ihn Jahre gekostet, erzählt er heute, herauszufinden, dass das Bild des Vaters, welches die Radiostimme erzeugte, nichts mit der Realität zu tun hatte. Auch deshalb nennt sich der Sohn, der eigentlich ebenfalls John Joseph heißt, heute J. R.: Er will nicht denselben Namen tragen wie der Mann, der damals die kleine Familie als Schicksalsgemeinschaft zurückließ. Und es waren harte Zeiten. Seine Mutter verdiente so wenig, dass es für sie und ihren Sohn oft nicht reichte. Mit lakonischem Humor und sanfter Ironie beschreibt Moehringer dieses Leben in Armut in „Tender Bar“. Dieses literarische Debüt wurde bald in einem Atemzug mit Frank McCourts irischem Kindheitsbericht „Die Asche meiner Mutter“ genannt. Moehringers Geschichte vom Erwachsenwerden in einer Bar machte den Journalisten 2005 berühmt.

          Fast an Fitzgerald gescheitert

          Sein Vorbild ist bis heute F. Scott Fitzgerald. Dass dessen Romanklassiker „Der große Gatsby“ ausgerechnet in seiner Heimatstadt Manhasset auf Long Island spielt, im Roman East Egg genannt, hat Moehringer an seinem eigenen Buch fast scheitern lassen - so übermächtig empfand er den Schatten, der ihm vorausging. Doch dann erinnerte er sich an seine Kindheit in der Bar, die auch noch „Dickens“ hieß, nach einem Schriftsteller also, der wie kein anderer das Leid verstoßener Söhne beschworen hat. Und wie er, Moehringer, dort all die Väter fand, nach denen er so lange gesucht hatte. Charlie, sein affektierter Onkel, der stets unter seiner Glatze gelitten hat; Steve, der umtriebige Barbesitzer, und Bob the Cop, der im „Dickens“ seinen Frust herunterspülte. Von diesem Bob lernte das Kind das Handwerk des Erzählens, denn der Polizist soll darin unübertroffen gewesen sein.

          Und es gab noch zwei weitere Ersatzväter, Bill und Bud, denen Moehringer später am Abend im English Theatre ein kleines Denkmal setzen wird, weil er nicht vergessen hat, was sie für ihn getan haben: In ihrer Buchhandlung, wo er jobbte, führten Bill und Bud ihn in die Welt der Literatur ein. Und sie setzten ihm den Floh ins Ohr, sich für Yale zu bewerben. Ausgerechnet ihm, dem Jungen aus prekären Verhältnissen, dessen alleinerziehende Mutter nie in der Lage gewesen wäre, ihm ein Studium zu finanzieren. Für den verlangten Bewerbungsaufsatz hatte er sich eine Liste mit lauter Wörtern notiert, die er für wichtig hielt, Wörter, die für ihn nach Yale klangen. Dann arbeitete er die Liste ab. Doch seine Mutter gab ihm den Text kopfschüttelnd ein ums andere Mal zurück. Erst als die ganze Liste ausradiert war, war sie einverstanden. Herausgekommen war ein Text, der einfach und ohne irgendwelche Gewissheiten zu verbreiten, davon erzählt, was Bill und Bud den jungen Mann gelehrt hatten. Moehringer wurde in Yale aufgenommen. Bis heute liest seine Mutter all seine Texte als Erste gegen.

          Moehringer schrieb die Autobiographie von André Agassi, hier mit seiner Frau Steffi Graf.

          “Das war gewiss nicht mein Beginn als Schriftsteller, dazu ist der Text nicht gut genug“, sagt Moehringer und lacht, „aber es ist diese Erfahrung, sich von überflüssigem Ballast zu befreien und auf die Kraft der eigenen Worte zu vertrauen, an die ich mich beim Schreiben immer wieder erinnere, vor allem, wenn ich nicht weiterkomme.“

          Es gibt in Moehringers literarischem Werk eine interessante Entwicklung. Denn während das autobiographische „Tender Bar“ seine Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt, hat er sich für sein darauffolgendes Werk „Open“, die Autobiographie des Tennisspielers André Agassi, in die Identität eines anderen Menschen versenkt. Was ihn an diesem Projekt gereizt hat, war Agassis Vaterproblem. Denn es spiegelt auf eine gewisse Weise sein eigenes Hadern mit dem Vater, allerdings im anderen Extrem. Während J. R. Moehringers Erzeuger durch Abwesenheit glänzte, hatte der Tennisprofi einen omnipräsenten Vater.

          Tage, Wochen und Monate haben die beiden traumatisierten Söhne miteinander gesprochen. Dann schrieben sie zusammen das Buch. Heute sind sie befreundet. Und Moehringers schicke Armbanduhr ist ein Geschenk des Tennisspielers, den er immer wieder trifft, schon allein, weil sie bei Phoenix nicht weit voneinander entfernt wohnen.

          Groll über die Machenschaften der Banker

          Mit seinem jüngsten Roman nun, „Knapp am Herz vorbei“, hat sich der Autor noch einen Schritt weiter vorgewagt, in die Fiktion. Denn auch wenn es seinen Romanhelden Willie Sutton wirklich gegeben hat, so ist es schließlich doch eine fiktionalisierte Lebensgeschichte des 1901 in den irischen Slums von Brooklyn geborenen Bankräubers, die Moehringer erzählt. „Sutton, der Schauspieler“ wurde er genannt, als Volksheld gefeiert. Weil er schneller in Banken und aus Gefängnissen heraus gelangte als jeder andere. Und weil er während seiner ganzen räuberischen Laufbahn nie einem Menschen körperlich etwas zuleide tat.

          Moehringer hat nicht nur seine Bewunderung über das Genie des Willie Sutton in sein Buch gepackt, sondern auch seinen Groll über die Machenschaften der Banker heute, weshalb er „Knapp am Herz vorbei“ auch als Kommentar zu unserer turbulenten Zeit verstanden wissen will, die er in vielerlei Hinsicht mit den von Börsencrashs gebeutelten zwanziger Jahren vergleicht. Auch deshalb ist es schade, dass der deutsche Titel von „Sutton“, wie das Buch im Original heißt, so sehr nach Liebesroman klingt. Das ist das falsche Signal für diese so lesenswerte Geschichte.

          Längst ist es ist Zeit aufzubrechen. Im English Theatre wartet das Publikum auf den Autor des Abends. Kurz bevor es losgeht, soll Moehringer vor der Kamera noch rasch ein Interview geben. Auch das absolviert er mit amerikanischem Professionalismus. Dann geht er auf die Bühne, trinkt einen Schluck Wasser und legt los. Anderthalb Stunden hört das Publikum ihm gebannt zu. Es interessiert sich für die Abenteuer von Willie Sutton und die Anekdoten über André Agassi und Steffi Graf. Verzaubert aber sind sie von der eigenen Geschichte dieses J. R. Moehringer. Es ist wahr: Sein Leben hat die bislang beste Story aus ihm hervorgeholt. Ob er das als Fluch oder eher als Segen begreift, ist noch nicht ausgemacht.

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