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Schriftsteller J. R. Moehringer : Der Junge aus der Tender Bar

Und es gab noch zwei weitere Ersatzväter, Bill und Bud, denen Moehringer später am Abend im English Theatre ein kleines Denkmal setzen wird, weil er nicht vergessen hat, was sie für ihn getan haben: In ihrer Buchhandlung, wo er jobbte, führten Bill und Bud ihn in die Welt der Literatur ein. Und sie setzten ihm den Floh ins Ohr, sich für Yale zu bewerben. Ausgerechnet ihm, dem Jungen aus prekären Verhältnissen, dessen alleinerziehende Mutter nie in der Lage gewesen wäre, ihm ein Studium zu finanzieren. Für den verlangten Bewerbungsaufsatz hatte er sich eine Liste mit lauter Wörtern notiert, die er für wichtig hielt, Wörter, die für ihn nach Yale klangen. Dann arbeitete er die Liste ab. Doch seine Mutter gab ihm den Text kopfschüttelnd ein ums andere Mal zurück. Erst als die ganze Liste ausradiert war, war sie einverstanden. Herausgekommen war ein Text, der einfach und ohne irgendwelche Gewissheiten zu verbreiten, davon erzählt, was Bill und Bud den jungen Mann gelehrt hatten. Moehringer wurde in Yale aufgenommen. Bis heute liest seine Mutter all seine Texte als Erste gegen.

Moehringer schrieb die Autobiographie von André Agassi, hier mit seiner Frau Steffi Graf.

“Das war gewiss nicht mein Beginn als Schriftsteller, dazu ist der Text nicht gut genug“, sagt Moehringer und lacht, „aber es ist diese Erfahrung, sich von überflüssigem Ballast zu befreien und auf die Kraft der eigenen Worte zu vertrauen, an die ich mich beim Schreiben immer wieder erinnere, vor allem, wenn ich nicht weiterkomme.“

Es gibt in Moehringers literarischem Werk eine interessante Entwicklung. Denn während das autobiographische „Tender Bar“ seine Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt, hat er sich für sein darauffolgendes Werk „Open“, die Autobiographie des Tennisspielers André Agassi, in die Identität eines anderen Menschen versenkt. Was ihn an diesem Projekt gereizt hat, war Agassis Vaterproblem. Denn es spiegelt auf eine gewisse Weise sein eigenes Hadern mit dem Vater, allerdings im anderen Extrem. Während J. R. Moehringers Erzeuger durch Abwesenheit glänzte, hatte der Tennisprofi einen omnipräsenten Vater.

Tage, Wochen und Monate haben die beiden traumatisierten Söhne miteinander gesprochen. Dann schrieben sie zusammen das Buch. Heute sind sie befreundet. Und Moehringers schicke Armbanduhr ist ein Geschenk des Tennisspielers, den er immer wieder trifft, schon allein, weil sie bei Phoenix nicht weit voneinander entfernt wohnen.

Groll über die Machenschaften der Banker

Mit seinem jüngsten Roman nun, „Knapp am Herz vorbei“, hat sich der Autor noch einen Schritt weiter vorgewagt, in die Fiktion. Denn auch wenn es seinen Romanhelden Willie Sutton wirklich gegeben hat, so ist es schließlich doch eine fiktionalisierte Lebensgeschichte des 1901 in den irischen Slums von Brooklyn geborenen Bankräubers, die Moehringer erzählt. „Sutton, der Schauspieler“ wurde er genannt, als Volksheld gefeiert. Weil er schneller in Banken und aus Gefängnissen heraus gelangte als jeder andere. Und weil er während seiner ganzen räuberischen Laufbahn nie einem Menschen körperlich etwas zuleide tat.

Moehringer hat nicht nur seine Bewunderung über das Genie des Willie Sutton in sein Buch gepackt, sondern auch seinen Groll über die Machenschaften der Banker heute, weshalb er „Knapp am Herz vorbei“ auch als Kommentar zu unserer turbulenten Zeit verstanden wissen will, die er in vielerlei Hinsicht mit den von Börsencrashs gebeutelten zwanziger Jahren vergleicht. Auch deshalb ist es schade, dass der deutsche Titel von „Sutton“, wie das Buch im Original heißt, so sehr nach Liebesroman klingt. Das ist das falsche Signal für diese so lesenswerte Geschichte.

Längst ist es ist Zeit aufzubrechen. Im English Theatre wartet das Publikum auf den Autor des Abends. Kurz bevor es losgeht, soll Moehringer vor der Kamera noch rasch ein Interview geben. Auch das absolviert er mit amerikanischem Professionalismus. Dann geht er auf die Bühne, trinkt einen Schluck Wasser und legt los. Anderthalb Stunden hört das Publikum ihm gebannt zu. Es interessiert sich für die Abenteuer von Willie Sutton und die Anekdoten über André Agassi und Steffi Graf. Verzaubert aber sind sie von der eigenen Geschichte dieses J. R. Moehringer. Es ist wahr: Sein Leben hat die bislang beste Story aus ihm hervorgeholt. Ob er das als Fluch oder eher als Segen begreift, ist noch nicht ausgemacht.

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