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Schriftsteller J. R. Moehringer : Der Junge aus der Tender Bar

Sein Vater war ein Trinker und verließ die Familie

Dass sich der 1964 in New York geborene Schriftsteller gerade für dieses Projekt begeisterte, liegt in seiner eigenen Biographie begründet. Denn Moehringer, der in Yale Geschichte studiert hat, war zeit seines Lebens auf der Suche nach Ersatzvätern. Seine Kindheit, die er in Manhasset auf Long Island verbrachte, war überschattet von der Abwesenheit des eigenen Vaters: John Joseph Moehringer war ein Trinker und Choleriker, der seine Familie verließ, als sein Sohn ein Baby war. Als Kind habe er die Sehnsucht nach dem Vater sehr schmerzhaft empfunden, erinnrt er sich.

Damals habe er dann oft das Radio angeschaltet und „The Voice“ gehört. Die Stimme, wie sein Vater genannt wurde. Moehringer senior moderierte auf einem New Yorker Hörfunksender Popmusiksendungen und hatte es in den siebziger Jahren zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Noch heute hat J. R. Moehringer den Tonfall seines Vaters im Ohr, wenn im Radio bestimmte Songs von Stevie Wonder oder Van Morrison erklingen. Oft saß er mit seinem kleinen Transistorradio auf der Straße und drehte verzweifelt an den Knöpfen, bis er den Sender mit seinem Vater fand. Seiner Mutter brach es beinah das Herz, wenn sie ihn da sitzen sah.

Gelegentlich bekommt der Sohn noch Post von Fans seines Vaters, der 2002 starb und den er selbst erst als Erwachsener kennenlernte, unter nicht sehr friedlichen Bedingungen. Es habe ihn Jahre gekostet, erzählt er heute, herauszufinden, dass das Bild des Vaters, welches die Radiostimme erzeugte, nichts mit der Realität zu tun hatte. Auch deshalb nennt sich der Sohn, der eigentlich ebenfalls John Joseph heißt, heute J. R.: Er will nicht denselben Namen tragen wie der Mann, der damals die kleine Familie als Schicksalsgemeinschaft zurückließ. Und es waren harte Zeiten. Seine Mutter verdiente so wenig, dass es für sie und ihren Sohn oft nicht reichte. Mit lakonischem Humor und sanfter Ironie beschreibt Moehringer dieses Leben in Armut in „Tender Bar“. Dieses literarische Debüt wurde bald in einem Atemzug mit Frank McCourts irischem Kindheitsbericht „Die Asche meiner Mutter“ genannt. Moehringers Geschichte vom Erwachsenwerden in einer Bar machte den Journalisten 2005 berühmt.

Fast an Fitzgerald gescheitert

Sein Vorbild ist bis heute F. Scott Fitzgerald. Dass dessen Romanklassiker „Der große Gatsby“ ausgerechnet in seiner Heimatstadt Manhasset auf Long Island spielt, im Roman East Egg genannt, hat Moehringer an seinem eigenen Buch fast scheitern lassen - so übermächtig empfand er den Schatten, der ihm vorausging. Doch dann erinnerte er sich an seine Kindheit in der Bar, die auch noch „Dickens“ hieß, nach einem Schriftsteller also, der wie kein anderer das Leid verstoßener Söhne beschworen hat. Und wie er, Moehringer, dort all die Väter fand, nach denen er so lange gesucht hatte. Charlie, sein affektierter Onkel, der stets unter seiner Glatze gelitten hat; Steve, der umtriebige Barbesitzer, und Bob the Cop, der im „Dickens“ seinen Frust herunterspülte. Von diesem Bob lernte das Kind das Handwerk des Erzählens, denn der Polizist soll darin unübertroffen gewesen sein.

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