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Körpertrend „Ab Crack“ : Sehnsucht nach Sehnen

  • -Aktualisiert am

„Wie eine Krankheit“: Model Emily Ratajkowski zeigt ihre Spalte im Bauch. Bild: face to face

Nachschub aus der Optimierungshölle: Nach „Thigh Gap“ und „Bikini Bridge“ heißt der neue Körper-Hype „Ab Crack“. Darauf eine Runde „Doppelkinn“ für alle.

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          Es ist Sommer, und seit ein paar Jahren ist das zuverlässig die Zeit, in der ein bislang völlig unbedeutendes Körperteil Maßstab dafür wird, wie perfekt der eigene Körper so ist. Wobei: Körperteil ist gar nicht das richtige Wort. In echt handelt es sich bei den jeweiligen Hypes oft um die Abwesenheit von Körper an einer bestimmten Stelle: zwischen den Schenkeln („Thigh Gap“), um die Hüftknochen herum („Bikini Bridge“), am Schlüsselbein („Collarbone Challenge“) oder gleich einmal rum um den ganzen Torso („Belly-Button Challenge“ und „A4 Waist“).

          2016 nun also die „Ab Crack“. Das ist eine Spalte im Bauch vom Brustbein bis zum Nabel, eine Art Canyon in der Bauchlandschaft: im Tal das Bindegewebe, an den Hängen die Muskeln, hart und stolz. Das amerikanische Model Emily Ratajkowski ist mit einem Instagram-Foto zur Heldin der, nun ja, Ab- Crack-Bewegung geworden. Wie sie zeigen auch die Models Bella Hadid und Stella Maxwell ihre Linie vor, die Fitness-Youtube-Sternchen Jen Selter und Hannah Bronfman. Die Aufregung wird unter #AbCrack vor allem auf Instagram zelebriert - was immerhin den Vorteil hat, dass alle Frauen jenseits der sechzehneinhalb sie ignorieren können.

          Das sagen Sportmediziner

          Wo soll man bloß anfangen, das doof zu finden? Bleiben wir zunächst bei den anatomischen Fakten, und zwar mit Ingo Froböse, der an der Sporthochschule Köln das medizinische Gesundheitszentrum leitet und auf seiner Website den schönen Leitspruch stehen hat: „Lieber moppelig und fit als schlank und unfit“. Die Ab Crack, erklärt er am Telefon, heißt medizinisch „Linea Alba“ und ist eine Sehnenplatte. Wer sie sichtbar machen will, hat vor allem einen Feind: das Unterhautfettgewebe. Insofern ist es, sagen wir, schade, dass ausgerechnet Frauen der Ab Crack so entgegenschwitzen und sich gegenseitig kleine Zeichnungen angeblich besonders wirkungsvoller Fitnessübungen schicken. Stimmt schon, diese immer gleiche Kritik an den Normierungsversuchen des weiblichen Körpers nervt, ist irgendwie altklug, aber es nützt ja nichts - die Versuche werden immer absurder.

          Fitness-Sternchen Jen Selter ist eigentlich wegen ihres Hinterns bekannt geworden...

          Zurück zu den anatomischen Fakten. Weil der weibliche Körper immer in Habachtstellung ist, ob es da nicht doch bald ein ungeborenes Kind zu nähren gilt, haben es Frauen schwerer als Männer, das Unterhautfettgewebe loszuwerden. Damit bei ihnen eine Ab Crack sichtbar wird, muss es schon ein Körperfettanteil von weniger als fünfzehn Prozent sein (erwachsene Frauen dürfen auch mit um die 20 noch als schlank gelten) - bei gleichzeitig dickster Bauchmuskulatur. „Da müssen nicht nur die geraden Bauchmuskeln täglich brennen, sondern da muss auch viel Ausdauertraining betrieben werden“, sagt Froböse von der Sporthochschule. Ein Sixpack, bei dem die Querstreifen der Bauchmuskulatur sichtbar sind, sei leichter zu erlangen.

          Ein Hype, der für die meisten einfach unerreichbar ist

          Online wird die Ab Crack als eine Errungenschaft gefeiert: Endlich gelte nicht mehr der viel zu dünne Körper als Ideal, sondern der starke, sportliche, der dem disziplinierten Selbst durch Training und gesundes Essen abgerungene. Bevor das hier jetzt allzu miesepetrig wird, überspringen wir schnell die Frage, warum es überhaupt ein Körperideal geben sollte, und reden über ein verwandtes, aber viel größeres Problem: Die sporty kids of Instagram jagen natürlich auch in diesem Jahr wieder einem Hype hinterher, der für die meisten von ihnen ganz klar nicht erreichbar ist. Denn wie die Thigh Gap, die 2014 begehrte Lücke zwischen den Schenkeln, die viel mit dem Aufbau der Knochen und wenig mit der Körperfülle zu tun hatte, ist auch die Ab Crack nur für diejenigen überhaupt zu erreichen, die die anatomischen Voraussetzungen dafür haben: Nur bei Menschen, bei denen die Sehnenplatte tief genug im Bauch liegt, zeichnet sie sich bei entsprechender Muskulatur als Relief ab.

          ...hat aber auch eine Ab Crack.

          „I’ve never seen a line like that in my life“, „ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine solche Linie gesehen“, hat eine Instagram-Nutzerin unter das Foto von Ratajkowski gepostet - was zweifellos daran liegt, dass die meisten von uns die Linea Alba auch bei ausschließlichem Verzehr von grünem Tee mit Zitrone und 200 Sit-ups pro Stunde niemals sichten werden.

          Eine Idee zur Unterwanderung des Hypes

          Das Problem wäre nun nicht ernsthaft eines, bliebe es in der Hashtag-Welt. Aber Fitnessprofi Froböse, dessen Youtube-Videos etwa ein Zehntel der Klicks erzielen, welche die Filme der Ab-Crack-Trägerin Selter üblicherweise zusammenbekommen, wird von jungen, körperbewussten Menschen immer mal wieder nach Ab Crack und Co. gefragt und wie man so etwas wohl bekomme. „Die versuchen sich zu gestalten, als sei ihr Körper ein Kunstwerk“, sagt Froböse. Und weil das so schwierig sei und für viele ohnehin ganz unmöglich, „driftet das ganz schnell in die Magersucht ab“.

          Jetzt kommt in diesem schlechtgelaunten Text die Stelle zum Aufatmen: Im Netz gibt es schon eine kleine Gegenbewegung zum Ab-Crack-Hype. Lustige Menschen posten unter dem Hashtag #Abcrack Robben und Hunde mit einer Art Bauchspalte, laden einen gespaltenen Baum hoch oder, besonders schön: einen viereckigen Schokokuchen, in der Mitte leicht angeritzt. „#Abcrack ist jetzt also ein Ding, ja?“, schreibt eine Nutzerin und meint: „Sieht aus wie eine Krankheit.“

          Weitere Idee zur Unterwanderung: Besinnen wir uns der Zeit, in der funktionslose Körperregionen nur dann Karriere gemacht haben, wenn sie besonders schlaff waren. Das Doppelkinn zum Beispiel ist zwischen all den Cracks und Thighs ins Hintertreffen geraten. Oder das Hüftgold, für das die Amerikaner den schönen Begriff „love handles“ kennen. Winkefleisch hatte früher jeder ohne festen Trizeps - das betraf seinerzeit so viele, dass extra ein Begriff erfunden wurde. Diese Wörter von kichrigem Unernst waren eine Aufforderung ex negativo, den Hintern vom Sofa hochzukriegen. Und niemandem, der das tat, drohte eine Essstörung.

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