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Schlagertexter Bernd Meinunger : Sing mit mir mein kleines Lied

„Das Schönste ist, wenn man aus dem Nichts heraus einen Hit schreibt, am besten noch für eine Band, die niemand kennt.“ Das gelang ihm 1979 mit Dschinghis Khan, das gleichnamige Lied schrieb er in einer Dreiviertelstunde. Langwierig sei gewöhnlich nur die Suche nach der Zeile, sagt Meinunger. Nicht nur Ralph Siegel beginnt stets mit dem Titel, der möglichst originell sein soll. Das kann Tage und Wochen dauern. Erst wenn die Zeile dann steht, kann Meinunger dichten und Siegel schließlich dazu komponieren. Im Jahr des Falkland-Krieges zum Beispiel wollte Siegel für den Grand Prix unbedingt ein Friedenslied. „Ich aber wollte nicht, und wir diskutierten ewig rum.“ Schließlich sagte Meinunger, dass er sich höchstens „auf ein bisschen Frieden“ einlassen würde - der Rest ist Geschichte.

Und von der zehrt Siegel noch heute. Meinunger hingegen, der sich mit keinem anderen Menschen wohl öfter in den Haaren liegt als mit „meinem Freund Ralph“, schweigt lieber, wenn es um die Verbissenheit geht, mit der sich sein einstiger Dauerpartner für immer kleinere Länder am ESC abarbeitet. Mit Siegels wachsender Erfolglosigkeit und den Liedern für zum Beispiel Valentina Monetta aus San Marino habe er jedenfalls nichts zu tun. „Gott sei Dank!“ Darüber zumindest kann er herzhaft lachen. Was ihn aber ärgert, ist, dass seine Branche seit Jahren in Verruf geraten ist - und zu Recht, wie er meint. „Die Qualität der Texte ist grauenvoll.“ Früher hätten sich die Interpreten auf gute Texter verlassen. „Heute glauben viele, das bisschen Reimen bekommen sie schon irgendwie hin. Tun sie aber nicht.“ So sei es kein Wunder, dass die Verkaufszahlen zurückgingen und nur noch sieben Radiosender überhaupt Schlager in Deutschland spielten. Die Häme auch ihm gegenüber ist ihm wohlbekannt. Aber „peinlichen Schrott“ liefere er zumindest nicht ab. Er nehme jeden Auftrag ernst, feile an Reimen und Zeilen, könne für sich in Anspruch nehmen, dass er Lyrik geschrieben hat, die fast in jeden Haushalt Einzug hielt.

Der Wiesn-Hit von 1985 wird noch immer gespielt

Krieg und Frieden sind gemeinhin nicht die Themen des Liedtexters Meinunger. Auch die Politik bleibt draußen, ganz nach dem Motto, das Nicole schon 1982 in seinem Namen gesungen hat: „Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel.“ Er will zwar unterhalten, schafft es aber auch, Texte zu verfassen, die Menschen berühren und Bestand haben. Am liebsten schreibt er natürlich über die Liebe. „Was Schöneres gibt es ja auch nicht.“ Meinunger findet stets einen neuen Dreh: „Liebe ist ja so facettenreich!“ Ein Lieblingslied aus eigener Produktion habe er nicht, aber einen Titel, der ihm bis heute großen Spaß bereite: „Max Don’t Have Sex With Your Ex“. Den Song schrieb er 1994 für E-Rotic, ein von David Brandes gegründetes Dancefloor-Projekt, und zwar wie stets bei englischen Songs unter seinem Pseudonym John O’Flynn, dem Namen eines ehemaligen irischen Golftrainers.

Und noch ein Lied zählt zu seinen Lieblingen, eines, das ihm in diesen Tagen wieder ein paar Euro mehr beschert. Denn es wird gerade wieder in den Festzelten beim Oktoberfest gespielt: „Resi, i hol di mit mei’m Traktor ab“ (Musik von Hanne Haller). Der Wiesn-Hit von 1985 ist sein vierterfolgreichstes Lied. Für den Schauspieler Wolfgang Fierek blieb es mit dieser Single beim One-Hit-Wonder, auch wenn er als Sänger noch manches danach gesungen hat, was textlich ebenfalls ziemlich blöde war. Es war aber nicht von Bernd Meinunger geschrieben. Der lacht nur und sagt: „Auch blöd kann ich eben ziemlich gut.“

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