https://www.faz.net/-gum-9jo28

Sauer über einen Schlagerwettbewerb: Italiens Innenminister Matteo Salvini. Bild: dpa

Innenminister und Verlierer sauer : Schlagabtausch beim Schlagerfest

  • -Aktualisiert am

Missklänge beim Schlagerfestival von Sanremo: Der Chefmoderator äußert sich kritisch zur Migrationspolitik – das ruft Italiens Innenminister Salvini auf den Plan. Der kontert nicht nur, sondern beschwert sich auch über den Ausgang des Wettbewerbs.

          Wenn im Fernsehen live gesungen wird, geht es selten ohne Misstöne ab. So ist es auch beim Schlagerfestival von Sanremo, das in diesem Jahr zum 69. Mal stattfand und am Samstag zu Ende ging. Aber vielleicht gerade weil in Sanremo alles echt ist und manchmal auch schief klingt, ist der Sangeswettbewerb in der ligurischen Hafenstadt legendär geworden. An fünf Abenden sitzt Jahr um Jahr halb Italien vor dem Fernseher – auch heuer lagen die Einschaltquoten bei Rai 1 bei jeweils etwa 50 Prozent – und lauscht den neuen Liedern der Nation. Von Sanremo aus begannen Karrieren von Größen wie Andrea Bocelli, Adriano Celentano und Eros Ramazzotti.

          In diesem Jahr gab es aber auch erhebliche politische Missklänge. Das fing mit Einlassungen des Direktors und Chefmoderators Claudio Baglioni an, der sich kritisch zur Migrationspolitik der panpopulistischen Koalitionsregierung in Rom geäußert hatte. Baglioni ist ein etwas in die Jahre gekommener „cantautore“ (auf Deutsch etwa: Sänger-Dichter), der 1972 den Durchbruch mit der Schnulze „Questo piccolo grande amore“ schaffte und seit vergangenem Jahr Sanremo leitet und moderiert. Wenn in aller Welt Millionen Migranten unterwegs seien, so Baglioni kurz vor dem Auftakt des Festivals, dann sei es reine Symbolpolitik, wenn man vier Dutzend Flüchtlinge auf einem Rettungsschiff daran hindere, an Land zu gehen.

          Sieger in Sanremo: Sänger Mahmood feiert seinen Erfolg.

          Angesprochen fühlte sich da natürlich Innenminister und Vize-Regierungschef Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega, der schon vor Monaten die Sperrung aller italienischen Häfen für Schiffe mit geretteten Bootsflüchtlingen an Bord verfügt hatte. Baglioni möge sich aufs Singen beschränken, für Sicherheit und Ordnung im Land sorge er schon selbst, ließ Salvini über Twitter ausrichten.

          Auch mit dem Ausgang des Wettbewerbs war der Minister, derzeit der wohl populärste Politiker Italiens, nicht zufrieden. Zum Sieger wurde Mahmood mit dem Lied „Soldi“ (auf Deutsch etwa: Moneten) gekürt. Der 27 Jahre alte Sohn eines ägyptischen Vaters und einer sardischen Mutter, in Mailand geboren und aufgewachsen, wird nun Italien beim Eurovision Song Contest Mitte Mai in Tel Aviv vertreten. Obwohl er in den Text seines rappigen Songs ein paar Verse auf Arabisch eingebaut habe, zur Erinnerung an seine Kindheit, wie er sagte, sei er „zu hundert Prozent Italiener“, versicherte Mahmood, der mit bürgerlichem Namen Alessandro Mahmoud heißt, nach dem Sieg.

          Beim Zuschauervotum, das zu 50 Prozent gewichtet wird, lag Mahmood nur auf dem dritten Platz. Seinen Sieg verdankte der Italo-Ägypter wesentlich dem Wahlverhalten der Musikjournalisten. Deren Votum fällt mit 30 Prozent ins Gewicht, während die Stimmen der Ehrenjury zu 20Prozent in die Endabrechnung einbezogen werden.

          Es waren also vor allem die Medienfachleute, die Sanremo zugunsten Mahmoods entschieden – das Fernsehvolk, das sich mit klarem Abstand für den 23 Jahre alten Sänger Ultimo und dessen Lied „I tuoi particolari“ (auf Deutsch etwa: Deine Spezialitäten) ausgesprochen hatte, wurde mithin überstimmt. Das missfiel auch dem Verlierer. Vor der Presse erklärte sich Ultimo gewissermaßen zum Sieger des Volkes. Zu einem Glückwunsch an Mahmood konnte er sich nur mit Mühe durchringen. Vielleicht ist ein Tweet des Innenministers da ein Trost für den unglücklichen Zweitplatzierten. „Ich hätte Ultimo als Gewinner vorgezogen“, schrieb Salvini – mit sicherem Gespür für die Volksmeinung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Serienstar wird Präsident : Wenn Fiktion Wirklichkeit wird

          Der Komiker Wolodymyr Selenskyj hat den Aufstieg seines Serien-Alter-Egos im echten Leben wahrgemacht. Er wird laut Prognosen Präsident der Ukraine. Seinen ersten Auftritt nach der Wahl nutzt der umstrittene Polit-Newcomer, um eine Botschaft zu senden – und ein Versprechen abzugeben.
          Sicherheitskräfte durchsuchen eine bei den Anschlägen verwüstete Kirche in der Stadt Negombo.

          Anschläge in Sri Lanka : Regierung sucht weiter nach Tätern

          Es gab Festnahmen, bei denen auch Polizisten getötet wurden, einen weiteren Sprengsatz und offenbar ignorierte Warnungen. Doch noch ist unklar, wer hinter den Anschlägen vom Ostersonntag steckt. Die Opferzahl ist gestiegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.