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Obdachlose in Frankfurt : Schlafen im Warmen

Wärmequelle: Obdachlose schlafen auf dem Boden in der Notübernachtung der Frankfurter U-Bahn-Station Eschenheimer Turm Bild: Carlos Bafile

Die Stadt Frankfurt öffnet unter Corona-Bedingungen wieder die Notübernachtungsstätte am Eschenheimer Tor. Denn Hunderte Menschen haben keine Wohnung.

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          Etwa 200 Personen haben die Mitarbeiter des Kältebusses in den vergangenen Tagen auf Frankfurts Straßen gezählt. Der Bus des Frankfurter Vereins fährt jede Nacht 120 Kilometer durch die Stadt, um Menschen mit Schlafsäcken zu versorgen und ihnen anzubieten, sie in eine Unterkunft zu bringen. Doch nicht alle wollen das. Sie schlafen auf Matratzen am Anlagenring, liegen auf Pappkartons in den Eingängen von Ladengeschäften auf der Zeil oder lagern unter den Brücken am Mainufer.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hunderte Menschen in Frankfurt haben keine Wohnung. Zwar übernachten viele, die kein eigenes Zuhause haben, in einer der Unterkünfte oder den Wohnheimen, die Träger wie Diakonie, Caritas oder der Frankfurter Verein betreiben. Doch ein harter Kern von etwa 100 Menschen verbringt jede Nacht im Freien. Und etwa genauso viele kommen irgendwann im Lauf der Nacht in die B-Ebene am Eschenheimer Tor. Vom 1. November an hat die Notübernachtung wieder geöffnet.

          Osteuropäer ohne Sozialansprüche

          Hinkommen können alle, die einen warmen, trockenen Schlafplatz wollen, aber keines der festen Angebote annehmen können oder wollen. Denn viele Obdachlose sind Osteuropäer, die keine Sozialansprüche haben. Andere sind psychisch nicht in der Lage, die Straße zu verlassen. In der B-Ebene bietet die Stadt denen, die wollen, Isomatten, Waschgelegenheiten und ein warmes Getränk an. Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU), die für das Angebot zuständig ist, sagt: „Vielleicht fragen Sie sich, ob Frankfurt nicht mehr anzubieten hat als eine Isomatte auf dem Estrich – aber die psychische Verfasstheit der Menschen lässt das meist nicht zu.“ Viele brauchen Jahre, bis sie ein Hilfsangebot annehmen.

          Dass es wichtig ist, den Hilfsbedürftigen trotzdem Angebote zu machen, zeigen die Erhebungen des Frankfurter Vereins. Christine Heinrichs, die dort die operative Leitung hat, sagt: „In der vergangenen Saison hatten wir 27.000 Übernachtungen am Eschenheimer Tor.“ Während der ganzen Zeit sei es in den unterirdischen Räumen meist friedlich geblieben. 40 Mal sei allerdings die Polizei gerufen worden, weil sich jemand nicht habe „integrieren“ können. „Das bedeutet, nachts rumzukrakeelen oder in die Ecken zu pinkeln“, sagt Heinrichs.

          Pandemie verschärft die Lage

          Die Stadt will dafür sorgen, dass kein Obdachloser den Kältetod stirbt, wie Birkenfeld sagt. Seit Jahren habe es keinen solchen Fall mehr in Frankfurt gegeben. Das sei der engen Zusammenarbeit der Träger zu verdanken. Doch in der Pandemie verschärft sich für viele die Situation: Plätze werden reduziert, Angebote verknappt. So fällt in diesem Jahr auch das traditionelle Weihnachtsgans-Essen der Bernd-Reisig-Stiftung für Obdachlose aus.

          Damit es auch in der Pandemie sichere Schlafplätze gibt, hat der Frankfurter Verein die B-Ebene aufgerüstet: Er hat Kohlendioxid-Ampeln und vier Luftfilter angeschafft. Am Einlass stehen Mitarbeiter mit Masken und Desinfektionsmittel bereit. Außerdem werden die Schlafplätze mit genügend Abstand vergeben – in den unterirdischen Gängen ist so viel Raum, dass immer noch 150 Plätze vergeben werden können. Zudem hat der Verein 31 Plätze zur Isolation von Erkrankten und für die Quarantäne von Corona-Verdachtsfällen eingerichtet, zusätzlich zu den 98 Hotelzimmern, die von der Stadt bereitgestellt werden.

          Bisher wurden in der Obdachlosenszene zwei Corona-Fälle bekannt, wie Heinrichs sagt. „Menschen, die obdachlos leben, sind außerordentlich isoliert.“ Die beiden Infizierten seien einer Arbeit nachgegangen und hätten sich dort angesteckt. Auch die Elisabeth-Straßenambulanz meldet bislang nur drei Corona-Fälle seit dem Frühjahr. Die Betroffenen mussten alle im Krankenhaus behandelt werden, da ihr allgemeiner Zustand schlecht war. Das zeigt: Käme es unter den Obdachlosen zu einem Massenausbruch, wäre das gefährlich. Mit ihrem schlechten Immunsystem und den Vorerkrankungen, die sie meist haben, gehören sie zur Hochrisikogruppe.

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