https://www.faz.net/-gum-tnrm

Schicksal : Viereinhalb Jahrzehnte aussichtslose Liebe

  • -Aktualisiert am

Renate Hong sucht seit 45 Jahren nach ihrem Ehemann Bild: dpa

Ende der fünfziger Jahre verliebt sich Renate Hong in den Studenten Hong Ok-Gun. Sie heiraten und bekommen zwei Kinder. 1961 muß ihr Mann nach Nordkorea zurückkehren. Seitdem hat sie ihn nicht mehr gesehen.

          5 Min.

          In der Chemievorlesung begegnete sie den nordkoreanischen Studenten. Die DDR finanzierte jungen Männern aus dem kommunistischen Teil Koreas, aber auch Vietnamesen und Chinesen ihre Ausbildung. Die Studenten, die schon ein Jahr lang in Leipzig die Gepflogenheiten des Gastlandes kennengelernt hatten, beherrschten die deutsche Sprache und kannten die Gesellschaftstänze. Es waren ausgewählte Studenten, sagt Renate Hong, „sehr intelligent und politisch integer“. Nach dem Studium sollten sie heimkehren, um ihr Land aufzubauen. Unter den jungen Männern war Hong Ok-Gun.

          Er sollte Renate Hongs persönliche Lebens- in die große Weltgeschichte ziehen. Je stärker die Politik sie von der Liebe abhalten sollte, desto hoffnungsvoller wurde diese Liebe. Renate Hongs Geschichte ist eine phantastische Vorlage für einen Film aus einer anderen Zeit. Aber in Wahrheit ist es ein Schicksal aus Deutschland. Mitten in Deutschland wurde Renate Hong geboren. 1937 kam sie in Marburg an der Lahn zur Welt. Die Familie lebte vierzig Kilometer lahnabwärts in Wetzlar, bis die Bombenangriffe unerträglich wurden. In der Hoffnung, dort geschützt zu sein, zog der Vater nach Jena und holte die Familie 1944 nach. „Dann sind wir hier geblieben.“ Der Vater studierte und wurde Lehrer, die Tochter tat es ihm gleich. Im September 1955 begann sie ihr Studium der Chemie und Biologie. Sie wollte Oberstufenlehrerin werden.

          „Wir wurden beobachtet“

          Auf dem Immatrikulationsball in der Mensa kam sie Hong Ok-Gun bei Walzer, Foxtrott und Tango näher. Die Herren trugen Anzug. Ihre Mutter hatte unter Mithilfe Renates deren Ballkleid genäht. Die Geschichte nahm ihren Lauf. Renate und Ok-Gun gingen spazieren, ins Kino oder in eine Gaststätte. „Persönliche Treffen“ seien aber eher selten gewesen, denn die ausländischen Studenten wohnten in einem Haus im Westviertel unter der Aufsicht eines deutschen Betreuers. Die Koreaner hatten es noch gut - die Chinesen unternahmen alles gemeinsam und waren stets unter Kontrolle.

          „Das rührt mich wieder auf”: Renate Hong mit ihrem Sohn Peter Hong-Zol
          „Das rührt mich wieder auf”: Renate Hong mit ihrem Sohn Peter Hong-Zol : Bild: dpa

          Die Namen der Besucher des Wohnheims wurden am Empfang in einer Kladde notiert. Um 22 Uhr hatten Gäste das Haus zu verlassen. Ähnlich war es im Wohnheim für Studentinnen, in dem sich die angehende Lehrerin mit weiteren Studentinnen ein Zimmer teilte. Gemeinsam gelernt hat sie mit Ok-Gun aber trotzdem. Sie habe ihm im Deutschen, er ihr in Mathematik und Physik geholfen. Die Eltern akzeptierten den Umgang mit dem Koreaner. Aber die beiden wurden auf der Straße angestarrt. Das Paar hörte, wie andere tuschelten. „Wir wurden beobachtet. Das war belastend.“ Renate und Ok-Gun ertrugen die Blicke und das Geraune.

          Schwanger bei der Abreise des Mannes

          Renate wurde schwanger, im Februar 1960 heirateten die beiden. In Jena war das nicht möglich, weil Papiere aus Korea fehlten. Der Standesbeamte in Weimar war großzügiger. Ihm genügte die Gewißheit, daß es DDR-Bürgern und Nordkoreanern von Staats wegen prinzipiell erlaubt war, einander zu heiraten. Frau Hong schloß ihr Studium ab und begann im März 1960 als Lehrerin. Der Sohn, der Mitte 1960 zur Welt kam, hatte die deutsche Staatsbürgerschaft.

          Dann beendete auch der Ehemann das Studium. Er fand eine Anstellung in einem Chemiefaserwerk und hoffte, deshalb noch einige Zeit in der DDR bleiben zu dürfen. Später, plante das Paar, wollte es nach Korea übersiedeln. Aber dann kam alles anders. Sie war das zweite Mal schwanger, als ihr Mann im April 1961 „über Nacht“ aufgefordert wurde, in seine Heimat zurückzukehren: „Wir hatten nur noch so viel Zeit, daß wir gemeinsam Fachbücher kaufen konnten und Kleidung.“ Die schwangere Mutter mit dem zehn Monate alten Sohn auf dem Arm brachte den Vater zum Saalbahnhof, der mit dem Zug durch Rußland und China in seine Heimat zurückfuhr. „Es war sehr traurig.“

          „Ich mache mir Sorgen um Dich“

          Schon im Zug begann Ok-Gun, Briefe zu schreiben, die alle ihr Ziel in Jena erreichten. Später kamen regelmäßig Briefe aus Pjöngjang. Frau Hong schrieb zurück, auch an die Eltern ihres Mannes. Erst aus diesen erfuhren die Eltern, daß ihr Sohn zurückgekehrt war. Dann kamen die Briefe aus Hamhung, einer Hafenstadt im Osten Koreas. Dort war Hong Laborleiter in einer Chemiefaserfabrik. „In seinen ersten Briefen schrieb er noch, er erwarte, daß ich mit den Kindern nachkomme. Aber ziemlich bald schrieb er, daß wir in Korea wegen der Alltagsbedingungen nicht leben können.

          Weitere Themen

          Meister des Spagats

          Historiker Peter Paret tot : Meister des Spagats

          Zwischen Militär-, Kultur- und Kunstgeschichte, seinen Domänen, hielt er sich von modischen Methodendiskussionen fern: Mit 96 Jahren ist der amerikanische Historiker Peter Paret verstorben. Ein Nachruf.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.