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Schauspielerin Claudia Michelsen : Die im Schatten sieht man doch

Claudia Michelsen spielt Kommissarin Ann Gittel in der Krimiserie „Flemming” Bild:

Claudia Michelsen gehört zu den besten Schauspielerinnen im deutschen Fernsehen - aber ihren Namen kennt bislang kaum jemand. Das dürfte sich bald ändern: Sie spielt jetzt eine Kommissarin.

          5 Min.

          Die Frau, die Claudia Michelsen gerade mit sich herumträgt, ist Politikerin. Sie ist erfolgreich, selbstbewusst und durchsetzungsfähig. Aber auch eine Frau ohne Kanten, von ihren Beratern und Referenten glatt poliert. Claudia Michelsen hätte die Rolle vermutlich abgelehnt, wenn es da nicht die zweite Ebene gäbe: jenen Bruch in der Biographie, den es braucht, damit Michelsen sich für eine Figur interessiert - und damit sie bereit ist, dieser ihr unverwechselbares Gesicht zu verleihen.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Foyer des Stuttgarter Hotels hätte man die Schauspielerin fast übersehen. Es ist ein typischer Abend nach Drehschluss: An der Bar mit Achtziger-Jahre-Charme (Holz an Messing) schlägt sich das Filmteam die Zeit beim Bier tot. Michelsen erscheint zum Interview mit einem Buch und bestellt eine Apfelsaftschorle. Sie liest gerade die Biographie von Clara Rojas, der kolumbianischen Politikerin, die gemeinsam mit Ingrid Betancourt sechs Jahre als Geisel der Farc-Rebellen im Dschungel lebte. Es ist die Annäherung an eine Figur: Die Politikerin, die sie derzeit für eine Folge der ARD-Serie „Bloch“ mit Dieter Pfaff spielt, verbrachte nach einer Entführung ein Jahr in Geiselhaft in Honduras.

          Ihr Gesicht prägt sich ein - ihr Name nicht

          Claudia Michelsen gehört zu den besten Schauspielerinnen im deutschen Fernsehen. Doch mit ihr ist es wie bei einem Ohrwurm, den man einmal im Radio hört, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht, aber wenn man gefragt wird, wie das Lied heißt, muss man passen. Ihr Gesicht prägt sich ein - ihr Name nicht.

          Die Schauspielerin mit Kollege Samuel Finzi

          Michelsens Spielwiese ist der öffentlich-rechtliche Fernsehfilm um 20.15 Uhr. Ihre Spezialität: Dramen, in denen sie Frauen verkörpert, die ein durchschnittliches Leben in geordneten Bahnen führen, bürgerlich, wohlsituiert, abgesichert - und deren Welt plötzlich aus den Fugen gerät. In dem ARD-Film „Sieben Tage“ (Sendetermin 4. November, 20.15 Uhr) spielt sie Marlies, eine Ehefrau und Mutter, die alles in Frage stellen muss, nachdem ihre 14 Jahre alte Tochter verschwindet.

          Ihre Figuren reagieren nicht hysterisch oder schreien

          Auch die Politikerin, die sie gerade in Stuttgart spielt, gerät ins Wanken. „Sie kommt aus der Geiselhaft nach Hause und tut so, als ob nichts gewesen wäre. Als ob es dieses Jahr nicht gegeben hätte. Das funktioniert natürlich nicht, es bröckelt an allen Stellen“, erzählt Michelsen. Eine Figur, die ihr Kopfzerbrechen bereitet. Mehr als sonst: „Es ist seit langem eine Rolle, bei der ich etwas mehr nervös bin, als ich normalerweise nervös bin. Obwohl man bei jeder Figur bei null anfängt“, gesteht sie. Wie zeigt man hinter der glatten Fassade den Druck dieser Frau, alles Erlebte verdrängen zu wollen?

          Vermutlich hilft Michelsen auch hier am Ende ihr ausdrucksstarkes Spiel. Es gibt wenige Darstellerinnen im deutschen Fernsehen, die Frauen in Grenzsituationen so glaubwürdig darstellen können - mit minimalen Mitteln. Ihre Figuren reagieren nicht hysterisch oder schreien. Die gesamte Gefühlspalette von Schmerz über Trauer bis zur Verzweiflung spielt sich in Michelsens Gesicht ab. Es reicht mitunter, wenn sich die Falten über ihrer Nase zusammenziehen oder die Augen sich kurz schließen, um die Gefühle zu ahnen. Oder wenn als Ausdruck von Wut an ihrer Stirn eine Ader anschwillt. Oder sich ihre rechte Augenbraue hebt, um ihre Zweifel zu zeigen.

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