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Schauspielerin Adele Neuhauser : „Ich habe mich selbst ausgegrenzt“

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„Ich glaube, dass es unsere Aufgabe ist, bestimmte Dinge immer wieder zu durchleben, bis wir sie wirklich hinter uns lassen können“: Neuhauser hier nach einer Talkshow in Köln. Bild: dpa

Die Schauspielerin Adele Neuhauser im Interview über ihren Weg vom „Tatort“ zu Brecht, ein Leben zwischen den Kulturen und ihren größten Feind.

          7 Min.

          Ihre Wiener „Tatort“-Kommissarin ist für viele die coolste, glaubwürdigste, erfreulichste Figur im deutschsprachigen Fernsehen. Eine Frau, die völlig aus dem Rahmen fällt: eine Ex-Trinkerin von der „Sitte“, die die Abgründe des Lebens aus eigener Erfahrung kennt – und sich auch dazu bekennt. Die so redet, wie ihr „die Goschn“ gewachsen ist. Die Frau ist zu groß, zu schnell, zu intuitiv, zu nervös, die Haare zu unbändig, und der niedliche Name „Bibi Fellner“ passt erst recht nicht zu diesem schroffen Wesen. Ihren Partner Moritz Eisner, gespielt von Harald Krassnitzer, bringt sie oft genug an den Rand des polizeilich Vertretbaren. Aber „die Bibi“ berührt und rührt die Zuschauer. Großes Herz, große Klappe und große Fehltritte – eine Kommissarin, die einen vergessen lässt, dass sie nur eine Kunstfigur ist, zu Leben erweckt von Adele Neuhauser.

          Wer sie eigentlich ist, erzählte die Schauspielerin in ihrer Autobiographie „Ich war mein größter Feind“: Ihr Vater war Halbgrieche, sie wuchs in Griechenland auf und fühlte sich lange in Wien fremd. Im Alter zwischen zehn und zwanzig versuchte Neuhauser sechsmal, sich das Leben zu nehmen. Ihre Therapie gegen Trauer, bis heute: Wandern und Laufen, „Gehen – um nicht auf der Strecke zu bleiben“. Mit 16 beschloss sie, Schauspielerin zu werden, trat nach der Ausbildung in Wien Engagements in Münster, Erlangen oder Regensburg an, wo sie als Mephisto für Aufsehen sorgte, lebte mit ihrem Mann Zoltan Paul lange im oberbayrischen Polling. Mit dem Fernsehen warm wurde sie erst durch die ORF-Serie „Vier Frauen und ein Todesfall“ – bis 2010 der „Tatort“ kam.

          „Das Einzige, was ich weiß, ist, dass mein Leben mich ,weitgehend‘ zu mir geführt hat“, sagt die 60-Jährige heute. Wir sind im hippen Hamburger Hotel East in Kieznähe verabredet, wo die ARD-Führungsriege den Zweiteiler „Brecht“ von Heinrich Breloer vorstellt, der erst in einer Berlinale-Reihe debütiert und im März dann im Ersten und auf Arte gezeigt wird. Neuhauser spielt darin Brechts Frau, die Theaterintendantin Helene Weigel. Sie war künstlerisch sein Bollwerk gegen die Alltagsbanalität des Lebens und später die Zensur, wurde die Mutter seiner zwei Kinder, erduldete aber auch die zahlreichen Liebesaffären und -tragödien ihres Mannes.

          Zur Begrüßung springt Adele Neuhauser fast auf mich zu, ist herzlich und offen. Sie besitzt auch ohne Drehbuch eine Intensität, die einen sofort Ort und Zeit ausblenden lässt. Adele sieht adretter aus als Bibi, sie trägt ein dunkles, feines Sakko, die Locken sind im Zaum, das Make-up macht ihre Züge weicher. Mit ihrem Temperament füllt sie sofort den Raum, aber auch auf die leisen Töne lässt Neuhauser sich ein. Auf Wienerisch, natürlich.

          Frau Neuhauser, wie geht es Ihnen, nachdem Sie zum ersten Mal Breloers „Brecht“-Zweiteiler gesehen haben, in dem Sie Brechts Frau Helene Weigel spielen, die all seine Affären toleriert und die wichtigste Person für ihn war, eine Lebenskomplizin?

          Ich habe so viele unterschiedliche Einsichten in diesen Mann bekommen und bin zutiefst begeistert von diesen beiden Filmen.

          Sind Sie auch stolz auf sich selbst?

          Irgendwie schon! Normalerweise mag ich Selbstlob nicht. Aber hier ist es etwas anderes: Ich musste ja keine Figur erfinden, sondern bin für diese Rolle einem Charakter gefolgt, und Helene Weigel ist schon ein besonderer Mensch gewesen. Ihr Schicksal hat mich schon sehr bewegt.

          Man sagt über Weigel, sie habe „Brecht gemacht“. Würden Sie das so unterschreiben, nachdem Sie sich so intensiv mit der Schauspielerin und späteren Intendantin des Theaters am Schiffbauerdamm auseinandergesetzt haben?

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