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Schauspielerin Adele Neuhauser : „Ich habe mich selbst ausgegrenzt“

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Nein. Tut mir leid, aber ich sehe das überhaupt nicht so. Ich würde sagen: Sie hat Brecht ermöglicht. Sie hat Brecht die Freiheit gegeben, das zu sein, was er ist: der emotionale, leidenschaftliche, aufrührerische Geist. Er konnte diesen Impulsen einfach nachgeben und musste sich um nichts anderes kümmern. Sie hat ihn nie gegängelt, sondern höchstens leise protestiert. Aber sie ist ihm nie im Weg gestanden. Sie hat ihn einfach sehr, sehr geliebt. Tja. (Sie atmet tief durch) Gegen so eine Liebe ist man machtlos. Sie hat seinen Geist geliebt, seinen Mut, seine Poesie, auch ihn als politisch denkenden Menschen. Sie hat geliebt, was er den Menschen zugetraut hat, nämlich eigenständige, mündige, denkende Wesen zu sein.

Dennoch gibt sie irgendwann zu, dass Brecht sie Kraft gekostet hat und dass er ihr sehr weh getan hat.

Natürlich! Aber sie hat es nur ein einziges Mal gesagt.

Brecht war ein Frauenheld: Kaum hatte er eine erobert, jagte er die nächste, wie ein Süchtiger, der sich an frischem Blut berauscht.

Ich glaube, ein so brillanter Kopf, der so viel Präzision bei der emotionalen Beschreibung seiner Figuren hat, braucht einfach Nahrung. Er musste in seinem Leben Grenzen und Tabus überschreiten, um so schreiben zu können. In einem allgegenwärtigen Wohlgefallen können nicht solche Stücke entstehen. Ich glaube aber, dass er selbst überwältigt davon war, was er bei anderen Menschen auslösen konnte. Oft wusste er gar nicht, was er den Menschen da antut. Er ist anfangs ja nicht selbstsicher, sondern eher schüchtern an die Frauen herangetreten. Und ging vor seiner Leidenschaft und seiner Gier in die Knie. Erst der Widerhall bei den Frauen hat dazu geführt, dass er wieder gewachsen ist.

Welches Verhältnis hatten Sie, der Theatermensch, bisher zu Brecht und Weigel?

Ehrlich gesagt kann man von einer persönlichen Beziehung gar nicht reden. Es gab von ihm natürlich immer wieder Texte, die mich beeindruckt und meine Arbeit genährt haben, „Die Dreigroschenoper“ und seine Poesie. Aber ich habe mit dem Epischen Theater immer Probleme gehabt. Ich bin nun mal eine sehr leidenschaftliche Person, und ich glaube, dass wir nicht nur im Kopf existieren. Wirklich begriffen haben wir etwas erst dann, wenn wir es auch emotional erfahren.

Und Helene Weigel?

Sie habe ich schon als angehende Schauspielerin sehr geschätzt. Sie war für mich ein Fixstern am Schauspielhimmel – und ich sage das ganz bewusst. Sie war eine der wenigen Schauspielerinnen, die mit Leidenschaft in die tiefsten Tiefen eines Charakters gegangen ist. Fantastisch.

„Gegen so eine Liebe ist man machtlos“: Neuhauser als Helene Weigel und Burghart Klaußner in der Titelrolle in Heinrich Breloers Fernsehfilm „Brecht“.

War Ihnen bewusst, wie sehr Sie äußerlich der Weigel ähneln?

Nein! Gar nicht! Erst als Heinrich Breloer mich darauf aufmerksam machte und ich mich in meiner Rolle sah, wurde mir die Ähnlichkeit bewusst. Das hat mich richtig verblüfft. Ich glaube ja auch an magische Momente, ich denke, dass da noch etwas anderes am Werk war. . . Ich bin überzeugt, dass man als Schauspieler in gewissen Momenten zum Medium wird. Ich habe mich frei gemacht von mir und habe Platz gemacht für Helene Weigel.

Im Januar haben Sie Ihren 60. Geburtstag gefeiert. Durch Ihre Figur Bibi Fellner sind Sie derzeit die coolste Frau im deutschen Fernsehen.

Danke! Mir geht’s derzeit wirklich sehr, sehr gut. Ich habe keine Wünsche offen, bis auf Kleinigkeiten natürlich. Ich bin sehr froh über den Weg, den ich gegangen bin. Rückblickend tut es mir nur leid, dass ich so oft an mir gezweifelt habe und mir oft selbst im Weg gestanden bin. Gleichzeitig bin ich aber auch froh, dass ich diese Umwege gemacht habe.

Sie haben in Ihrer Autobiographie öffentlich gemacht, dass Sie in Ihrer Jugend unter starken Selbstzweifeln litten und mehrfach versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Warum gehen Sie damit so offensiv um?

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