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Schauspieler Jörg Hartmann : Du machst das schon, Junge

Er hat viel Glück gehabt in seinem Leben: Aber Hartmann, hier beim Interview in Potsdam, wundert sich nicht darüber. Bild: Pein, Andreas

Jörg Hartmann spielt den Unsympathen in der neuen Staffel von „Weissensee“. Die Rolle des perfiden Falk Kupfer war für ihn der Durchbruch. Auf einen Schlag wurde aus einem Theaterschauspieler, den keiner kannte, ein Fernsehgesicht der ersten Liga. Und wie ist er so privat?

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          Als Jörg Hartmann diesen Sommer beim Abitreffen erleichtert feststellte, dass der Erfolg von heute sich nicht zwischen ihn und die Vergangenheit schob, als es ihm vorkam, als wären die Prüfungen gerade erst vorbei, und er fand, dass er mit 44 Jahren eigentlich noch derselbe sei wie damals, da hieß es plötzlich, wie immer daheim, in Herdecke: „Sachma.“ Jörg Hartmann schaukelt und schnalzt seine Worte jetzt, so wie sie das eben im Ruhrpott tun. „Sachma. Warum spielst du eigentlich immer sonne Leute? Du bist doch ganz anders, Fackel.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Von Mitte September an wird Hartmann wieder als Falk Kupfer im Ersten zu sehen sein. Dann endlich wird die zweite Staffel von „Weissensee“ ausgestrahlt, der Familiensaga über die DDR, die regelmäßig als Ausnahme gerühmt wird, wenn es darum geht, warum in Deutschland nicht so packende Serien produziert werden wie in Amerika. Als die erste Staffel vor drei Jahren Begeisterungsstürme auslöste, tauchte der Name Hartmann in den Rezensionen noch gar nicht auf. Uwe Kockisch und Katrin Sass, Hannah Herzsprung, Florian Lukas und Anna Loos - „Weissensee“ glänzte ja ohnehin mit erstklassigen, viel prominenteren Schauspielern.

          Nicht ganz so gut wie die erste Staffel

          In der zweiten Staffel nun dreht sich in gewisser Weise alles um Hartmanns Figur. Ostberlin 1987, die DDR zeigt Auflösungserscheinungen, aber was nicht sein darf, kann nicht sein, und dafür steht Falk Kupfer. Dieser Tausendprozentige, wie Hartmann ihn nennt, versucht mit Stasi-Methoden sowohl seinen Staat als auch seine Familie zu retten und treibt damit beide unweigerlich dem Verfall entgegen. Vielleicht ist „Weissensee 2“ nicht ganz so gut wie die erste Staffel, weil die Handlung noch dichter, noch dramatischer ist, was sie nicht glaubwürdiger macht.

          Für Hartmann ist das eine Chance. Sein Falk Kupfer agiert so perfide, dass einem der Überwachungsstaat noch in die Glieder fährt, wenn man ein Vierteljahrhundert später behaglich mit Chips und Bier vor dem Fernseher sitzt. Zugleich gerät Kupfer unter Druck, sowohl daheim als auch im Ministerium. Hartmann ist in diesen Szenen blass um die Nase, seine Haut um die Augen wirkt dünn. Das System, personifiziert durch Kupfer, steht auf der Kippe. Und doch schiebt dieser Mann jeden Zweifel beiseite. “Warum wird einer so? Warum haben die Leute das durchgezogen?“, fragt Hartmann nachdenklich.

          Ein freundlicher Normalo

          Sein schwarzes Herrenrad hat er an einen Laternenpfahl geschlossen, das Baumwoll-Jackett fliegt zusammen mit der ledernen Umhängetasche neben ihm auf die Bank. Ein Cappuccino mitten in Potsdam, drei Fahrradminuten von Hartmanns Wohnung entfernt. Weicher Bart, die Locken wirr, ein freundlicher, entspannter Normalo in einer Wolke des Achtziger-Jahre-Parfums „Fahrenheit“, der sich keinen Kraftausdruck verkneift: Nichts an diesem Mann erinnert an Falk Kupfer.

          Die Rolle des ostdeutschen Hardliners hat sich der gebürtige Wessi unter anderem anhand von aufgezeichneten Verhören erarbeitet, die ihm die Stasi-Unterlagenbehörde zur Verfügung stellte. „Das war so ein Helferton“, sagt Hartmann, „so ein Arztton: Ich bin ja da, um Ihnen zu helfen. Und wir zusammen finden eine Lösung.“ Außerdem hat Hartmann Doktorarbeiten von angehenden Stasioffizieren zur Vernehmungstaktik studiert. „Das Erschreckende war wirklich, als ich das gelesen habe, dachte ich plötzlich: Ja und? Ist doch völlig in Ordnung! Es wurde immer schwerer angreifbar.“ So erklärt Hartmann auch die Skrupellosigkeit eines Überzeugungstäters wie Kupfer, die aus heutiger Sicht unfassbar ist. „Wenn man begreift, dass man diesen Staat beschützen will, denkt man, man ist auf der guten Seite.“ Und: „Sein Lebenskampf wäre ja sonst umsonst.“

          „Ich war nicht der jugendliche Liebhaber“

          Falk Kupfer war für ihn der Durchbruch. Auf einen Schlag wurde aus einem Theaterschauspieler, den keiner kannte, der nicht regelmäßig an die Berliner Schaubühne ging, ein Fernsehgesicht der ersten Liga. Und das mit Anfang vierzig. Kollegen, die jung zum Star werden, kämpfen später, wenn sie anstelle von Märchenprinzen Fernsehväter spielen sollen und in Interviews ständig über das Erwachsenwerden reden müssen. Hartmann sagt: „Mir war immer klar, ich bin jetzt nicht der Typ, der mit 25 hätte abgehen können. Ich war nicht der jugendliche Liebhaber. Mein Alter hilft mir.“

          Erst bekam er den Deutschen Fernsehpreis für „Weissensee“. Dann wurde ihm eine Rolle als „Tatort“-Kommissar angeboten, was trotz der Übersättigung mit Fernsehpolizisten etwas Besonderes ist, weil der Dortmunder Chefermittler als Mischung aus Hofnarr und Psychopath angelegt ist. Hauptkommissar Faber alias Hartmann darf Kollegen vor den Kopf stoßen und Verdächtige anherrschen, er randaliert in seinem Dienstzimmer und prügelt Autos zu Schrott, bis der Baseballschläger in seiner Hand Wunden hinterlässt. Tatsächlich braucht sich Newcomer Hartmann in einer Zeit, da Budgets und Produktionen schrumpfen, nicht um sein Auskommen zu sorgen. „Bei mir läuft es grad richtig gut“, sagt er. Nur in Herdecke fragen sie: „Warum spielst du eigentlich immer sonne Leute? Du bist doch ganz anders, Fackel.“

          Die Neigung zur Rampensau blieb

          Jetzt fängt Hartmann an zu erzählen. Dass der Spitzname aus Jugendzeiten nichts mit seinen Haaren zu tun habe, sondern mit seiner Vergangenheit als Handballer. „Fackel“, im Jargon ein Spieler mit knallhartem Wurf, sei in seinem Fall eher eine Verballhornung. Der eigentliche Handballer in der Familie sei sein Vater gewesen, ein gelernter Dreher, der später als Hausmeister in einer Sporthalle gearbeitet habe. Und er selbst, ein ursprünglich schüchterner Junge, der still über seinen Zeichnungen brütete, habe mit etwa sieben, acht Jahren auf einer Feier im Kreis der väterlichen Handballmannschaft plötzlich angefangen, wild zu tanzen, einfach so. „Da haben mich meine Eltern nicht wiedererkannt.“

          Hartmann weiß nicht mehr, ob er damals Applaus bekommen hat, ob es also eine Bestätigung gab, die ihm seine neu entdeckte extrovertierte Seite zusätzlich schmackhaft machte. „Ich kann mich nur an den Moment erinnern“, sagt er. Aber die Neigung zur Rampensau blieb. Der Jugendliche, der im elterlichen Garten einen Froschteich anlegte und nach der Realschule aufs Gymnasium wechselte, weil er Biologie studieren und Naturschützer werden wollte, machte sich fortan als Kasper einen Namen. Hartmann war ein guter Schüler. Aber bisweilen flog er aus dem Unterricht, weil er mit seinen Albernheiten die gesamte Klasse unterhielt.

          Batman statt Rudolf Steiner

          Noch den Zivildienst nutzte er in erster Linie für Blödsinn. Er hatte eine Stelle im Krankenhaus Herdecke, einer anthroposophischen Klinik. Aber nicht etwa in der Pflege, was ihm, wie er heute sagt, wahrscheinlich als Erfahrung mal ganz gut getan hätte, sondern in der Buchhaltung, in der Telefonzentrale und an der Pforte. An dieser Pforte kamen jeden Morgen alle Angestellten an einer Art Altar mit blumengeschmücktem Porträt von Rudolf Steiner vorbei, und eines Morgens hing dort statt Steiner ein Bild von Batman.Tausendprozentige - „von denen hatten wir es ja schon“, sagt Hartmann - waren in Aufruhr. Der Zivi feixte stumm. Ein anderes Mal rief er beim technischen Leiter der Klinik an, schmierte ihm auf Sächsisch Honig um den Bart und bot ihm einen Job in Jena an.

          Es ist ein Vergnügen, Hartmann zuzuhören. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, die Akzentwechsel auch, und das alles auf eine eher beiläufige Art. Natürlich ist das nicht der ganze Hartmann. Wenn der Schauspieler mit seiner neunjährigen Tochter telefoniert, die daheim mit einer Magen-Darm-Grippe kämpft, atmet seine Stimme Fürsorge. Dann wieder redet er sich in Rage, vor allem, wenn es um sein Lieblingsthema geht, Architektur und Städtebau. „Renditekästen“!, schimpft Hartmann. „Unverschämtheit! Dieses Nebeneinander individualistischer Fassaden!“ Dabei habe, wer im öffentlichen Raum baue, eine Verantwortung. „Man muss wieder einen Sinn fürs Ensemble haben“, sagt Hartmann. „Architektur müsste ein Vorbild sein für die ganze Gesellschaft, dass man eher an Teamarbeit denkt und nicht an diese ganzen Ich-AGs. Ich. Ich. Ich. Das ist einfach nur ein Ausdruck dessen, was wir heute sind. Kein Zusammenspiel mehr.“

          „Bisher hat das immer so geklappt.“

          Interessant, dass das ausgerechnet jemand sagt, der nach zwanzig Jahren Theaterensemble plötzlich eine Solokarriere hinlegt. Hartmann erklärt, er habe sich eigentlich immer gedacht, dass seine Art des Spielens für die Kamera geeignet sei, die jede Feinheit registriere. „Ich habe den Eindruck, dass ich jetzt erst so richtig zeigen kann, was ich kann“, sagt er. Und weil die vielen langen Abende auf der Bühne und die Auslandsgastspiele an Familie und Kräften zehrten, beendete er kurz vor seinem 40. Geburtstag sein Engagement, ohne zu wissen, was die Zukunft bringen würde. Aber so, wie ihm der Schaubühnen-Job einst unmittelbar nach seiner Kündigung am Theater Mannheim angeboten worden war, trudelte während seiner letzten Bühnenwochen eine Einladung zum Casting ein: „Weissensee“.

          Jörg Hartmann weiß, dass er Glück gehabt hat, aber er wundert sich nicht darüber: „Bisher hat das immer so geklappt. Wenn ich losgelassen habe, hat es geklappt.“ Urvertrauen nennt er das. Und vielleicht hätten ihm das seine Eltern mitgegeben, der Dreher und die Supermarktkassiererin, die seine ungewöhnliche Berufswahl immer flankiert hätten mit der Haltung: „Ach, du machst das schon, Junge.“ Klassenclown, Theater-AG, Schauspielschule - wenn jemand wie Hartmann nicht aus einer Künstlerfamilie kommt, ist das durchaus ein klassischer Weg. „Ich habe einfach nur gemerkt, dass ich immer so eine Spiellust hatte.“

          „Du bist doch ganz anders, Fackel.“

          Bis heute ist Hartmann einer, der unter der Dusche selbst erfundene Nonsens-Lieder singt und über sich sagt, er habe jede Menge Quatsch im Hirn. Auch als Schauspieler erkundet er die Untiefen seiner Figuren nicht aus eigenem Leid heraus. „Das ist ein Handwerk“, sagt er und knallt mit der flachen Hand auf den Tisch: Aggressive Gefühle zum Beispiel könne man herstellen allein durch das, was man tue. Dann tippt Hartmann sich an die Stirn: Einen Kopfmenschen wie den Stasi-Offizier Kupfer erschließe er sich eher analytisch. Hand auf den Bauch für Hauptkommissar Faber, dessen „Zentrum“ tiefer liege als bei ihm selbst: Da spinne er herum, folge seiner Phantasie und arbeite mit Tricks, Familienaufstellungen zum Beispiel, wie man sie aus der Psychotherapie kenne.

          Sachma. Warum spielst du eigentlich immer sonne Leute? Du bist doch ganz anders, Fackel. Klar, sagt der Klassenkasper von einst, würde er gerne auch Komödien drehen. Aber bis dahin vergnügt sich der Mann, der neuerdings für die Abgründe im deutschen Fernsehen zuständig ist, mit den Unsympathen vom Dienst. Denn: „Es macht Spaß. Ich kann es nicht anders sagen.“

          Zwischen Ruhrpott und Stasi

          Jörg Hartmann, 1969 in Hagen geboren und in Herdecke aufgewachsen, absolvierte seine Schauspielausbildung in Stuttgart. Nach Engagements an Theatern in Thüringen und Mannheim war er von 1999 bis 2009 Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne. Auf die Rolle als Stasi-Mann in dem Dreiteiler „Die Wölfe“ folgte die Einladung zum Casting für die Serie „Weissensee“, die Hartmann den Deutschen Fernsehpreis einbrachte. Vom 17. September an läuft die zweite Staffel dienstags um 20.15 Uhr im Ersten; eine dritte Staffel soll nächstes Frühjahr gedreht werden. Seit 2012 ist Hartmann Chefermittler im Dortmunder „Tatort“. Er lebt in Potsdam und hat eine fast zehnjährige Tochter.

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