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Schauspieler Jörg Hartmann : Du machst das schon, Junge

Es ist ein Vergnügen, Hartmann zuzuhören. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, die Akzentwechsel auch, und das alles auf eine eher beiläufige Art. Natürlich ist das nicht der ganze Hartmann. Wenn der Schauspieler mit seiner neunjährigen Tochter telefoniert, die daheim mit einer Magen-Darm-Grippe kämpft, atmet seine Stimme Fürsorge. Dann wieder redet er sich in Rage, vor allem, wenn es um sein Lieblingsthema geht, Architektur und Städtebau. „Renditekästen“!, schimpft Hartmann. „Unverschämtheit! Dieses Nebeneinander individualistischer Fassaden!“ Dabei habe, wer im öffentlichen Raum baue, eine Verantwortung. „Man muss wieder einen Sinn fürs Ensemble haben“, sagt Hartmann. „Architektur müsste ein Vorbild sein für die ganze Gesellschaft, dass man eher an Teamarbeit denkt und nicht an diese ganzen Ich-AGs. Ich. Ich. Ich. Das ist einfach nur ein Ausdruck dessen, was wir heute sind. Kein Zusammenspiel mehr.“

„Bisher hat das immer so geklappt.“

Interessant, dass das ausgerechnet jemand sagt, der nach zwanzig Jahren Theaterensemble plötzlich eine Solokarriere hinlegt. Hartmann erklärt, er habe sich eigentlich immer gedacht, dass seine Art des Spielens für die Kamera geeignet sei, die jede Feinheit registriere. „Ich habe den Eindruck, dass ich jetzt erst so richtig zeigen kann, was ich kann“, sagt er. Und weil die vielen langen Abende auf der Bühne und die Auslandsgastspiele an Familie und Kräften zehrten, beendete er kurz vor seinem 40. Geburtstag sein Engagement, ohne zu wissen, was die Zukunft bringen würde. Aber so, wie ihm der Schaubühnen-Job einst unmittelbar nach seiner Kündigung am Theater Mannheim angeboten worden war, trudelte während seiner letzten Bühnenwochen eine Einladung zum Casting ein: „Weissensee“.

Jörg Hartmann weiß, dass er Glück gehabt hat, aber er wundert sich nicht darüber: „Bisher hat das immer so geklappt. Wenn ich losgelassen habe, hat es geklappt.“ Urvertrauen nennt er das. Und vielleicht hätten ihm das seine Eltern mitgegeben, der Dreher und die Supermarktkassiererin, die seine ungewöhnliche Berufswahl immer flankiert hätten mit der Haltung: „Ach, du machst das schon, Junge.“ Klassenclown, Theater-AG, Schauspielschule - wenn jemand wie Hartmann nicht aus einer Künstlerfamilie kommt, ist das durchaus ein klassischer Weg. „Ich habe einfach nur gemerkt, dass ich immer so eine Spiellust hatte.“

„Du bist doch ganz anders, Fackel.“

Bis heute ist Hartmann einer, der unter der Dusche selbst erfundene Nonsens-Lieder singt und über sich sagt, er habe jede Menge Quatsch im Hirn. Auch als Schauspieler erkundet er die Untiefen seiner Figuren nicht aus eigenem Leid heraus. „Das ist ein Handwerk“, sagt er und knallt mit der flachen Hand auf den Tisch: Aggressive Gefühle zum Beispiel könne man herstellen allein durch das, was man tue. Dann tippt Hartmann sich an die Stirn: Einen Kopfmenschen wie den Stasi-Offizier Kupfer erschließe er sich eher analytisch. Hand auf den Bauch für Hauptkommissar Faber, dessen „Zentrum“ tiefer liege als bei ihm selbst: Da spinne er herum, folge seiner Phantasie und arbeite mit Tricks, Familienaufstellungen zum Beispiel, wie man sie aus der Psychotherapie kenne.

Sachma. Warum spielst du eigentlich immer sonne Leute? Du bist doch ganz anders, Fackel. Klar, sagt der Klassenkasper von einst, würde er gerne auch Komödien drehen. Aber bis dahin vergnügt sich der Mann, der neuerdings für die Abgründe im deutschen Fernsehen zuständig ist, mit den Unsympathen vom Dienst. Denn: „Es macht Spaß. Ich kann es nicht anders sagen.“

Zwischen Ruhrpott und Stasi

Jörg Hartmann, 1969 in Hagen geboren und in Herdecke aufgewachsen, absolvierte seine Schauspielausbildung in Stuttgart. Nach Engagements an Theatern in Thüringen und Mannheim war er von 1999 bis 2009 Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne. Auf die Rolle als Stasi-Mann in dem Dreiteiler „Die Wölfe“ folgte die Einladung zum Casting für die Serie „Weissensee“, die Hartmann den Deutschen Fernsehpreis einbrachte. Vom 17. September an läuft die zweite Staffel dienstags um 20.15 Uhr im Ersten; eine dritte Staffel soll nächstes Frühjahr gedreht werden. Seit 2012 ist Hartmann Chefermittler im Dortmunder „Tatort“. Er lebt in Potsdam und hat eine fast zehnjährige Tochter.

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