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Interview mit Henning Baum : „Es hat keinen Sinn, in Lummerland zu bleiben“

  • -Aktualisiert am

Nein, er ist stolz. Er entstammt dieser stolzen Arbeiterklasse. Michael Ende hatte sich bei der Konzeption der Figuren an Stereotypen des 19. Jahrhunderts in Großbritannien orientiert. Monarchie, Bürger, Kaufleute und Arbeiter. Dennis Gansel, der Regisseur, sagte immer, früher hätte die Rolle Heinrich George gespielt. Darunter kann man sich ja körperlich sofort etwas vorstellen. Der Lukas ist auch so eine Urgewalt. Die ruht aber friedlich in ihm. Er wird erst richtig gefordert, wenn er in die Fremde kommt. Und dann wird die Geschichte zur Heldenreise, auf der er Prüfungen bestehen muss. In der Krise wird dann erst richtig klar, wie geschickt und fürsorglich er ist. Und er kann auch kämpfen, wenn es sein muss. Lukas muss an seinen Krisen wachsen. Damit kann ich mich identifizieren. Wir sind ja alle auf dieser Reise.

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An welchem Punkt der Reise befinden Sie sich jetzt?

Die Reise hört doch erst mit dem Tod auf, oder? Ich habe die mal mehr, mal weniger gut gemeistert. Aber man kommt nicht davon. Alle müssen mal irgendwann weg aus Lummerland. In Lummerland zu bleiben hat keinen Sinn. Es gibt Leute, die versuchen, sich mit aller Kraft an Lummerland zu klammern. Die verweigern die Reise. Selbst in diesem Land, in dem es uns immer noch relativ gut geht, muss sich jeder klar machen, dass er sich nicht entwickelt, wenn er immer auf Nummer sicher setzt. Wir müssen das Vertraute, das Kleine, Übersichtliche und vor allem das Engstirnige irgendwann verlassen.

An welcher Herausforderung Ihres Lebens sind Sie am meisten gewachsen?

Das fing bei mir schon als Kind an. Ich bin zu den Nachbarsjungen gegangen, um zu sehen, was da auf dem Tisch steht. So ging das immer weiter, hinaus in den Wald, um da Abenteuer zu erleben. Meine Eltern wussten oft gar nicht, wo wir waren. Ich habe das regelrecht gesucht. Mir war die Welt, in der ich gelebt habe, viel zu wenig abenteuerlich. Ich hätte viel lieber Wildnis um mich herum gehabt, mir wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn ein Floß gebaut, um den Mississippi runterzufahren. Scheiß auf die Schule. Ich hätte mir eine Kiste mit Proviant gepackt und eine Maiskolben-Pfeife gemacht. Solche Geschichten haben mich inspiriert. Es war mir in Deutschland schon damals zu brav und zu harmlos.

Dabei war das ja damals verglichen mit heute noch eine ziemlich wilde Zeit.

Da sagen Sie etwas. Damals hatten wir es ja noch gut. Heute ist doch alles total reglementiert. Es ist supersauber, es gibt keine Ruine mehr und keinen Winkel, der irgendwie Abenteuer verheißt. Ich habe das auch als Jugendlicher immer wieder gesucht. Ich habe die Schule verlassen, bin auf ein Internat in England gegangen. Davor hatte ich auch erst Respekt. Aber dann wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Und es war gut, aus der Komfortzone rauszugehen. Da musste ich mich nämlich bewähren, sonst hätte ich in der Futterkette ganz unten gestanden. Als ich ankam, haben die mich sofort geprüft, was ich sportlich drauf habe, aus welchem Holz ich geschnitzt bin. Aber nur so ging es, und so ist es immer weiter gegangen. Ich habe mir immer die Sachen rausgesucht, die mir am schwierigsten erschienen. Statt zum Bund zu gehen, habe ich Rettungssanitäter gelernt. Aber das hat sich total gelohnt. Das war für mich eine ganz glückliche Zeit, in der ich in Grenzbereiche des Lebens geschaut habe, eine ganz andere Welt.

Henning Baum ohne Lokomotivführer-Kostümierung im Juni 2017 beim Münchner Filmfestival

Ist der Beruf des Schauspielers nicht eine permanente Prüfung?

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