https://www.faz.net/-gum-81u1h

Begegnung mit Fahri Yardim : Du bist einer von uns

  • -Aktualisiert am

Danke, liebe Elefantenkinder: Fahri Yardim freut sich darauf, eines Tages Papa zu werden. Bild: Helmut Fricke

Fahri Yardim war nicht immer der lässige, selbstironische Kumpel, den wir aus dem Kino kennen. Und immer als Deutschtürke herhalten zu müssen nervt ihn – gerade weil den Schauspieler das Uneindeutige seiner Herkunft schon zeit seines Lebens begleitet.

          7 Min.

          Nach anderthalb Stunden, der Schauspieler hat sich gerade ein Stück American Cheesecake bestellt, sagt Fahri Yardim plötzlich: „Ich bin müde, ich hab’ diese Deutschtürkennummer so satt.“ Als hätte er schon so oft darüber gesprochen, warum nationale Identität für ihn keine Rolle spielt und wie es war, als Kind türkischer Akademiker in Hamburg aufzuwachsen, dass alles dazu gesagt wäre. „Ich kann mir selber nicht mehr zuhören, diese ewig gleichen Inhalte“, stöhnt er, und es klingt, als würde er das Thema am liebsten ein für alle Mal hinter sich lassen.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber das ist Quatsch. Denn das Deutschtürkenthema kommt zum ersten Mal auf, noch während Yardim in einem Berliner Café den geeigneten Platz für das Interview aussucht. Er wählt einen Tisch, der zu den anderen Gästen einen gewissen Diskretion gewährenden Mindestabstand wahrt, und erzählt daraufhin von seinem ersten Dreh in der Türkei, wo ihm kürzlich bewusstgeworden sei, wie anders dort mit körperlicher Nähe und Berührungen umgegangen werde - spätestens dann, als Kostümleute und Maske gleichzeitig an ihm herumgefummelt hätten. „Den deutschen Abstand bin ich gewohnt“, sagt er.

          Für Til Schweiger ist er ein Philosoph

          Wenige Minuten später, die Getränke stehen noch nicht auf dem Tisch, ist das Deutschtürkenthema wieder da. Auslöser ist die harmlose Einstiegsfrage, warum der bekennende Hamburger, der seit seinem Aufschlag als „Tatort“-Kommissar Yalcin Güner in der Öffentlichkeit fest mit seiner Heimatstadt assoziiert wird, mittlerweile in Berlin lebe. Und Yardim sagt, er könne diese banale Frage nicht eindeutig beantworten. „Ich schaffe es nicht“, sagt er, „ich schaffe es nicht, seit ich denken kann, eindeutig zu werden. Und ich denke, es ist ein Teil meiner Biographie, meines Unbewusstseins, eines - sag ich mal, ohne da tief zu gehen - lebendigen Elternhauses: Eindeutigkeit liegt mir fern.“

          Das also ist Fahri Yardim, die sympathische, kluge Quasselstrippe an der Seite von Til Schweiger, ein Deutschtürke, der seit seiner Entdeckung dort im „Tatort“ Ende 2013 nicht nur als Star gehandelt wird, sondern auch ständig im Kino auftaucht, wo er glücklicherweise nicht in erster Linie Figuren spielt, deren Herkunft von Bedeutung wäre („Der Medicus“, „Irre sind männlich“, „Alles ist Liebe“). Der Vierunddreißigjährige hat freundliche Augen und Wuschellocken, er ist mit einem altmodischen Damenfahrrad gekommen und sofort beim Du. Der Erfolg habe sein Leben stark verändert, sagt er. Es sei stressiger und verantwortungsvoller geworden: „Ich bin endgültig über die Jugend hinausgewachsen. Jetzt ist Ackern angesagt.“

          Yardim, der mit den Kinofilmen „Chiko“ (2008) und „Almanya - Willkommen in Deutschland“ (2011) bekannt wurde und regelmäßig in Schweigers Blockbustern mitspielt, hat einige Jahre Ethnologie, Germanistik und Erziehungswissenschaften studiert sowie eine Schauspielausbildung am Bühnenstudio der darstellenden Künste in Hamburg absolviert. Wenn er Fußball guckt oder Auto fährt - „mach’ ich beides liebend gerne, aber ich bin unerträglich“ -, kann er sich mächtig aufregen. Was er sagt, klingt durchdacht, aber nie abgehoben. Er redet schnell und leichtfüßig. Til Schweiger nennt ihn „meinen Philosophen“.

          Yardims nächster Film ist ein fäkalhumoriges Projekt mit Sido

          Yardim erzählt, dass er seinen prominenten Freund vor rund zehn Jahren bei den Dreharbeiten zu „Wo ist Fred?“ kennengelernt habe. Schweiger kickte sich mit einem Statisten einen Basketball zu, Yardim stellte sich dazu, „dann haben wir im Dreieck gespielt“. Was es anschließend braucht in einer Branche, die ein einziges großes Netzwerk ist, damit Freundschaft entsteht, beschreibt Yardim mit den Begriffen Kontinuität, Vertrauen, Humorverwandtschaft. Er sagt: „Til ist für mich eine der menschlichsten Gestalten in dieser Branche. Wenn ich den irgendwo treffe, möchte ich bei ihm sein. Da klebe ich, das spüre ich. Nicht, weil ich weiß, dann kriege ich vielleicht einen geilen neuen Job. Sondern weil ich meinem Impuls folge, der sagt, da habe ich am meisten Freude.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.