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Zusammen bis zuletzt: An Miller und Filip Peeters mit ihren Töchtern Leonce und Louisa Bild: Michiel Devijver

Gespielter Familiensuizid : Ich möchte küssen, bevor ich sterbe

Das belgische Schauspieler-Ehepaar An Miller und Filip Peeters spielt mit seinen Teenager-Töchtern den gemeinsamen Suizid. Wie kommt man auf so eine Idee, wie ist das für die Familie – und warum tun sie das?

          6 Min.

          Mal wieder alle zusammen etwas Schönes machen: Das nehmen sich viele Familien vor, die mit ihrem Alltag aus elterlichen Vollzeitjobs, schulischen Belastungen der Kinder und durchorganisierter Freizeit kämpfen. Eine Fahrradtour zum Beispiel, einen Waldspaziergang oder zumindest einen Spieleabend.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch An Miller und Filip Peeters, zwei belgische Schauspieler und Ehepartner, haben vor einiger Zeit beschlossen, mit ihren Töchtern Louisa und Leonce, 15 und 14 Jahre alt, etwas zu unternehmen. Also spielen sie zusammen Theater: ein Stück über eine Familie, die gemeinsam Suizid verübt.

          „Familie“ heißt das Drama von Milo Rau, das im Januar am Niederländischen Theater Gent Premiere hatte und auch durch andere Länder tourt; an diesem Wochenende kommt es im Frankfurter Mousonturm zur Erstaufführung im deutschsprachigen Raum. Säßen Leonce und Louisa im Publikum, so müssten sie den Saal verlassen; das Stück, in dem die Mädchen auf der Bühne stehen, ist freigegeben ab 16 Jahren.

          Eine ganz normale Familie

          Wie kommt man auf die Idee, mit seinen minderjährigen Töchtern, die tief in der Pubertät stecken, ein Stück über Selbstmord zu erarbeiten – und diesen auf der Bühne zu spielen? „Dass sie zusammen den Tod durch Erhängen vorführen, ist aus psychologischer und pädagogischer Sicht ein Wagnis“, schrieb der Theaterkritiker der „Zeit“ in einer ansonsten wohlwollenden Rezension, „und vielleicht eine Sünde.“ Für die Familie, so seine Befürchtung, könne dies eine Erfahrung sein, die „ins Traumatische“ münde.

          Ein Februarnachmittag im Stadttheater Utrecht. An Miller und Filip Peeters haben Platz genommen in einer Sitzecke im Künstlerfoyer, nach draußen blickt man auf die Gracht und die vorüberziehenden Boote. Zwei kleine Hunde wetzen herbei, holen sich Streicheleinheiten ab; Billy und Bobby gehören zur Familie, reisen stets mit und sind ebenfalls auf der Bühne zu sehen.

          Von den Töchtern lässt sich nur eine kurz blicken, sie will vor der Vorstellung noch shoppen gehen und ist enttäuscht, dass die Schwester nicht mitwill. Während des Interviews wird Miller ab und an Nachrichten an die Tochter ins Telefon tippen, als kleine Navigationshilfe durch Utrechts Einkaufsstraßen. Man hat es, so der erste, schnelle Eindruck, mit einer ganz normalen Familie zu tun.

          Alles ist schön, doch genug ist es nicht

          Für ganz normal hielten die Nachbarn in Coulogne, einem Vorort von Calais, auch die Familie Demeester, die dort seit langem lebte. Im September 2007 dann fand man die Eheleute, beide 55 Jahre alt, mitsamt Sohn, 30, und Tochter, 27, im Wintergarten des Hauses: Sie hatten sich erhängt. Es war keiner jener Kriminalfälle, die immer noch oft verfälschend als „Familiendrama“ bezeichnet werden, bei denen eine Person – meist der Ehemann, der Vater – erst die anderen und dann sich selbst tötet.

          Es war ein kollektiver Selbstmord, ein synchronisierter Tod, der auch die Polizei ratlos ließ. Zwar gab es Hinweise auf Depressionen und Sorgen aufgrund der Arbeitslosigkeit des Sohnes, doch keine wirkliche Erklärung für die radikale Tat. Auf einem Zettel, den die Demeesters hinterlassen hatten, stand: „Wir haben zu viel vermasselt.“

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