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Schauspieler Axel Prahl : „War halt keck und vorlaut“

  • -Aktualisiert am

Axel Prahl in der alten Fabrikhalle, die sein neues Heim werden soll. Bild: F.A.Z.

Der „Tatort“- und Kinostar Axel Prahl nimmt das Leben leicht, auch wenn's schwerfällt. Nach Trennung und Umzug wagt er nun einen Neuanfang. Noch immer schöpft er aus seiner Studentenzeit, in der er ohne Geld quer durch Europa tourte.

          Axel Prahl hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Im Frühjahr gab er das Scheitern seiner zweiten Ehe bekannt; das gemeinsame Haus in der brandenburgischen Provinz wurde verkauft. Prahl zog zurück in die Wohnung, in der er fast zwei Jahrzehnte verbracht hatte, an eine Durchgangsstraße in Prenzlauer Berg. Jetzt hat er am Rande Berlins ein Stück einer alten Fabrikhalle erstanden, einen verwitterten Klinkerbau mit verbarrikadierten Fenstern, den er umbauen lassen will. An die Stelle der Toreinfahrt kommt ein Wintergarten; die fünf Jahre alten Zwillinge brauchen Kinderzimmer. Wie ein Krönchen soll das Dach ein langgestreckter Giebelraum fürs Schlafzimmer zieren, geplant ist auch eine Badewanne mit Blick aufs Wasser: Nur ein paar Schritte vom Haus entfernt schnattern Enten über eine dünne Eisdecke. Was für eine Idylle. Andere würden von einem Neuanfang sprechen, von Selbstverwirklichung oder Nestbau. Axel Prahl sagt nur: „Es ist eine gute Gelegenheit. Und es ist ein Versuch.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer etwas über Axel Prahl erfahren will, hat Glück, wenn gerade Rainer vorbeischaut. Rainer ist größer als Prahl, was kein Kunststück ist, etwas massiger und ebenfalls um die Fünfzig. Er bestellt Kaffee, mit kurzem „e“ und Betonung vorne, so wie man das macht an der westdeutschen Ostseeküste, wo die Männer sich kennenlernten, als sie Jungen waren und der eine (Rainer) dem anderen (Axel) die Freundin ausspannte. Weil beide leidenschaftlich Gitarre spielten, wurden sie trotzdem Freunde.

          Prahl kann auch Kotzbrocken und Akademiker

          Rainer hat lange im Ausland gelebt und den Aufstieg des Kumpels zum Star nur aus der Ferne verfolgt: Wie sein Freund als Imbissbudenbesitzer Uwe Kukowski quasi über Nacht zum Gesicht einer fast dokumentarischen Authentizität im Kino wurde und dafür mit Preisen und Ruhm überschüttet (“Halbe Treppe“). Wie Prahl als Autohändler und Frauenheld mit seinem Schicksal flirtete, bis sein Leben aus der Bahn geriet (“Willenbrock“). Prahl avancierte zur Standardbesetzung des kleinen Mannes, bodenständig und mit dem Herzen am rechten Fleck, aber er kann auch Kotzbrocken und Akademiker. Er spielt mit einer Natürlichkeit, dass man unweigerlich denkt: So ist dieser Mann wirklich. Das gilt auch für Hauptkommissar Thiel, den Muffelkopp unter den „Tatort“-Ermittlern, der im Team mit Jan Josef Liefers' blasiertem Gerichtsmediziner Quotenrekorde einfährt. Rainer kennt keine dieser Figuren, aber er kennt Prahl, und er beschreibt ihn so: ehrlich, offen, hilfsbereit, großzügig, herzlich. Er sagt: „Da sind sicherlich viele Dinge in seinem Leben passiert in den vergangenen 15 Jahren. Aber ich merke davon wenig. Zwischen uns hat sich nichts geändert.“

          Axel Prahl (l.) und Jan Josef Liefers bei „Tatort”-Dreharbeiten in Münster

          Als Rainer kürzlich nach Deutschland zurückkehrte, bat er um Unterschlupf bei Prahl. Weil dort aber gerade Prahls neue Freundin eingezogen war, schläft Rainer jetzt in deren Wohnung. Und weil Rainer Geld brauchte, um wieder auf die Füße zu kommen, lässt Prahl ihn auf seiner Hausbaustelle arbeiten. So einer ist das. Der Schauspieler bleibt nicht lange beim „Sie“. Schon als Junge verblüffte er seine Mutter, weil er Fremde auf der Straße grüßte. In seiner Kieler Wohngemeinschaft gewährte er einem Ex-Knacki Asyl, bis der Kerl ihm das Geld für die Miete klaute. In der linken Szene gehörte Prahl damals zu den Ausnahmen, die mit Neonazis lieber redeten als ihnen aufs Maul zu hauen. Diese Offenheit „für jede Art von Menschen“ ist ihm zur Ressource geworden, und zwar mehr als die angebliche Nähe zu einfachen Milieus, die ihm hartnäckig nachgesagt wird. Prahl leidet ein wenig darunter, dass die Prominenz ihn zurückhaltender macht. Wie gerne würde er mal wieder einen Abend in der Kneipe versaufen, ohne erkannt zu werden.

          Das Studium - Mathe und Musik auf Lehramt - schmiss er

          Mit Rainer übrigens hat Prahl diese Reise gemacht, die vom Trampurlaub zur Schlüsselerfahrung geriet. Über Straßburg ging es bis nach Granada, anno 1978, jeder mit 500 Mark in der Tasche und mit der Klampfe. Sie wollten von Straßenmusik leben: Neil Young, Bob Dylan, Crosby, Stills, Nash & Young. „Es gab auch Zeiten, da haben wir morgens ein Brötchen gegessen und abends eine Flasche Rotwein getrunken. Das war dann die gesamte Ernährung“, sagt Prahl. „Dafür waren wir auch dünn. Schön . . .“, sagt Rainer. Beide lachen sehr.

          Prahl ist ein hervorragender Geschichtenerzähler. Er spickt Anekdoten mit Dialogen, sein Timing ist pointensicher. So erzählt er - mit dünner Fistelstimme - vom Entsetzen seiner Mutter, als sie ihren ausgemergelten Jungen wiedersah. Wie er - mit der spanischen Version von „Haste mal 'ne Mack?“ - zum ersten Mal in seinem Leben gebettelt habe. Dass sie eine Gitarre verkaufen mussten, um rechtzeitig per Bahn nach Hause zu kommen, weil die Semesterferien zu Ende waren und Prahl noch nicht ahnte, dass er sein Lehramtsstudium - Mathe und Musik - schmeißen würde, um sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten, bis die Entscheidung für die Schauspielschule fiel. Auf dieser Reise hat er seine wichtigste Lektion gelernt: „Man überlebt irgendwie. Nichts ist so tragisch, dass das Leben nicht weitergehen könnte.“

          „Immer große Klappe und vorneweg“

          Prahl ist bis heute überzeugt, dass er auch ohne zwei „Tatort“-Gagen im Jahr über die Runden käme. Und es wirkt nicht kokett, wenn er behauptet, es interessiere ihn nicht, welche Wendung seine Karriere als Nächstes nehme. „Man wird es nicht beeinflussen können“, sagt er nur. Manchmal stellt er sich vor, er wäre auf Hartz IV, „mal gucken, wer dann noch mein Freund ist. Und da weiß ich zum Beispiel, Rainer wäre da.“ Rainer verabschiedet sich. „Tschüs, Süßer“, sagt der Schauspieler. Demnächst kommen zwei Filme mit Prahl ins Kino. Bis Anfang nächsten Jahres ist er ausgebucht.

          Sein Talent, glaubt Prahl, rühre auch daher, dass er immer kompensieren musste, was ihm an Körpergröße fehlt. Dem Makel verdanke er zudem, dass er überhaupt Talente in sich aufspüren musste. „Groß und schön war halt nicht. War halt keck und vorlaut, so die Nummer witzig: Immer große Klappe und vorneweg, damit ich mir irgendwie Geltung verschaffen konnte.“ Wenn eine Erdkundearbeit ins Haus stand, für die er nicht gelernt hatte, konnte er sich Bauchschmerzen einreden, bis die besorgte Mutter ihren kreidebleichen Sohn zu Hause behielt. „Die Lüge braucht die Souveränität des Vortrags“, sagt Prahl. Und: „So ging das los mit der Schauspielerei.“

          Er macht Dialoge besser als im Drehbuch

          Das Ergebnis lässt sich bei jedem beliebigen Drehtermin besichtigen. In einer leerstehenden Schule in Berlin inszeniert das ZDF den Ausnahmezustand nach einem Amoklauf. Anna Loos spielt eine Lehrerin, die von Schuldgefühlen geplagt wird, aber die Starke mimt. Axel Prahl als Psychologe soll helfen. Es ist eine kleine Rolle, eigentlich zu klein für einen Großen wie ihn. Aber weil Prahl auch unscheinbaren Figuren erstaunliche Präsenz verleiht, ist der Produzent sehr dankbar. Der Regisseur kennt Prahl bereits von einigen „Tatort“-Drehs. Er weiß, dass der Schauspieler die Intuition besitzt, um Szenen und Dialoge besser zu machen, als sie im Drehbuch stehen. Beim „Tatort“ lässt er ihn gewähren. Jetzt ist er beeindruckt, wie sehr sich der Star bemüht, die Visionen des Regisseurs umzusetzen - bis auf die Nuance genau.

          In den Pausen blödelt Prahl. Geht am Imbisswagen in die Knie und bestellt quäkend das Kinder-Menü. Trällert einen Choral zur Auladecke hinauf, trötet und schnalzt, der grandiosen Akustik wegen. Ein Gruß hier, ein Gespräch dort, oder er foppt Anna Loos. Von einer Sekunde zur nächsten ist er wieder hochkonzentriert. Er sagt, er genieße diese Energie beim Drehen, wenn aus der Gruppendynamik am Set eine Kraft entstehe, die den Einzelnen übersteigt. Schon immer konnte er bienenfleißig sein, wenn er sich für eine Sache begeisterte.

          „Papa ist in der Glotze“

          Die ewige Frage: Wie viel haben seine Filmfiguren mit ihm zu tun? Prahl ist nicht so maulfaul wie Thiel, nicht so geschmeidig wie Willenbrock und beileibe nicht so naiv wie Kukowski. Vergangenes Jahr hat er eine Episodenhauptrolle für die Krimiserie „Stolberg“ übernommen: Ein Mann sperrt seine Ehefrau in den Keller, weil sie ein Verhältnis mit dem Nachbarn hat. Prahl sagt: „Das Angebot kam just in der Trennungsphase. Irgendwie hatte ich dazu Lust.“ Dann erzählt er von einem seiner ersten Filmprojekte überhaupt, damals in Schleswig-Holstein, als er hauptberuflich Theater spielte: Er konzipierte einen Stummfilm, in dem er selbst die Rolle eines Geistes übernahm, der - grün geschminkt - mit einer Gauklertruppe Schabernack treibt. Auch seine damalige Frau und die beiden Kinder spielten mit; in einer Szene irrt die Familie durch die Provinz, landet zufällig in einem Hifi-Laden, und von allen Fernsehschirmen im Regal dröhnt das Lachen des grünen Geistes. „Krass“, sagt Prahl. „In dieser kleinen Szene habe ich mein Leben vorweggenommen. Die Frau und die Kinder rennen durch die Gegend und suchen und suchen - und Papa ist in der Glotze.“

          Wenn Prahl an einem langen Wintermittag Ente mit Rotkraut säbelt, wenn er vorher Kakao ohne Sahne trinkt und anschließend zwei Kaffee, wenn er über seine Baustelle schlendert, mit Rainer lacht oder mit seiner Freundin telefoniert - irgendwie wirkt er weniger authentisch als in seinen Filmen. Natürlich ist er ehrlich, offen, hilfsbereit, großzügig, herzlich. Aber das Leben ist kein Drehbuch, keine Rolle so komplex wie die Wirklichkeit und ein Interview kein Kneipenabend mit Freunden. Der jüngste „Tatort“ aus Münster hatte 10,5 Millionen Zuschauer. Prahl ist vergangenes Jahr fünfzig geworden. Gerade hat er seine zweite Scheidung hinter sich gebracht, und es treibt ihn um, was das für die Kinder heißt. Entweder er arbeitet. Oder er hat die Zwillinge bei sich.

          Prahl nimmt die Dinge leicht

          Oder er macht Musik. Vielleicht Ende des Jahres soll Prahls erste CD erscheinen, mit elf eigenen Songs und Orchester. Der Schauspieler verfällt in leisen Sprechgesang: „Eine wilde Welle / wogte eine Weile / mit dem Winde auf dem weiten Meer.“ Und dann der Refrain: „Doch im Leben / ist uns eben / leider vieles nicht gegeben / Kann nicht sein und / wird nicht werden / darum sei nicht so betrübt / wenn es mal nicht so geht.“

          Prahl mag es, die Dinge leicht zu nehmen. „Für mich ist es immer gut, wie es ist. Und wenn irgendwas überraschend Negatives kommt, dann versuche ich, mich ganz schnell mit der Situation zu arrangieren.“ Entweder müsse man seine Energie investieren, um einen unbefriedigenden Zustand zu ändern. Oder es gelte, sich abzufinden und das Beste daraus zu machen - und das idealerweise mit Spaß. „Das ist vielleicht auch genau das, was ich auf dieser Reise gelernt habe“, sagt er. Mit Rainer.

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