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Wagenbau-Künstler : Der Satiriker des Pappmachés

  • -Aktualisiert am

Bild: Edgar Schoepal

Jacques Tilly, der die politischen Wagen für den Düsseldorfer Zug baut, steht für den satirischen Karneval. Was treibt diesen Mann jedes Jahr aufs Neue an?

          Jacques Tilly genießt Narrenfreiheit. Schließlich ist Karneval. Jedes Jahr entwirft er für den Rosenmontagszug in Düsseldorf zwölf politische Wagen, die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt werden. „Make Fascism Great Again“ (Macht Faschismus wieder großartig) hatte der Kommunikationsdesigner dem heutigen amerikanischen Präsidenten schon 2016 auf die Haartolle geschrieben. Und Tillys Karikatur in Form einer überlebensgroßen Statue von Jaroslaw Kaczynski als General, der das eigene Land unterdrückt, sorgte für Aufregung in der polnischen Presse – auch weil die Kritik pikanterweise aus Deutschland kam. Bei Demonstrationen gegen die rechte polnische Regierung druckten einige Protestierende sogar Tillys Wagen als Foto aus und hielten es auf Plakate geklebt hoch.

          Darauf ist der Satiriker stolz. Dennoch möchte er kein Aktivist sein. „Karneval sollte nicht als politische Bühne zur Propaganda genutzt werden“, sagt der 53 Jahre alte Düsseldorfer. Deshalb bemühe er sich auch immer um Ausgewogenheit und ziehe alle Parteien gleichmäßig durch den Kakao. So versuche er, das Paradox aufzulösen, hochpolitisch und gleichzeitig politisch neutral zu sein. Auch er selbst sei ein typischer Wechselwähler und habe sich in Bezug auf Politik und Religion „nie richtig entschieden“.

          Jacques Tilly malt einer Karnevalistenpappmaché Figur eine rote Nase – sein Markenzeichen.

          Seine Satire solle aber auch nicht seine eigene Meinung widerspiegeln und an Rosenmontag einen „Jacques-Tilly-Zug“ hervorbringen. Stattdessen versuche er, die Stimmung der Narrenschar, also zuerst der Düsseldorfer einzufangen, die an Rosenmontag den Karnevalszug bewundern. „Ich muss immer im Gefühl haben, was die Menschen so denken.“ In erster Linie gehe es dabei um Unterhaltung. Wenn er den Nerv der Zeit besonders gut treffe, klatschten die Zuschauer am Straßenrand auch manchmal spontan. Wie er den Zeitgeist einfange? Er habe schon immer alles gelesen, was ihm unter die Augen gekommen ist. Doch in der riesigen Wagenbauhalle, einem ehemaligen Bahndepot, sei er natürlich hautnah dran an den Düsseldorfern.

          Jacques Tilly bei der Arbeit in der Wagenbauhalle in Düsseldorf

          Schließlich bauen hier alle möglichen Vereine bis hin zur Kirche ihre Wagen für den Rosenmontagszug – einige haben Tilly direkt beauftragt. Als Bildhauer legt er dann mit seinem siebenköpfigen Team selbst Hand an, um die Großplastiken aus Pappmaché und Maschendraht innerhalb kürzester Zeit nach seinen Skizzen zu bauen und zu bemalen. Die neueste Erkenntnis seiner Feldforschung in der Halle ist, dass die Schulzstimmung kein Fake sei und Martin Schulz Kanzler werden könnte. Der künftige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sei dagegen überhaupt kein Thema, auch wenn beide SPD-Politiker aus Nordrhein-Westfalen stammten. Steinmeier sei „einfach zu farblos“.

          Auflehnung gegen Staat und Autoritäten

          Ob das schon Hinweise auf die politischen Wagen sind, die an Rosenmontag wieder mit Spannung erwartet werden? Tilly lässt die Frage offen. Denn nicht zuletzt um Diskussionen und potentielle Verbote im Vorhinein zu vermeiden, bleiben die Wagen streng geheim. „Fünf Wagen sind noch in Arbeit, einen haben wir noch nicht mal angefangen“, sagt der Künstler noch vier Tage vor dem Umzug. Tillys Team baut das ganze Jahr über Karnevalswagen, die zwei Drittel des Geschäfts ausmachen. Dennoch: Oft würde zumindest ein Wagen noch in der Nacht auf Rosenmontag gebaut, um politisch hochaktuell sein zu können. „Ich arbeite immer.“ Für den Satiriker ist das eine Frage der Leidenschaft und der Narrenehre. Denn die Narrenfreiheit sei ein jahrtausendealtes Privileg. Das hätten sich die Menschen nie nehmen lassen – einmal im Jahr der Obrigkeit die Meinung zu geigen. „Satire ist immer humorvolle Kritik“, meint der Künstler. „Man wünscht sich die Welt besser.“

          Schon vor zehn Jahren wusste Tilly zu provozieren: die Frontfiguren Bischof und Mullah im Jahr 2007

          Doch das Privileg des Satirikers werde immer mehr eingeschränkt. Tilly selbst könne jetzt nicht mehr nach Polen oder in die Türkei fliegen. „Ich glaube, dass Böhmermann der Satire insgesamt Schaden zugefügt hat mit seiner Erdogan-Satire.“ Auch er habe plötzlich am Pranger gestanden. „Satire ist nicht automatisch auf der Seite des Wahren und Guten“, findet er. „Provokation muss etwas deutlich machen, das im Argen liegt.“ Und davon gebe es zurzeit nicht wenig. „Wir leben in einer freiheitlichen Blase“, die schnell zerplatzen könne. „Frieden ist fragil“, sagt Tilly.

          „Einfache Lösungen sind was für Populisten“

          Er möge zwar keinen „Europa-Kitsch“, aber die Europäische Union sei das „beste Friedenssicherungsorgan, das der Kontinent je hatte“ und sie basiere auf Vielfalt und der Akzeptanz, dass unterschiedliche Menschen friedlich koexistieren können. Weltanschauliche Bescheidenheit sei da „eine ganz wichtige Tugend“. Doch diese Bewusstseinsebene hätten manche Menschen noch nicht erreicht: „Wer Lügenpresse schimpft und gleichzeitig Putin verehrt, will nur seine eigene Meinung hören.“ Kritik an „Fake News“ kann man schon auf einem Vereinswagen in der Halle lesen. „Einfache Lösungen sind was für Populisten“, sagt Tilly und davon gebe es momentan zu viele. Trump, Le Pen, Wilders, die AfD: „Das autoritäre Denken greift auf die Mitte der Gesellschaft über.“ Dagegen müsse der Staat ein Zeichen setzen.

          Auch sich selbst verpasst Jacques Tilly gerne sein Markenzeichen.

          Der liberale Menschenrechts-Ethos sei eine Zivilisationsleistung, das Grundgesetz eine „ganz wichtige Errungenschaft“. Er, der in den Achtzigern durch die Auflehnung gegen Staat und Autoritäten geprägt wurde, sieht Ungehorsam nun nicht mehr als Tugend an. Tilly, der als Eulenspiegel der Gesellschaft den Spiegel vorhält, wird angesichts der bitteren Realsatire von „Reichsbürgern“, Kopp-Verlag und Pegida „vom Angreifer zum Verteidiger“. Denn ein humanistisches Staatssystem verteidigt, wie bei Böhmermann, auch den Satiriker.

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