https://www.faz.net/-gum-7lozf

Samuel Meffire im Gespräch : Es gibt Dinge, da habe ich keine Antwort

  • -Aktualisiert am

Sein Leben, sagt er, ist jetzt eine Blümchenwiese: Samuel Meffire in Bonn Bild: Michael Kretzer

In den Neunzigern machte Samuel Meffire Schlagzeilen als erster schwarzer Polizist Ostdeutschlands. Dann wurde er Verbrecher. Heute schreibt er Kriminalromane.

          Der Mann, der erst Polizist war und dann Verbrecher wurde, scheint für einen Moment am Rande seiner Kraft zu sein. Seine Hände krallen von hinten an der Lehne einer Bank, er beugt die Arme, drückt sich von der Bank weg, lässt sich fallen, drückt sich weg. Er verzerrt das Gesicht vor Schmerz, schiebt die Kiefer gegeneinander, reißt sie auf, presst im Takt die immer gleichen Silben hervor, Ho-Chi, Ho-Chi, Ho-Chi. Er atmet durch, lockert Beine und Arme und sagt mit sonorer, kaum erschöpfter Stimme, er werde jetzt den Berg runterlaufen, ohne Pause. Pausen macht er nie. Es muss weh tun.

          Er braucht das Laufen. Für den Kopf und für den Körper. Bis vor kurzem lief er diese Route auf dem Kreuzberg in Bonn jeden Tag, dann sammelte sich immer mehr Wasser in den Beinen. Er stellte den Trainingsplan um und baute in seinem Arbeitszimmer Fitnessgeräte auf, trainiert Rücken, Schulter, Nacken. Laufen geht er nur noch zwei Mal die Woche. Manchmal muss der Kopf auf den Körper hören. Das ist eine Regel, die er lernen musste.

          An einem kleinen Parkstück, kurz vor dem Bonner Hauptbahnhof, hält er an. Noch einmal Liegestütze an der Bank. Vier Durchgänge. Prusten, Keuchen, doch Samuel Meffire, durchtrainierter Körper und kahlrasierter Kopf, scheint sein Tempo gefunden zu haben. Im Extremen. Er dehnt sich, streckt die Arme in den Himmel und läuft zurück, in die Altstadt, wo er lebt. Es dauerte Monate, bis er einen in seine Wohnung ließ. Er wollte das nicht mehr: wollte keine Reporter, wollte keine Homestories. Er wollte ein Zuhause, das ihm gehört. „Nest“ hat er es einmal genannt.

          Sie nannten ihn „Der Sachse“, er schenkte ihnen seine Geschichte

          Vor zwei Jahrzehnten, als er schon einmal in vielen großen deutschen Blättern war, hatten Journalisten einen anderen Meffire kennengelernt; einen, der posierte, wie sie wollten, der öffnete, was sie wollten. Die Journalisten kamen, und der junge Mann, der stolz war, der erste schwarze Polizist in Ostdeutschland zu sein, nahm sie mit auf die Dienststelle, in seine Wohnung, redete über seine Familie und über seine Freundin. Sie nannten ihn „Der Sachse“, und er schenkte ihnen seine Geschichte.

          Später hat er gemerkt, dass es mit Medien nicht nur etwas zu gewinnen gibt, und er hat sich gesagt, dass er sich nicht noch einmal verlieren will. Er hat begriffen, dass er Grenzen ziehen muss, dass er ein Zuhause braucht.

          Dies ist die Geschichte von Samuel Meffire, einem Schwarzen, der in Ostdeutschland geboren wurde, der als Polizist Verbrechen aufklären wollte, selbst zum Verbrecher wurde, nach Paris und nach Kongo flüchtete, sich schließlich stellte, verurteilt und inhaftiert wurde, sechseinhalb Jahre später freikam und nun in Westdeutschland lebt, im Rheinland, als Krimiautor.

          In diesem Leben gibt es keine geraden Linien. So etwas gab es nie. Immer wenn es so aussah, als bekäme es so etwas wie eine Form, lief irgendwas schief oder er lief davon.

          Laufen. Das ist sein Leben in einem einzigen Wort.

          Wenn Meffire etwas macht, macht er es mit aller Kraft, dem größten Tempo, und dann schlägt es plötzlich um, von einem Extrem ins andere Extrem. Wenn er rennen will, dann den Berg hinauf. Wenn er Ruhe haben will, geht er auf den Friedhof.

          Weitere Themen

          Jetzt reicht’s!

          FAZ Plus Artikel: Brexit : Jetzt reicht’s!

          Premierministerin Theresa May verschiebt die Abstimmung über den Brexit-Deal – die Zukunft auf der Insel bleibt weiter unklar. Viele Londoner können das nicht fassen – Beobachtungen aus einer genervten Stadt.

          Topmeldungen

          Bei gewaltsamen Protesten gegen ein neues Arbeitsgesetz wurden mehr asl 50 Menschen festgenommen.

          Ungarn : Gewaltsame Proteste gegen Orbans neues Arbeitsgesetz

          Mehrere tausend Demonstranten protestierten dagegen, dass Arbeitgeber künftig bis zu 400 Überstunden im Jahr verlangen können. Die Opposition spricht von einem „Recht auf Sklaverei“. Mindestens 14 Menschen wurden verletzt, mehr als 50 festgenommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.