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Samuel Meffire im Gespräch : Es gibt Dinge, da habe ich keine Antwort

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„Es ist wichtig zu sehen, wer ich vorher war und wie das alles kam. Es gab einen Prozess, der zum Sport führte, einen Prozess, der zur Polizei führte, und auch einen, der zu den Überfällen führte. Meine Mutter mit ihrem Unverhalten, ihr Vater mit seinen Kriegserfahrungen, sie gab mir keine Liebe, er gab ihr keine Liebe. Ich stecke noch im Prozess der Aufarbeitung. Ich habe dunkle Momente. Flashbacks vom Kongo, von den Überfällen. Es gibt Dinge, die kann ich mit meinem Sprachvermögen nicht in Form bringen. Es gibt Dinge, auf die habe ich keine Antwort.“

Es sind sperrige Sätze, die Meffire sagt. Er weiß das. Nach mehreren Stunden werden Treffen mit ihm seltsam. Dann, wenn er sich öffnet, aber zugleich wieder verschließt. Manchmal hat er keine Lust zu reden, manchmal versteht er Monate später nicht mehr, was er einmal sagte. „Ich habe wirklich gesagt, das ist privat, was in dem Brief an die Opfer stand? Das war wahrscheinlich meine Paranoia Journalisten gegenüber. Ganz so privat ist es nicht. Der Brief wurde vor Gericht vorgelesen. Ich habe darin versucht zu erklären, wie alles außer Kontrolle geriet.“

Er weiß, dass seine Geschichte für einen Film taugt

Meffire schreibt jetzt Krimis, die er als E-Books verkauft. Er baut in seine Texte Links zu Artikeln, Bilder und Videos ein. Er denkt sich Geschichten aus, die in Echtzeit im Netz gestreamt werden sollen. Er will mit den Usern kommunizieren und die Story entwickeln. Er kann noch nicht davon leben, hat noch nicht genug Leser. Aber: Er hat seine eigene Geschichte.

Er weiß, dass sie gut ist, ungewöhnlich, dass seine Geschichte für einen Film taugt. Er bewirbt sich als Ex-Bulle, Ex-Knacki und Werbeikone. Meffire sieht sich auch als Marke.

Ein Tag im August, kurz vor neun Uhr morgens. Meffire reibt sich die Augen, um kurz nach sechs war die Nacht zu Ende, da machte ihn seine einjährige Tochter wach. Er hat noch ein paar Mails geschrieben, eine halbe Stunde trainiert, dann sei er zum Bahnhof gehetzt. Das Leben, sagt er, laufe gerade im ICE-Tempo. Er muss jetzt nach Köln, dort ist der letzte Drehtag für „Zugriff - Jede Sekunde zählt“, eine Pseudo-Doku-Soap für RTL II. Im Zug holt er seine Digitalkamera heraus und zeigt Fotos und Videos vom Set: Er in Uniform mit Weste, Sturmhaube, Helm. Er spielt einen SEK-Polizisten. Er hat auch das Drehbuch geschrieben, er brauchte Geld. Eigentlich sind das nicht die Geschichten, die er erzählen will, sie gehen ihm nicht tief genug, sie erzählen nichts von der Wut, der Zerrissenheit, die in einer Gesellschaft entsteht.

In seinen Krimis zerlegt Meffire die Welt in ihre Einzelteile, es herrschen bürgerkriegsähnliche, gesetzlose Zustände, seine Protagonisten haben düstere Flashbacks, ringen um ein letztes Stück Menschlichkeit. Sie suchen ein Zuhause, Schutz. Alles geht durcheinander, wie in seinem Leben. Immer wieder hat man bei diesen Stoffen das Gefühl: Es geht auch um ihn. „Wenn ich schreibe, bekommen die Texte mein ganzes Innenleben, mein ganzes Erinnern.“

Wieso tut er sich das an?

„Ich muss diese ganzen heftigen Dinge aushalten, auch wenn es sehr, sehr weh tut. Aus Nichtstun entsteht kein Text. Das ist genau wie beim Training. Nur durch Disziplin ergibt sich Leistung.“

Er schaut entschlossen. Einen Moment scheint es, als habe der Mann, der erst Polizist, dann Verbrecher wurde und nun Krimiautor ist, seine ganze Geschichte in einen Lehrsatz gefasst.

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