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Sängerin ruft Sittenwächter auf den Plan : Lady Gaga spaltet auch Indonesien

Recht züchtig: Lady Gaga am Samstag bei ihrem Auftritt in Bangkok Bild: AFP

Die Absage eines ausverkauften Konzerts in Indonesien markiert den Höhepunkt einer schwierigen Tournee für Lady Gaga. In vielen asiatischen Ländern gehen Christen und Muslime gegen sie auf die Barrikaden.

          „Ich bin mindestens so niedergeschmettert wie Ihr!“ Das twitterte die amerikanische Sängerin Lady Gaga an ihre indonesischen Fans, nachdem sie am Wochenende entschieden hatte, nicht in Jakarta aufzutreten. Vorausgegangen waren Drohungen von Extremisten, undurchsichtige Verhandlungen mit Polizei und Veranstaltern sowie vermutlich eine indonesische Intrige. Die Absage eines ausverkauften Konzertes, auf das sich mehr als 50 000 „kleine Monster“ - so nennen sich ihre Anhänger - gefreut hatten, markiert den Höhepunkt einer an Skandalen reichen Tournee durch das pazifische Asien.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Schon ihr erstes Konzert, vier Wochen ist es her, wurde von Protesten begleitet. In Korea waren es Christen, nicht Muslime, die den Auftritt und die Texte der Sängerin als Teufelszeug darstellten und so an einen kleinen kulturellen Unterschied erinnerten: Was im libertinären Westen als kitzelndes Streicheln erlebt wird, kann im sittlich und religiös konservativeren Asien Schmerzgrenzen überschreiten. Das „Bürgernetzwerk gegen das Lady-Gaga-Konzert“ nahm nicht nur Anstoß am freizügigen Kleidungsstil der Künstlerin, sondern an Titeln wie „Poker Face“ und „Judas“ und der Schwulen-Hymne „Born this Way“. Noch vor dem Stadion in Seoul versuchten die Sittendemonstranten, die kleinen Monster auf den rechten Weg zu bringen, obwohl die Regierung im vorauseilenden Gehorsam sichergestellt hatte, dass nur Erwachsene Zutritt zum Konzert erhielten.

          Ähnlich erging es Lady Gaga auf den Philippinen, die anders als Korea fast ausnahmslos von Christen bevölkert sind. In der Hauptstadt Manila machten katholische Gruppen derart mobil, dass sich sogar der Präsidentenpalast einschaltete. Man sei nicht in der Position, die Konzerte zu verbieten, ließ Benigno Aquino die aufgebrachten Gläubigen wissen - und sagte in guter demokratischer Tradition polizeilichen Schutz für die Fans zu.

          Noch empfindlicher reagieren Muslime auf die Sängerin. In Malaysia, wo Lady Gaga schon seit vergangenem Jahr mit einem Auftrittsverbot geehrt wird, sind ihre CDs inzwischen zensiert. Herausgeschnitten wurden nicht nur Kraftausdrücke, sondern auch Inhalte, die staatliche Sittenwächter für bedenklich halten. Statt der Zeile „no matter gay or straight or bi, lesbian transgendered life“ können die malaysischen Fans nur noch mehrmals hintereinander „no matter“ hören. Aus den Videos wurden die Nacktszenen entfernt, aber auch Worte wie „Whisky“ oder „Judas“.

          Von derartigem Puritanismus ist Indonesien weit entfernt. Obwohl dort mehr Muslime leben als in jedem anderen Land, wird die Kunstfreiheit in der Regel geachtet. Noch im Frühjahr durfte die Soulsängerin Erykah Badu in Jakarta auftreten, nachdem sie kurz zuvor in Kuala Lumpur wegen angeblich islamfeindlicher Tätowierungen ein Auftrittsverbot erhalten hatte. Umso erstaunter waren die Veranstalter, als die Polizei zu Beginn der vergangenen Woche ankündigte, Lady Gaga aus Sicherheitsgründen die Auftrittserlaubnis für den 3. Juni zu entziehen. Zuvor hatte die „Islamische Verteidigungsfront“ (FPI) - eine politisch vernetzte Schutzgeld- und Schlägerbande im islamischen Sittengewand - mit Prügel für die Fans gedroht.

          Die Diskussionen, die daraufhin losbrachen, zeigten ein gespaltenes Land. Während konservative Muslime ihre moralischen Standards ins Feld führten und vor falschen Vorbildern für die Jugend warnten, schämten sich liberale Kreise in den städtischen Zentren für die Engstirnigkeit ihres Landes. Polemisch ging die Kolumnistin Desi Anwar zum Gegenangriff über: Verdorben werde die Jugend nicht von einer amerikanischen Sängerin, sondern von den „jämmerlichen Vorbildern“ im indonesischen Establishment. Lady Gaga lehre wenigstens etwas über den Wert harter Arbeit und was es bedeute, sein Talent und seine Kreativität zu entfalten.

          Ohne den Rückzug Lady Gagas wäre es womöglich noch zu dem Konzert im Bung-Karno-Stadion gekommen. Die Veranstalter, die nach dem Verkauf der Karten genügend Bargeld hatten, sollen die FPI mit Bestechungsgeld befriedet - genauer: zu einem Seitenwechsel veranlasst - haben. Denn Bestechungsgeld eines konkurrierenden Konzertveranstalters, der wiederum Beziehungen zu höchsten politischen Kreisen hat, hätten die FPI überhaupt erst in Stellung gebracht, hieß es in Jakarta.

          Die Brücke, die der Sängerin am Ende geschlagen wurde, betrat sie vermutlich aus guten Gründen nicht: Im Tausch gegen eine Genehmigung wurde ihr angetragen, den Auftritt dem schwer definierbaren indonesischen Sittenempfinden anzupassen. Das komme nicht in Frage, sagte Lady Gagas Manager schon am Freitag: Sie provoziere nicht um des Provozierens willen.

          Dass hin und wieder doch eine kleine Portion Skandallust mitschwingt, zeigte die Sängerin in Thailand, wo sie Entrüstung ganz anderer Art hervorrief. Kurz vor ihrem Konzert in Bangkok hatte sie ihrer Vorfreude auf die dortige Ladyboy-Szene freien Lauf gelassen - und auf Twitter auch die „Fake-Märkte“ erwähnt, auf denen sie eine falsche Luxusuhr erwerben wolle. Viele ihrer Fans fanden das gar nicht lustig, nämlich Kinder der staatstragenden Mittelschicht, die Thailand vom Klischee befreien will, Hauptumschlagplatz für erotische Dienstleistungen und Piraterieprodukte zu sein. Einige Fans kündigten sogar an, die Eintrittskarten verfallen zu lassen. Lady Gaga schien die Kritik noch anzustacheln: Am Abend vor dem größten Pop-Konzert in der Geschichte Thailands besuchte sie mit ihrer Entourage das „Calypso Cabaret“, Bangkoks berühmteste Transvestitenshow. Auf der eigenen Bühne machte Lady Gaga dann wieder Boden gut - und trat mit dem traditionellen thailändischen Chada-Kopfschmuck auf.

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