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Sängerin Maike Rosa Vogel : Eigentlich durch und durch

Beängstigend findet Maike Rosa Vogel ihren Erfolg, den sie prominenten Förderern, vor allem aber sich selbst verdankt. Bild: Florian Schuh

Maike Rosa Vogel schreibt Lieder, die offen und geradlinig sind. Zur Bühne fand sie über Umwege und gegen Widerstände, mit denen Frauen im Pop noch immer kämpfen müssen.

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          Sie steht einfach da mit ihrer Gitarre, und sie singt tatsächlich: „Ich bin ein Hippie.“ Sie trägt ein schwingendes Spitzenkleid mit einem kleinen Loch an der linken Taille. Ihre Füße sind nackt. Die Zehennägel hat sie tomatenrot lackiert, und wenn sie mit den Beinen aufstampft, markiert das Takt und Nachdruck zugleich. „Und ich wollte immer einer sein.“ Sommer 2012, das Flower-Power-Thema ist selbst als Retromode vorgestrig, aber auf der Studiobühne des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin schrammt Maike Rosa Vogel über die Saiten ihrer Akustikgitarre und singt, als gelte es das Leben: „Wenn andere taktieren, dann steh ich da, nur mit mir / und weiß, wenn ich da bleibe, komme ich klar, was auch passiert.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Neben ihr bläst Sven Regener, der Autor („Herr Lehmann) und Sänger („Element of Crime“), in seine Trompete, Leander Haußmann, der Regisseur („Sonnenallee“, „Herr Lehmann“), spielt Mundharmonika und windet sich dabei wie ein Schlangenbeschwörer in Trance. Für einen Moment fragt man sich, wessen Glanz da auf wen abfärben soll: die Prominenz der gestandenen Herren auf die von ihnen geförderte Newcomerin, die an diesem Abend ihr drittes Album („Fünf Minuten“) vorstellt. Oder der hinreißende Charme einer Maike Rosa Vogel auf die angegrauten Jungs.

          Aber da sind die Männer schon wieder runter von der Bühne. Was bleibt, ist eine eigenwillige Musikerin mit ihrer Gitarre und diesen Liedern, die wie aus der Zeit gefallen wirken, weil sie so persönlich, so geradlinig, so berührend sind. Vermutlich treffen sie gerade deshalb einen Nerv. „Maike ist ein echter Solitär“, sagt Regener, der das Album produziert hat: „Man merkt: Sie ist wirklich eine große Künstlerin.“

          „Maike ist ein echter Solitär“, sagt Sven Regener

          Auf den ersten Blick liegt es nahe, Maike Rosa Vogel als ein Relikt vergangener Zeiten zu betrachten, das es aus unerfindlichen Gründen unbeschadet in die Gegenwart geschafft hat. Die wenigen Porträts und Interviews, die es von ihr gibt, zeichnen das Bild eines im Achtundsechziger-Elternhaus aufgewachsenen Mädchens, das anders als die meisten aus seiner Generation ungebrochen an den Werten seiner Kindheit festhält. Vater und Mutter waren bei den Kommunisten, die Tochter wurde auf Friedensdemonstrationen sowie bei den „Falken“ groß, einer sozialistischen Jugendorganisation. Ihren zweiten Vornamen hat sie von Rosa Luxemburg; zu Hause hörte man Degenhardt und Biermann. Sie schlage ihre Gitarre wie die Protestsongschreiber ihrer Kindheit, heißt es gern. Natürlich sagt so eine, sie sei Feministin. Ironie ist ihr fremd. Und weil das Private politisch sein muss, klingt der Weltschmerz ewiger Identitätsfindung sofort nach gesungener Kapitalismus- und Konsumkritik.

          Aber so einfach ist es nicht.

          Nur musikalisch ist die Fünfunddreißigjährige ihren Wurzeln in gewisser Weise treu geblieben. Als Siebtklässlerin hatte Vogel eine Lehrerin, die sie bei Schulaufführungen nach vorne an den Rand der Bühne schob. Mit 14 gründete das Mädchen eine Schulband und brachte sich ein paar Akkorde bei. Immer schleppte sie eine Gitarre mit sich herum und coverte in der Hofpause Slime und New Model Army. Bei Schulfesten trug sie zusammen mit einer Freundin geschriebene Stücke vor mit Titeln wie „Eure Idiotie“, die das Lernen im Fünfundvierzig-Minuten-Takt geißelten. Und weil es sich um eine hessische integrierte Gesamtschule der späten Achtziger handelte, war die Lehrerschaft begeistert.

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