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Singender Politiker : Sänger Jossif Kobson in Russland gestorben

Jossif Kobson (rechts) 2014 mit Alexander Wladimirowitsch Zakharchenko, dem selbst ernannten Ministerpräsidenten der „Volksrepublik Donezk“. Bild: Reuters

Einer der größten Stars Russlands ist gestorben. Der Sänger und Duma-Abgeordnete Jossif Kobson war heikle Schauplätze gewohnt. Selbst sein Krebsleiden wurde zum Politikum.

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          Russland trauert um einen seiner größten Stars, den Sänger und Duma-Abgeordneten Jossif Kobson. Er erlag im Alter von 80 Jahren am Donnerstag in Moskau einem Krebsleiden. Die 2005 diagnostizierte Krankheit war vor drei Jahren zum Politikum geworden, denn Kobson, ein Gefolgsmann von Präsident Putin, war wegen seiner Unterstützung der Annexion der Krim und demonstrativen Auftritten in Moskaus ostukrainischen „Volksrepubliken“ auf die Sanktionsliste der EU aufgenommen worden.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Damit unterlag der 1937 im Donbass geborene „Volkskünstler der Sowjetunion“, der seit langem mit schwarzem Topffrisur-Toupet auftrat, einem Einreiseverbot. Italien stellte Kobson dennoch aus humanitären Gründen ein Visum zur Behandlung aus. Es gab Kritik an dem singenden Politiker, der für die Abkehr vom Westen plädierte; der gelobt hatte, sich in Russland behandeln zu lassen; der im Unterhaus für das Gesetz gestimmt hatte, das Amerikanern verbietet, russische Waisen zu adoptieren; der sagte, es sei „sinnvoller“, Hilfsgelder für die Krim als für kranke Kinder zu sammeln; und der bei einem seiner Auftritte vor Donezker „Separatisten“ forderte, den Sanktionen „keine Beachtung zu schenken“, kurz, bevor er über sein Italien-Visum informierte.

          Heikle Schauplätze war Kobson gewohnt. Er sang in den achtziger Jahren vor sowjetischen Truppen in Afghanistan; sang im Juni 1986 vor „Liquidatoren“ der Katastrophe von Tschernobyl, in Sichtweite des havarierten Reaktors und schutzlos, vier Stunden lang. Er sang in den neunziger Jahren im abtrünnigen Tschetschenien, wurde 2002 einer der Unterhändler mit den Terroristen, die ein Moskauer Theater besetzten, wo das Musical „Nord-Ost“ lief. Den bei der Befreiungsaktion umgekommen Geiseln, offiziell 130 Menschen, widmete Kobson ein Lied.

          Als Sänger hatte der Bariton ein riesiges Repertoire; Romanzen finden sich darin und patriotische Hymnen wie die zum „Tag des Sieges“ im Zweiten Weltkrieg („das ist Freude mit Tränen in den Augen“) oder „Offiziere“, gerichtet an Soldaten, die sich für die Sowjetunion aufgeopfert hatten und später ein armseliges Leben fristen mussten. Über Mafia-Verbindungen Kobsons wurde in den neunziger Jahren oft berichtet. Der Sänger gab an, wenn er einmal bei dem Geburtstag eines Diebes sei, sage er, man arbeite in unterschiedlichen Berufen: „Sie sind Volksverbrecher – ich bin Volkskünstler.“

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