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Reaktionen auf den „Megxit“ : „Die verwöhntesten Bälger der Geschichte“

Zimperlich war die britische Boulevardpresse noch nie – auf den royalen Rückzug von Prinz Harry und seiner Frau Meghan reagiert sie deutlich. Bild: AFP

Heuchler, Bürgerkrieg im Palast, Möchtegern-Kardashians – in den Boulevardblättern ist angesichts des royalen Rückzugs von Prinz Harry und Herzogin Meghan keine Spur mehr von britischer Zurückhaltung. Eine Presseschau.

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          Eines muss man den Boulevardmedien lassen: Sie haben ein gutes Gespür für einprägsame Titel. Und so verdankt die Öffentlichkeit dem britischen Klatschblatt „The Sun“ den Namen zu dem, was derzeit im britischen Königshaus los ist: der „Megxit“. Seit Prinz Harry und seine Frau, Herzogin Meghan, am Mittwochabend über Instagram verkündet haben, sich von ihren Rollen in der ersten Reihe der britischen Königsfamilie zurückziehen zu wollen, überschlagen sich die britischen Boulevardmedien in ihrer Katastrophenrhetorik.

          Den Wunsch nach mehr Privatsphäre, nach einem Leben in Harrys Heimat Großbritannien UND Meghans Heimat Nordamerika, oder nach finanzieller Unabhängigkeit, lassen die meisten Redaktionen des Landes nicht gelten. Ungeachtet dessen, dass die beiden zugleich betonten, ihren royalen Pflichten gegenüber Königin Elisabeth II. weiter wahrnehmen zu wollen. 

          Dass die „Sun“ sich für die Wortschöpfung „Megxit“ und nicht etwa für „Haxit“ entschieden hat, macht deutlich, wem die Presse die Schuld an der vermeintlichen Misere gibt. Wobei es für die „Sun“ weniger eine Misere ist, sondern vielmehr ein Bürgerkrieg im Buckingham Palast, wie der aktuellen Seite Eins des Blattes am Donnerstag zu entnehmen war.

          „The Times“ interpretiert die Ankündigung ähnlich – wenn auch mit weniger martialischer Sprache. In der Titelgeschichte deutet für die Zeitung alles auf einen Riss und Spannungen im Königshaus hin. Eine Deutung, der sich auch die Redaktion der „Bunten“ in Deutschland anschließt: „Der Graben zwischen ihnen wird immer tiefer“, heißt es dort. Daneben findet sich ein Bild, das die Brüder Harry und William mit ihren Ehefrauen zeigt – und das die Redaktion wohl nicht nur wegen der schon länger schwelenden Gerüchte ausgewählt hat, laut denen sich die Brüder auseinandergelebt hätten. Die Aufnahme fängt auch jenen Augenblick ein, in dem tatsächlich mal niemand der vier lächelt.

          Etwas sauertöpfisch blickt auch eine schwarz gekleidete Königin Elisabeth II. von der Titelseite des „Daily Express“. Neben ihr – und im bewussten Kontrast – ein strahlendes Familienbild mit Harry, Meghan und Archie und der ansonsten seitenfüllenden Schlagzeile „Königin bestürzt angesichts des Rückzugs von Harry und Meghan aus dem royalen Leben“. Online attestiert die Redaktion Prinz William noch ein „royales, gebrochenes Herz“. Vielleicht wegen dem, was der „Daily Mirror“ zu seinem Fokus am Donnerstag gemacht hat. Herzogin Kate ist dem Blatt zufolge das erste Mitglied des Königshauses, das an diesem Tag vor die Linse eines Fotografen gekommen ist. Und für die Autoren des „Mirror“ sehe sie bedrückt und alles andere als begeistert aus. Dabei feiert die Herzogin an diesem Donnerstag eigentlich ihren 38. Geburtstag.

          In Amerika sind die Boulevardmedien nicht viel freundlicher. Die Zeitung „New York Post“ öffnet ihren Internetauftritt am Donnerstagnachmittag mit der Forderung „Abdanken oder bleiben!“ und betitelt den Herzog und die Herzogin von Sussex gar als Heuchler. Die gedruckte Ausgabe am Morgen bewies da noch etwas mehr Humor und kommentierte die Ankündigung mit einer Karikatur, die Harry und Meghan in Al-Bundy-Manier mit Bierdose und Lockenwicklern auf der Couch zeigt. Die Überschrift: „Meghan und Harry verlassen die Royals für das ‚gewöhnliche‘ Leben.“

          Ohnehin ist das Interesse außerhalb des Vereinten Königreichs groß. Die „Bild“-Zeitung nahm die Ankündigung zum Anlass für ein Live-Spezial im Studio („Megxit – der royale Rückzug“) inklusive Schalten zu Boulevardjournalisten auf der anderen Seite des Ärmelkanals. Und die Zeitschrift „Gala“ widmete sich bereits ganz neuen Untiefen der Geschichte und vermutet wirtschaftliche Beweggründe: „Mit ihrer neuen Freiheit können sie Millionen scheffeln“. Ganz dem Vorbild der unternehmerisch höchst aktiven Obamas folgend, könnten die beiden allein durch Vorträge und Reden ihr ohnehin gut gefülltes Konto weiter aufstocken, so die Autoren – von Buchhonoraren ganz zu schweigen. „Ein intimer Einblick in das Leben als britischer Royal wird sicherlich zum Kassenschlager“, mutmaßt die Gala. Dass der Rückzug des Paars gerade auch damit begründet wird, dass sie intime Einblicke lieber nicht mehr mit der klatschwütigen Öffentlichkeit teilen wollen, sei dahingestellt.  

          Die mit Abstand harschesten Worte findet aber Piers Morgan. Für den britischen Reporter und Autor seien die beiden „die verwöhntesten Bälger der Geschichte“. Morgan forderte von der Königin, die beiden umgehend zu entlassen und ihnen alle Titel zu entziehen, bevor die „Möchtegern-Kardashians“ die Monarchie in den Abgrund ziehen könnten. Im Boulevardblatt „Daily Mail“ legte er mit einer Kolumne nochmal nach. So ein respektloses und arrogantes Verhalten habe er bei Mitgliedern der Königsfamilie nie zuvor gesehen. Morgan steht ohnehin in dem Ruf, noch nie viel für die Amerikanerin Meghan Markle übrig gehabt zu haben, die er in seinem Text nun als intrigant und „viertklassige Schauspiel-Frau“ beschimpfte, die einen Keil zwischen Harry und die royale Familie treibe. „Ich habe nie ein Geheimnis aus meiner Abneigung und meinem Misstrauen Meghan gegenüber gemacht“, schreibt Morgan. Doch jetzt ist bei ihm wohl auch das letzte Bisschen auferlegte Zurückhaltung gefallen.   

          Zuweilen findet sich aber auch Spott über die emotionale Reaktion der Briten auf den royalen Rückzug. Die Parallelen zwischen Brexit und Megxit erweisen sich dabei einmal mehr als produktiv. So twitterten die Autoren der „ZDF Heute Show“, dass die Empörung der Briten über die Aussage, dass Harry und Meghan finanziell unabhängig sein wollten, doch seltsam sei für eine Nation, die aus der EU austrete, um eben genau das zu sein – finanziell unabhängig.  

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