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Rosa Luxemburg : Ihr Herbarium soll das Rätsel lösen

  • -Aktualisiert am

Liegt Rosa Luxemburgs Leichnam seit vielen Jahrzehnten unbemerkt in der Charité? Bild: dpa

Liegt Rosa Luxemburgs Leichnam nicht auf dem Friedhof, sondern im Keller der Berliner Charité? Der Rechtsmediziner Michael Tsokos hat eine heiße Spur und will nun durch einen DNA-Test die Wahrheit herausfinden.

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          Michael Tsokos ist kein Mann der großen Emotionen. Darf er nicht sein, von Berufs wegen. Mehr als 50.000 Leichen hat der Leiter der Rechtsmedizin der Berliner Charité bislang in seinem Leben gesehen. Eine unbekannte Tote in seinem Institut jedoch hat nicht nur den Ehrgeiz des Wissenschaftlers geweckt, sondern auch das Interesse des Menschen Tsokos: die unidentifizierte Wasserleiche, die nach Auffassung des 42 Jahre alten Rechtsmediziners der Leichnam der Revolutionärin Rosa Luxemburg sein könnte.

          Am Mittwoch sicherte Tsokos in Warschau Spuren, mit denen er nun einen DNA-Abgleich vornehmen kann. Im Archiwum Akt Nowych lagert das Herbarium Rosa Luxemburgs - es galt lange als verschollen. „Fantastisch diese Sammlung, sie hat sich damit so eine Mühe gegeben, das hat mich wirklich angerührt“, sagte Tsokos nach seiner Rückkehr. In drei Wochen hofft er, Gewissheit zu haben, ob es sich bei der rund 90 Jahre alten Leiche ohne Kopf, Hände und Füße tatsächlich um die am 15. Januar 1919 ermordete Rosa Luxemburg handelt.

          „Meine Leidenschaft und beste Erholung“

          Ende Mai hatte sich Tsokos mit seinem Verdacht an die Öffentlichkeit gewandt, in der Hoffnung, für eine DNA-Probe verwertbare Spuren von Rosa Luxemburg zu erhalten. Ein Hinweis auf ihr Herbarium führte ihn nach Warschau: Dort spürte er insgesamt 18 dunkelblaue Hefte im Format DIN A 5 auf - 17 Pflanzenbände und ein Dokumentationsheft. „Sie hat sich ganz akribisch Notizen gemacht, die Merkmale der Pflanzen bestimmt“, sagt Tsokos. Von 1913 an sammelte Rosa Luxemburg, die während ihres Studiums in Zürich Vorlesungen der Botanik besuchte, Blätter von Bäumen und Büschen und klebte sie in die Bände ein. Daneben schrieb sie die deutschen und lateinischen Bezeichnungen, bestimmte die Monate der Blüte sowie Farbe und Duft.

          Rosa Luxemburg sammelte in ihrem Herbarium Pflanzen

          „Dieses Herbarium gibt einen anderen Blick auf die Revolutionärin und Politikerin“, sagt Tsokos. Rosa Luxemburg führte ihre Pflanzensammlung selbst in der Gefangenschaft weiter. Mehrfach wurde sie zu Haftstrafen verurteilt, die längste Zeit saß sie während des Ersten Weltkriegs ein. Zwei Jahre und vier Monate verbrachte sie in Berlin, Wronke und Breslau im Gefängnis. So trägt der Band „XVI“ ihres Herbariums die Aufschrift „Breslau Strafgefängnis. 1. Oktober - 6. Oktober 1918“. Während einer früheren Haftzeit hatte Rosa Luxemburgs Sekretärin und Vertraute Mathilde Jacob ihr Pflanzen in die Haftanstalt gebracht. Am 9. April 1915 schrieb sie aus dem Frauengefängnis Berlin-Barnimstraße an Mathilde Jacob: „Für die Blumen einen ganz besonderen Dank. Sie wissen gar nicht, welche Wohltat sie mir damit erweisen. Ich kann nämlich wieder botanisieren, was meine Leidenschaft und beste Erholung ist. Seit Mai 1913 habe ich ungefähr 250 Pflanzen eingeklebt, sie sind alle wunderbar getrocknet.“

          DNA von Rosa Luxemburg

          Eine Kopie von Rosa Luxemburgs Pflanzensammlung ist im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam archiviert. Auf welchen Wegen das Original nach Warschau kam, ist nicht bekannt. „Der Karton war irgendwann im Keller“, sagt Tsokos. Auch Tadeusz Krawczak, Direktor des Archiwum Akt Nowych, hat keine Erklärung für den Fund in seinem Institut. Die Anfrage aus Berlin, den Inhalt des lange Jahre unbeachteten Kartons sichten zu dürfen, erstaunte ihn zunächst. Aber er leistete ihr prompt Folge. „Die Unterstützung aus Polen ist sehr groß“, sagt Tsokos. Auf dem Karton, in dem die Blättersammlung lagerte, war eine Empfängeradresse in New York geschrieben. „Er wurde nach Amerika geschickt, irgendwie kam er nach Polen.“ Krawczak fand darüber hinaus Fotos, Briefe und Postkarten, die von Rosa Luxemburg stammen sollen. „Damit kann ich aber leider nichts anfangen, diese Sachen sind durch zu viele Hände gegangen“, sagt Tsokos.

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