https://www.faz.net/-gum-12lm5

Romi von Bülow : Seit 58 Jahren Frau Loriot

  • -Aktualisiert am

Die große Unbekannte: Romi von Bülow Bild: Andreas Müller

Ihn kennt jeder - sie fast keiner. Dabei zeigt sich jetzt erst: Ohne seine Ehefrau Romi von Bülow wäre Loriots Karriere als deutscher Ober-Komiker kaum denkbar gewesen. Er ist Perfektionist, sie die Großzügige, und zusammen können sie sich biegen vor Lachen.

          5 Min.

          Ihr Mann hat keine Knollennase - sonst hätte sie ihn nie genommen. Ihm hängt keine Nudel im Gesicht, wenn er sich an Komplimenten versucht, und eine Plastikente nimmt er auch nicht mit in die Badewanne. Dennoch hat halb Deutschland den Eindruck, diesen Loriot sehr gut zu kennen. Aber wer ist die Frau an seiner Seite? Von ihr hat er nie erzählt - obwohl er weiß, wie viel er ihr verdankt. Szenen, Pointen, Beobachtungen, Alltagsfundstücke. Wie könnte er sonst derartig perfide einen ehelichen Dialog über das morgendliche Viereinhalbminuten-Ei sezieren? Man erinnert sich, der Streit endet mit einer Morddrohung des Gatten: „Ich bringe sie um. Morgen bringe ich sie um.“

          Er hat sie nicht umgebracht und sie ihn auch nicht. So stimmt sie denn nach ausgiebigem Zögern tatsächlich zu, sich befragen zu lassen - was sie noch nie zuvor tat. Denn Öffentlichkeit ist ihr, der äußerst zurückhaltenden Zeitgenossin, die es gut mit sich allein aushält, furchtbar lästig. Allein wo wir uns treffen, ist eine längere Überlegung wert. Vielleicht in München, möglichst anonym. Oder zu Hause bei Bülows? Lieber nicht, da herrsche meist Unruhe, und dann die Hunde und Vicco. . . Am Ende wird eine Starnberger Hotellobby für passend befunden. Sie fährt den Mercedes dorthin natürlich selbst.

          Junge Stimme, schneller Gang

          Mag ihr Mann inzwischen seinem Geschöpf, dem schwerhörigen, knickebeinigen Opa Hoppenstedt ähnlicher sein, als ihm recht ist, so gibt sie noch lange nicht die Oma Hoppenstedt. Dazu ist ihre Stimme zu jung, ihr Gang zu schnell, ihre Wildleder-Stiefeletten zum schmalen Rock zu chic. Mit Sicherheit besitzt auch sie beträchtliches schauspielerisches Talent, das ans Licht drängt, als der Teebeutel getropft hat. Schnell nimmt sie eine Papierserviette zur Hand, um den Tisch wieder manierlich herzurichten und mit spitzer Ironie mitzuteilen: „Ich bin Hausfrau - schauen Sie bloß, was ich mache.“

          Ohne sie läuft nichts bei den Loriots

          Was sie sonst so gemacht hat, wird hingegen demonstrativ heruntergespielt. Das Übliche eben, das Frauen ihrer Generation leisteten, klaglos, wenn auch nicht immer enthusiastisch. Die eigene Karriere? Nie war die Rede davon. Jeder Versuch, sich aus den Familienpflichten rauszuhangeln, wäre ihr so lächerlich erschienen wie das Jodeldiplom von Frau Hoppenstedt. Dem freischaffenden Zeichner, Autor, Regisseur und Schauspieler Vicco von Bülow hat die Ehefrau den Rücken freigehalten, wie man leichthin sagt. Anfangs wollte der Lebensunterhalt noch mühsam zusammengestrichelt sein. Ein Jahr lang brachte sich das Paar gar mit dem durch, was der ach so preußische Herr von Bülow beim Baden-Badener Pokerspiel eingenommen hatte. Später dann, nachdem Henri Nannen, der mächtige „stern“-Chefredakteur, an einer Zeichnung Anstoß genommen und „den Kerl“ rausgeworfen hatte, wechselte der junge Karikaturist zur Illustrierten „Quick“ nach München.

          Zwei Kriegskinder

          Moooment. Schon kreist das Gespräch um ihn, den abwesenden Herrn und Meister. Um von sich selbst zu erzählen, muss Romi von Bülow an unser Thema erinnert werden. Noch einmal von vorn: Wie fing alles an? Erstaunlich, dass die beiden einander überhaupt kennengelernt haben, damals in Hamburg. Sie, die auf den Philippinen geborene Studentin der Hamburger Modeschule, und er, der Kriegsheimkehrer, der Malerei und Graphik studierte. Von gesellschaftlicher Konvention waren in der Nachkriegszeit höchstens Spurenelemente übrig. Rose-Marie Schlumbom, genannt Romi, musste sich tummeln: Für ihre zweimal ausgebombte Familie war vom hanseatischen Wohlstand nicht viel geblieben.

          „1948 versuchte ich, in einem Hamburger Zeichentrickstudio ein paar Mark zu verdienen“, erinnert sie sich. „Leider konkurrierte ich dort mit einem Kunststudenten. Diese unerfreuliche Situation hielt ich nicht lange aus.“ Wäre da nicht der Faschingsball der Kunsthochschule am Lerchenfeld gewesen, wäre dazu nicht der plötzlich doch recht interessierte Vicco erschienen, der sie mit der U-Bahn nach Hause brachte, wäre in ihr nicht die Ahnung aufgestiegen: Der ist es! Wer weiß . . . Unter normalen Umständen hätte sich Romi ruck, zuck als Gemahlin eines hanseatischen Kaufmannssohns wiedergefunden, und das Lächeln, mit dem sie diesen ausgeschlagenen Lebensweg quittiert, spricht Bände. So aber kam es zur Ehe mit dem komischen Vogel Loriot, der wahrscheinlich nicht immer nur komisch war. „Gerade jetzt, zum sechzigsten Jahrestag der Bundesrepublik, denke ich viel darüber nach, dass wir Kriegskinder sind. Alles wurde zusammengewürfelt, nichts blieb, wie es war. Eher selten hätten preußische Offiziere Hamburger Kaufmannstöchter geheiratet, und nie wäre mein Mann Karikaturist geworden.“

          Das Geheimnis einer langen Ehe

          „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“ - dieses Loriot-Bonmot ist zum geflügelten Wort geworden. Eine Pointe nennt sie es mit leicht dahingeworfener Geste, wenngleich „manchmal“ etwas dran sei. 58 Jahre halten die beiden es schon miteinander aus. Das Geheimnis einer langen Ehe besteht angeblich darin, sich nicht scheiden zu lassen. Darüber muss die ungeduldige Neunundsiebzigjährige lachen. Sie selbst habe mal „Phantasielosigkeit“ als Begründung der Duldsamkeit angeführt - „und das zitiert mein Mann immer gern“. Womöglich hat sie darunter etwas anderes verstanden als er. Die beiden als Musterknabe und Heimchen am Herd zu charakterisieren täte jedem Einzelnen von ihnen jedenfalls bitter unrecht.

          Der Ernährer der Familie war immerhin zumeist Heimarbeiter, allein das ist eine gefährliche Versuchsanordnung für die Ehe. Anfangs hatte es noch Charme, wenn der Schweizer Verleger Daniel Keel bei ihnen erschien und mit seinem Autor/Zeichner, auf dem Boden liegend, die Seiten der berühmten Breviere zusammenklebte. Später dann brachten Fernseh-Reihen Erfolg, „Telekabinett“, „Cartoon“ und „Loriot I bis VI“ - beim Südwestfunk und bei Radio Bremen entstanden, auch sie aus Not geboren. Ursprünglich sollte Loriot nur die Sketche schreiben - vom Spielen war keine Rede. Bis sich herausstellte, dass für Profi-Akteure kein Geld da war. „Dann machen Sie es doch selbst.“ Humor ist schön, ließe sich Karl Valentins Aperçu abwandeln, macht aber viel Arbeit.

          Eine Art joint venture

          Die Bülowsche Humorwerkstatt hat man sich zweifellos als eine Art joint venture vorzustellen. Er las ihr vor, sie nickte ab, was gefiel, und kommentierte, was nachgebessert gehörte. Seine gern als Perfektionismus verbrämte Pedanterie, sein Arbeitseifer, Auftragsärger, Auftragsfreude, Verzweiflung, weil er nie nein sagen konnte und kann, all das gehörte zu den Szenen dieser Ehe. Als Vater zog Loriot den Part des nachgiebigen Elternteils vor. Wurde die Mutter streng, hielten sich beide Töchter an ihn. Der legte dann den Bleistift beiseite, fragte nach, hatte Verständnis und wiegelte ab.

          Dass die Abgründe des familiären Alltags ihm ein Quell der Inspiration waren, kann dem Kenner von Loriots Werk nicht verborgen bleiben. Den immensen Erfolg der Sketche erklärt sich Frau von Bülow mit deren authentischer Katastrophendichte. Das Viereinhalbminuten-Ei, der Staubsaugervertreter, Hosen- oder Bettenkauf - alles durchaus selbst erlebt (Sie: „Ich nehme es nach viereinhalb Minuten heraus, mein Gott.“ - Er: „Nach der Uhr oder wie?“ - Sie: „Nach Gefühl. Eine Hausfrau hat das im Gefühl.“ - Er: „Aber es ist hart. Vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht.“)

          Eigenwillig, unabhängig, temperamentvoll

          „Das hat er natürlich alles aus unserem Alltag“, fährt sie fort. „Brauchen Sie nicht zu schreiben, ja?“ Pause. „Ach, können Sie ruhig schreiben, ist mir vollkommen egal.“ So ähnlich habe es schließlich jeder schon erlebt. „Sonst gäbe es ja auch nicht die enorme Resonanz auf diese Szenen.“ Sie schüttelt den Kopf, selbst ungläubig, dass noch immer Tag für Tag Briefe, Wünsche, Aufgaben und Anträge angeschwemmt werden, die beantwortet werden wollen, was ohne die Hilfe eines Sekretariats recht mühsam werden kann.

          Dass der Mann, der „den deutschen Humor mit Feinsinn adelt“, wie ein Kritiker schrieb, damit ganz gut verdient hat, spielt keine große Rolle. Gehortet und preußisch karg gelebt wird jedenfalls nicht. Eine Bülowsche Stiftung in Brandenburg kümmert sich um Sozialfälle, ohne viel Aufwand, ohne großes Aufsehen - ganz Bülows Stil eben.

          Ein Leben zwischen Bayern und Berlin

          Solange sich beide zusammen noch biegen können vor Lachen, lässt sich das Alter verdrängen und der Pendel-Rhythmus zwischen dem Haus am Starnberger See und der Wohnung in Berlin beibehalten. Frau von Bülow wird im Juni achtzig Jahre alt, will aber keinesfalls gefeiert werden. „Typisch Romi“, kommentieren Menschen, die sie lieben als eigenwillig, unabhängig und temperamentvoll. Mit mildem Schrecken erinnert sie sich an den Rummel anlässlich seines 85. Geburtstages im vergangenen November. Die Ehrungen nahmen kein Ende: im Fernsehen, in Berlin und nicht zuletzt im Familienkreis. Die Eminenz des deutschen Humors seufzte darüber - und hätte es vermisst, wenn es anders gehalten worden wäre.

          Neulich hat er obendrauf noch den Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie erhalten. Aus diesem Anlass wurde mit Laudator Bully Herbig eine kleine Szene eingeübt. Loriot geht nach der Rede von der Bühne, hat aber den Preis vergessen, die Lola. Kommt zurück, um sie zu holen, wendet sich abermals zum Gehen - und lässt den Stock liegen. So überzeugend hat er das gebracht, dass viele unten im Publikum voller Mitleid feststellten, wie alt der Gute doch geworden sei. Seine Frau wurde nachdenklich: Sollte sich der Perfektionismus ihres lieben Vicco allmählich als ein kleines bisschen problematisch erweisen?

          Die Kaufmannstochter

          Rose-Marie von Bülow, geborene Schlumbom, kam 1929 auf den Philippinen zur Welt. Der Vater, hanseatischer Kaufmann, handelte mit Japan und China. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Nach der mittleren Reife besuchte „Romi“ die Hamburger Fachhochschule an der Armgardstraße, studierte Anatomie, Zeichnen und lernte Schneidern. Auf Jobsuche traf sie ihren späteren Ehemann, Vicco von Bülow.

          Unter dem Künstlernamen Loriot wurde der Karikaturist, Autor, Regisseur und Schauspieler zum Inbegriff deutschen Humors. Insbesondere die aus eigenem Familienleben destillierten Missgeschicke des Alltags boten Stoff für Sketche und Dialoge, die längst zum deutschen Zitatenschatz gehören. Ihre Rolle als Inspiratorin und Zensorin hat Romi von Bülow dabei stets heruntergespielt. Bülows leben abwechselnd am Starnberger See und in Berlin. Sie haben zwei Töchter sowie zwei Enkelkinder. (AvM)

          Weitere Themen

          Frühaufsteher und Familienmensch

          Eschborns neuer Bürgermeister : Frühaufsteher und Familienmensch

          Eschborns neuer Bürgermeister hat einen soliden Tagesablauf und viele Pläne für seine Amtszeit. Doch vorerst sieht er sich als „erfahrenen Lehrling“. Von irrationalen Anfeindungen lässt er sich nicht ablenken.

          Topmeldungen

          Bram Schot

          F.A.Z. Exklusiv : So spart Audi gegen die Krise

          Rund 15 Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren eingespart werden. Die Werke in Ingolstadt und Neckarsulm wird es wohl besonders hart treffen. Audi-Chef Schot sagt, er habe aber klare Vorstellungen, wie die Beschäftigung gesichert werden kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.