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Romi von Bülow : Seit 58 Jahren Frau Loriot

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Eine Art joint venture

Die Bülowsche Humorwerkstatt hat man sich zweifellos als eine Art joint venture vorzustellen. Er las ihr vor, sie nickte ab, was gefiel, und kommentierte, was nachgebessert gehörte. Seine gern als Perfektionismus verbrämte Pedanterie, sein Arbeitseifer, Auftragsärger, Auftragsfreude, Verzweiflung, weil er nie nein sagen konnte und kann, all das gehörte zu den Szenen dieser Ehe. Als Vater zog Loriot den Part des nachgiebigen Elternteils vor. Wurde die Mutter streng, hielten sich beide Töchter an ihn. Der legte dann den Bleistift beiseite, fragte nach, hatte Verständnis und wiegelte ab.

Dass die Abgründe des familiären Alltags ihm ein Quell der Inspiration waren, kann dem Kenner von Loriots Werk nicht verborgen bleiben. Den immensen Erfolg der Sketche erklärt sich Frau von Bülow mit deren authentischer Katastrophendichte. Das Viereinhalbminuten-Ei, der Staubsaugervertreter, Hosen- oder Bettenkauf - alles durchaus selbst erlebt (Sie: „Ich nehme es nach viereinhalb Minuten heraus, mein Gott.“ - Er: „Nach der Uhr oder wie?“ - Sie: „Nach Gefühl. Eine Hausfrau hat das im Gefühl.“ - Er: „Aber es ist hart. Vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht.“)

Eigenwillig, unabhängig, temperamentvoll

„Das hat er natürlich alles aus unserem Alltag“, fährt sie fort. „Brauchen Sie nicht zu schreiben, ja?“ Pause. „Ach, können Sie ruhig schreiben, ist mir vollkommen egal.“ So ähnlich habe es schließlich jeder schon erlebt. „Sonst gäbe es ja auch nicht die enorme Resonanz auf diese Szenen.“ Sie schüttelt den Kopf, selbst ungläubig, dass noch immer Tag für Tag Briefe, Wünsche, Aufgaben und Anträge angeschwemmt werden, die beantwortet werden wollen, was ohne die Hilfe eines Sekretariats recht mühsam werden kann.

Dass der Mann, der „den deutschen Humor mit Feinsinn adelt“, wie ein Kritiker schrieb, damit ganz gut verdient hat, spielt keine große Rolle. Gehortet und preußisch karg gelebt wird jedenfalls nicht. Eine Bülowsche Stiftung in Brandenburg kümmert sich um Sozialfälle, ohne viel Aufwand, ohne großes Aufsehen - ganz Bülows Stil eben.

Ein Leben zwischen Bayern und Berlin

Solange sich beide zusammen noch biegen können vor Lachen, lässt sich das Alter verdrängen und der Pendel-Rhythmus zwischen dem Haus am Starnberger See und der Wohnung in Berlin beibehalten. Frau von Bülow wird im Juni achtzig Jahre alt, will aber keinesfalls gefeiert werden. „Typisch Romi“, kommentieren Menschen, die sie lieben als eigenwillig, unabhängig und temperamentvoll. Mit mildem Schrecken erinnert sie sich an den Rummel anlässlich seines 85. Geburtstages im vergangenen November. Die Ehrungen nahmen kein Ende: im Fernsehen, in Berlin und nicht zuletzt im Familienkreis. Die Eminenz des deutschen Humors seufzte darüber - und hätte es vermisst, wenn es anders gehalten worden wäre.

Neulich hat er obendrauf noch den Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie erhalten. Aus diesem Anlass wurde mit Laudator Bully Herbig eine kleine Szene eingeübt. Loriot geht nach der Rede von der Bühne, hat aber den Preis vergessen, die Lola. Kommt zurück, um sie zu holen, wendet sich abermals zum Gehen - und lässt den Stock liegen. So überzeugend hat er das gebracht, dass viele unten im Publikum voller Mitleid feststellten, wie alt der Gute doch geworden sei. Seine Frau wurde nachdenklich: Sollte sich der Perfektionismus ihres lieben Vicco allmählich als ein kleines bisschen problematisch erweisen?

Die Kaufmannstochter

Rose-Marie von Bülow, geborene Schlumbom, kam 1929 auf den Philippinen zur Welt. Der Vater, hanseatischer Kaufmann, handelte mit Japan und China. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Nach der mittleren Reife besuchte „Romi“ die Hamburger Fachhochschule an der Armgardstraße, studierte Anatomie, Zeichnen und lernte Schneidern. Auf Jobsuche traf sie ihren späteren Ehemann, Vicco von Bülow.

Unter dem Künstlernamen Loriot wurde der Karikaturist, Autor, Regisseur und Schauspieler zum Inbegriff deutschen Humors. Insbesondere die aus eigenem Familienleben destillierten Missgeschicke des Alltags boten Stoff für Sketche und Dialoge, die längst zum deutschen Zitatenschatz gehören. Ihre Rolle als Inspiratorin und Zensorin hat Romi von Bülow dabei stets heruntergespielt. Bülows leben abwechselnd am Starnberger See und in Berlin. Sie haben zwei Töchter sowie zwei Enkelkinder. (AvM)

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