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Roma in Berlin : Weg von der Straße

  • -Aktualisiert am

Ein Roma-Junge im Hof der Wohnanlage in der Harzer Straße in Berlin. Bild: dpa

Hausbesitzer vermieteten zu horrenden Preisen Ramschwohnungen an rumänische Familien. Eine katholische Einrichtung hat reagiert und die Wohnungen gekauft. Wer sich helfen lässt, darf bleiben.

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          In der Winter-Bilanz der Kältehilfe spielen obdachlose Familien eine große Rolle. Sie kreuzen in Notunterkünften auf, wo ihre Kinder neben psychisch Kranken oder schwer Suchtkranken landen können. Wer mit offenen Augen durch Berlin gehe, sagt Benjamin Marx, könne nachts zuweilen geparkte Autos mit beschlagenen Scheiben sehen: In ihnen verbringen Familien die Nacht.

          Benjamin Marx geht nicht nur mit offenen Augen durch die Welt, sondern hilft auch, wo es nötig ist. Bekannt wurde Marx, der bei der katholischen Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft für deren Berliner Wohnungsbestand zuständig ist, durch die Harzer Straße in Neukölln. Dort hatten Hausbesitzer heruntergekommene Wohnungen teuer an Roma aus Rumänien vermietet, ihnen aber alle üblichen Dienstleistungen vorenthalten. Die Aachener kaufte die Häuser, sanierte sie und sorgt dafür, dass die Roma dort anständig leben konnten.

          Auf dem Wohnungsmarkt sind die Vorurteile gegen Roma groß. Die „Slumlords“ aber, die sich unmenschliche Wohnverhältnisse von den Roma teuer bezahlen lassen, erfahren keine solche Ächtung.

          Aus dieser Zeit stammt der gemeinnützige Verein Phinove. Zur Zeit sammelt er Spenden, um Roma-Kindern Musikinstrumente kaufen und Musikunterricht geben zu können. Der Verein ist nicht nur im Arnold-Fortuin-Haus aktiv, wie die Anlage in der Harzer Straße nach dem saarländischen Priester heißt, der in der NS-Zeit Helfer von Sinti und Roma war. Er hilft auch im neuen Projekt von Marx, „Nostels“, einer Kreuzung von Notunterkunft und Beratungsstelle für obdachlose Familien. Elf solcher Mini-Wohnungen – komplett eingerichtet, mit Waschmaschine, Bettwäsche, Tellern und Tassen, einer Sitzbank in der Küche und vielen Stockbetten – betreibt die Aachener inzwischen in Berlin. Eine Meldeadresse bieten die Nostels nicht; sie sollen temporär sein und bleiben.

          Minderheit von zwölf Millionen Menschen

          Das Ziel, obdachlosen Roma-Familien – zumeist aus Rumänien und Bulgarien – innerhalb von einem Monat zu helfen, eine Perspektive zu finden, entweder hier oder in den Heimatländern, wird selten erreicht. Es gibt auch Familien, mit denen nicht gearbeitet werden kann; sie müssen das Nostel räumen für solche, die aktiv die angebotenen Hilfen nutzen. In Vorgesprächen wird geklärt, was die Familie in Berlin will und kann. Manchen müsse gesagt werden, dass sie hier keine realistische Perspektive besitzen, sie werden nicht aufgenommen.

          „Es kann ja nicht immer nur lamentiert werden“, sagt Marx, schließlich bildeten die Roma eine europäische Minderheit von zwölf Millionen Menschen, um die sich niemand kümmere. Mit der Harzer Straße und neuerdings mit den Nostels werde gegen alle Vorurteile und Hemmnisse gezeigt, dass ihre Integration möglich ist. Die Mitarbeiter von Phinove besuchen die Familien in den Nostels jeden Tag. Sie begleiten die Familien zu den Ämtern. Sie sorgen dafür, dass die Kinder zur Schule gehen. Sie kümmern sich um Alphabetisierungs- und Deutschkurse, streiten mit den Jobcentern und den Krankenkassen – etwa um „Aufstockung“ von viel zu geringen Löhnen oder um Entbindungskosten. Die Roma sind EU-Bürger und daher hier nicht rechtlos oder „illegal“.

          Vertrauen durch Zusammenarbeit

          Mitarbeiter von Phinove wurden eingeschaltet, als den Roma-Familien aus dem Hüttendorf „Cuvrybrache“ an der Spree und der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule herausgeholfen werden sollte. Der Senat fördert die Arbeit in den Nostels. Denn mit den Mini-Wohnungen holt man Familien von der Straße. Und man lernt sie und ihre Bedürfnisse kennen. Ein Vertrauensverhältnis entwickelt sich, und so etwas spricht sich herum. Manch eine Familie habe längst ein reguläres Mietverhältnis, berichten Marx und die Helfer. Anderen müsse mühsam gezeigt werden, wie man mit einem Herd und einer Waschmaschine umgeht oder wie man eine Wohnung putzt.

          Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften Berlins, die bis Ende 2016 zusammen 300000 Wohnungen besitzen und langfristig sogar 400000, nehmen die Aktivitäten der Kölner Konkurrenz wahr. Die Gewobag zum Beispiel besitzt 57000 Wohnungen. In einem Reinickendorfer Mietshaus hat sie nun einige von ihnen an Roma-Familien vermietet. Auch dort arbeitet Phinove. Und auch dort könnte sich Benjamin Marx’ Meinung nun bestätigen, dass Berlin unter den deutschen Großstädten Vorreiter im Umgang mit Roma sei.

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