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Rolling Stones : Der wilde Sommer `71

Sie wollten eine Platte aufnehmen und landeten im Drogensumpf: Im Sommer 1971 trafen sich die Rolling Stones in einer Villa an der Côte d`Azur. Am Ende standen das Lied „Happy“, eine Schießerei und die Polizei.

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          Es war an einem Frühlingstag im April 1971, als Keith Richards das erste Mal mit seinem Jaguar durch das schmiedeeiserne Tor fuhr, den Park durchquerte, die Treppenstufen emporstieg und die Villa Nellcôte betrat.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Er hatte gerade einen Drogenentzug hinter sich und gemeinsam mit den anderen Stones-Musikern entschieden, wegen immenser Steuerschulden England zu verlassen, um ins Exil nach Frankreich zu gehen und dort ein neues Album aufzunehmen.

          Dimensionen eines kleinen Palastes

          Prinz Rupert zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, der neue Finanzberater der Rolling Stones, hatte die Villa Nellcôte in der Nähe von Nizza angemietet. Sie hatte die Dimensionen eines kleinen Palastes. Die Decken der Empfangssäle mit prächtigen Kaminen und Kronleuchtern waren zwanzig Meter hoch, die Terrasse mit den Marmorsäulen gab den Blick auf die Bucht von Villefranche-sur-Mer frei.

          Mehr als 35 Jahre später: Bianca Jagger

          „Schön“, sagte Richards kurz, als er durch die Räume der Villa Nellcôte schritt. An jenem Nachmittag sah alles danach aus, als würde es ein entspannter Sommer am Meer werden.

          In dem Dokumentarfilm „Shine a Light“ von Martin Scorsese, der zurzeit in den Kinos läuft, gibt es eine Szene, die garantiert für Lacher im Publikum sorgt. In einem Interview aus den sechziger Jahren wird Mick Jagger gefragt, wie lange die Band noch plant, gemeinsam auf Tour zu gehen.

          Jaggers Hüftschwung auf dem Fotohandy

          Jagger denkt kurz nach und sagt dann: „Vielleicht ein, zwei Jahre.“ In dem Film, der hauptsächlich ein Mitschnitt eines Konzerts der Band aus dem Jahre 2006 ist, wirkt diese Antwort einigermaßen komisch, denn kurz darauf sieht man Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Charlie Watts, wie sie mit zerfurchten Gesichtern ihre Hits spielen, während vor der Bühne Mädchen im Alter ihrer Töchter mit Fotohandys den Hüftschwung von Jagger festhalten.

          Das Unternehmen Rolling Stones läuft bei diesem Konzert wie ein altes, aber gut funktionierendes Uhrwerk - so sauber und reibungslos, so hübsch ausgeleuchtet, so clean, dass man die Veteranen für die perfekten Schwiegerväter halten könnte.

          Richards war ein Wrack, als er auszog

          Am Ende des Sommers von 1971, als Richards aus der Villa Nellcôte wieder auszog, war er ein Wrack und blickte auf acht Monate zurück, die so exzessiv waren, dass er froh sein konnte, sie überlebt zu haben. Damals hätte niemand gedacht, dass die Rolling Stones 35 Jahre später physisch überhaupt noch in der Lage sein würden, eine Bühne zu betreten.

          Es war ein höllischer Sommer, beschrieben von Robert Greenfield in „Exile on Main St. - A Season in Hell with the Rolling Stones“, das soeben als Taschenbuch erschienen ist.

          Es war eine bizarre und fragile Gemeinschaft, die damals an der Côte d'Azur zusammenkam. Das Zentrum bildeten Keith Richards und seine exzentrische Freundin Anita Pallenberg, die in den oberen Geschossen der Villa mit ihrem kleinen Sohn Marlon lebten.

          Kiste mit Hakenkreuzen

          Das Gerücht ging um, die Villa sei 1944 ein Gestapo-Quartier gewesen: Der Fotograf Dominique Tarlé erzählte einmal, man habe im Garten eine Kiste mit Morphiumspritzen gefunden, die mit Hakenkreuzen bedruckt war. Und der Tontechniker Andy Johns machte später die dunkle Vergangenheit der Villa für die „weird vibes“, die seltsame Stimmung, verantwortlich, die das Geschehen aus dem Ruder laufen ließen.

          Im Erdgeschoss des Anwesens tummelte sich der Hofstaat von Keith und Anita, dessen Zusammensetzung wöchentlich wechselte. Dazu gehörten die Musiker und ihre Frauen, Freunde ohne besondere Aufgaben, der Hausdealer samt seinen Zulieferern aus Marseille und Statisten wie die Haushälterin, das Kindermädchen sowie wechselnde Köche, die von der Hausherrin Pallenberg persönlich ausgesucht wurden.

          Sie mussten zweimal am Tag aufwendige Gerichte für die High Society des Rock `n` Roll kochen, auch wenn Keith Richards das nicht unbedingt würdigte und vom chef de cuisine die Zubereitung von Fish and Chips verlangte.

          Zickereien unter Stones-Frauen

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