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Rolf Bossi gestorben : Nur ein einziges Mandat wies er zurück

Brachte einen „Perspektivwechsel in die Justiz“: Rolf Bossi, hier auf einem Bild im Jahr 2006. Bild: dpa

Er verstieß gern gegen Konventionen und eckte oft an. Jetzt ist der „Anwalt der Schickeria“ Rolf Bossi im Alter von 92 Jahren gestorben.

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          Strafverteidiger gelten als die Rockstars unter den Juristen. Man denkt nicht an den Streber im anthrazitfarbenen Anzug und mit randloser Brille, sondern an einen eitlen Lebemann, der dem Staat den Kampf angesagt hat und sich auf rotzige Bemerkungen ebenso versteht wie auf das brillante Plädoyer. Diesen Ruf haben Strafverteidiger auch Kollegen wie Rolf Bossi zu verdanken.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Wäre Bossi ein Schauspieler gewesen, hätte man ihn einen Charakterdarsteller genannt. Ende der siebziger Jahre trat er tatsächlich einmal in einem „Tatort“ auf. Ihm gefiel es anzuecken, gegen Konventionen zu verstoßen; die größte Freude bereitete es ihm, den Polizei- und Justizbehörden Fehler nachzuweisen. Bossi führte die spektakulärsten Prozesse der sechziger und siebziger Jahre; er zelebrierte seine Auftritte im Gerichtssaal. Mehrfach schlug er für seine Mandanten eine viel geringere Strafe heraus, als sie zu träumen gewagt hatten. Er verteidigte den Entführer des Aldi-Eigentümers Theo Albrecht, den Frauenmörder Fritz Honka, der seine zerstückelten Opfer jahrelang in der eignen Wohnung versteckt hatte, außerdem die Schauspielerin Ingrid van Bergen, die ihren 13 Jahre jüngeren Geliebten in ihrer Villa am Starnberger See erschossen hatte. Die Geschichte des Prozesses wurde später verfilmt.

          Er sei ein engagierter Strafverteidiger gewesen, sagte er vor zwei Jahren über sich selbst, und „vermutlich auch kein ganz schlechter“. Von anderen wurde er „Spezialist für Geschnetzeltes vom Menschen“ genannt und „Anwalt der Schickeria“.

          Bossi stand gern über dem Gesetz

          Es ging Bossi nicht nur um den eigenen Ruhm; er war der festen Überzeugung, dass das strafbare Verhalten eines Menschen in vielen Fällen das Produkt einer bis in die frühe Kindheit zurückreichenden Fehlentwicklung sei. „Das Verbrechen ist für mich Anlass, Menschen zu helfen, die unglückseligere Umstände im Leben antreffen als wir, die wir uns in einem geregelten Leben befinden“, hat er einmal gesagt. Er brachte die Psychologie und Psychoanalyse in die deutschen Gerichtssäle. Ein einziges Mandat hat er nach eigenen Angaben in seiner Laufbahn zurückgewiesen: Ein Mitglied der Führungsebene der „Roten Armee Fraktion“ wollte er nicht verteidigen. „Dem Richter auf den Tisch scheißen, ihn beleidigen, im Gerichtssaal Politik zu machen – dafür braucht man mich nicht.“

          Dabei schreckte er vor Beleidigungen von Richtern und Staatsanwälten selbst nicht zurück, vor allem in seinen späteren Jahren. In dem Mordprozess gegen einen griechischen Ladenbesitzer, der den Neonaziführer Rainer Sonntag ermordet hatte, warf er dem Staatsanwalt eine „nationalsozialistische Weltanschauung“ vor und wurde dafür wegen Beleidigung verurteilt. In einem anderen Fall sprach er von „übler Justizkumpanei“.

          Bossi nahm Sonderrechte für sich auch in anderen Fragen in Anspruch: So meinte er, dass ihm trotz wiederholten Geschwindigkeitsübertretungen nicht der Führerschein weggenommen werden dürfe, weil er sonst seinen Beruf nicht ausüben könne. Als Geschäftsführer der „Eve Bar“ soll er dafür gesorgt haben, dass eine Varieté-Künstlerin nackt auf einem Schimmel reiten durfte, indem er die für die Genehmigung zuständigen Beamten zu einer Sondervorstellung einlud. Mit solchen Aktionen hat er sich nicht nur Freunde gemacht. Manche Kollegen warfen ihm sogar vor, mit seiner Egomanie schade er dem ganzen Berufsstand.

          Auf die Frage, wann er endlich aufhöre, sagte der 1923 in Karlsruhe geborene Bossi stets, er wolle im „Sattel sterben“. Das ist ihm fast gelungen – erst vor wenigen Jahren war es ruhig um ihn geworden. Am Mittwoch starb Rolf Bossi im Alter von 92 Jahren.

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