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Roger Cicero im Gespräch : „Ich bin ein Mann - ziehe also einen Anzug an“

  • Aktualisiert am

„Der Grand Prix ist unberechenbar”: Roger Cicero Bild: ddp

In Helsinki tritt Roger Cicero beim „Eurovision Song Contest“ für Deutschland an. Im Interview spricht der Swingsänger über provokante Aussagen, Ungerechtigkeit beim Grand Prix und Klamotten. Außerdem war er überrascht, dass ein berühmter Hamburger schon 1956 für Deutschland antrat.

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          Am Samstag tritt Roger Cicero in Helsinki für Deutschland beim „Eurovision Song Contest“ an. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht der Swingsänger über provokante Aussagen, Ungerechtigkeit beim Grand Prix und Klamotten.

          Was will ein Swingsänger beim Grand Prix? Warum tun Sie sich das an?

          Ich will ein gutes Ergebnis einfahren, womöglich sogar gewinnen. Wäre doch toll, wenn ich der Erste wäre, der mit Swingmusik eine gute Platzierung für Deutschland schaffte.

          Bin ich nicht cool

          Sie sind sich nicht zu schade dafür?

          Nein. Jazz macht ja auch aus, dass man offen ist, zum Beispiel für andere Musikstile.

          Wer hat Sie auf die Idee gebracht, sich beim NDR zu bewerben?

          Das war eine Entscheidung, die ich mit meiner Big Band, meinem Produzenten und meinem Management getroffen habe. Anfangs waren wir skeptisch. Doch uns reizt, dass noch niemand mit deutschem Swing beim Eurovision Song Contest angetreten ist.

          Viele räumen Ihnen kaum Chancen ein. Ein Brite bezeichnete sie als typische Nullnummer aus Deutschland.

          Das ist eine sehr mutige Aussage - und sehr provokant. Aber ich kann das natürlich nicht ernst nehmen.

          Gracias Abschneiden vor zwei Jahren wird als die „Schande von Kiew“ bezeichnet. Fürchten Sie sich vor ähnlichen möglichen Reaktionen?

          Wollen wir nicht hoffen, dass der Brite recht behält. Angst jedenfalls habe ich nicht, ich kann mir auch überhaupt nicht vorstellen, auf dem letzten Platz zu landen. Ein Risiko ist aber immer dabei, wenn man sich einem solchen Wettbewerb stellt. Das muss man wissen - und das wusste ich.

          Ist der Grand Prix nicht grundsätzlich ungerecht?

          Er ist unberechenbar. Das liegt auch daran, dass es eine politische Veranstaltung ist. Da geht es nicht nur um Musik, sondern auch zum Beispiel darum, wer mit welchem Nachbarn gut kann. Das Schöne daran: Der Grand Prix ist immer für eine Überraschung gut.

          Der ESC sei zu einer Veranstaltung von Schrillheit, Geschmacklosigkeit und Amusikalität verkommen, sagen manche. In diesem Jahr treten gleich zwei Männer in Frauenkleidern an. Wie empfinden Sie das?

          Da kann man nur Glück wünschen!

          Einer der beiden singt auf Deutsch, obwohl er weder aus der Schweiz noch aus Österreich stammt, sondern aus der Ukraine. Was sagen Sie zum Auftritt Verka Serduchkas?

          Das ist ein kompromissloser Auftritt. Es ist die reine Show, es geht nur um Effekte. Im positiven Sinne würde ich sagen: Es ist ein echter Mitgröler. Und sehr konsequent. Es macht Spaß zuzugucken.

          Den letzten Teil Ihres Liedes Frauen regier'n die Welt singen Sie jetzt doch auf Englisch. Hat es Sie überrascht, dass Sie dafür kritisiert wurden?

          Ja. Viele haben die Kritik darauf bezogen, dass ich am Abend nach dem Vorentscheid gesagt hatte, ich würde ganz bestimmt nicht auf Englisch singen. Wir hatten mit dem Gewinn nicht gerechnet und uns weiter keine Gedanken gemacht. Nun haben wir uns überlegt, dass es eine nette Geste wäre, sich dem internationalen Publikum zu öffnen. Darum singe ich den letzten Refrain, also nur einen ganz kleinen Teil meines Liedes, alles in allem fünf Zeilen, auf Englisch.

          Drei Länder, darunter Deutschland, konnten sich den Startplatz im Finale aussuchen. Hatten Sie Einfluss auf die Entscheidung?

          Nein, ich wurde vom NDR nicht gefragt, bin aber sehr zufrieden. Dramaturgisch gesehen, ist Platz 16 bei 24 Teilnehmern die goldene Mitte. Danach richten sich auch Komponisten: Man sagt, dass nach zwei Dritteln eines Konzerts die Zuhörer besonders aufnahmefähig sind.

          Viele Teilnehmer stammen mittlerweile aus Casting-Shows. Schadet das nicht dem Niveau, wenn kaum noch professionelle Künstler antreten?

          Es macht den Grand Prix beliebiger, die Teilnehmer sind austauschbarer.

          Vor dem Vorentscheid haben Sie gesagt, Stimme, Musik, Show, Klamotten seien beim ESC entscheidend - in dieser Reihenfolge. Hat sich an Ihrer Einschätzung inzwischen etwas geändert?

          Für mich ist das auf jeden Fall noch so.

          Die Klamotten sind also am wenigsten ausschlaggebend?

          Ich bin ein Mann, und ich trete mit einer eher klassischen Musik an. Ich ziehe also einen Anzug an und brauche dafür auch keine zweite Meinung. Mir hat sich nur die Frage gestellt, welche Farbe mein Anzug haben sollte.

          Sie treten ganz in Weiß an. Das sei die Farbe der Sieger, meint Ralph Siegel.

          Wäre schön! Ich hatte einen schwarzen Nadelstreifenanzug und einen weißen in der engeren Auswahl. Bei der letzten Anprobe war klar: der weiße ist es.

          Sie tragen stets Hut oder Mütze. Haben Sie etwas zu verbergen?

          Nein. Es gibt viele Fotos von mir ohne Kopfbedeckung. Das Schöne ist, ich werde ohne Hut meist nicht erkannt. Manche Leute kaufen sich Hüte, um beim Gang zum Bäcker nicht erkannt zu werden - ich nehme meinen Hut einfach ab. Fürs Finale hat mir übrigens die Berliner Designerin Fiona Bennett extra einen besonderen Hut angefertigt.

          Und was ist das Besondere an dem Hut?

          Er hat ein reflektierendes Band, das für zusätzliche Effekte sorgt. So einen Hut hat es vorher beim Grand Prix noch nicht gegeben.

          Zum Schluss noch zwei Wissensfragen zur Grand-Prix-Geschichte: Wer ist in Ihrem Geburtsjahr 1970 für Deutschland angetreten?

          Oha. Bin ich darüber schon gestolpert? War das Udo Jürgens?

          Nein, der war 1966 für Österreich am Start. Es war Katja Ebstein mit „Wunder gibt es immer wieder“.

          Ach ja, das hat Monrose in diesem Jahr beim Vorentscheid gesungen.

          Und wissen Sie, wer Deutschland beim ersten Grand Prix 1956 vertrat?

          Keine Ahnung.

          Ein berühmter Hamburger.

          Hans Albers?

          Freddy Quinn!

          Was, so alt ist der schon? Das gibt es ja nicht.

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