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Autorin Kirsten Boie : Wunder sind für alle da

Kinder können doch nicht alleine durchs Leben gehen: Kirsten Boies Kinderbücher haben immer einen ernsten Hintergrund. Bild: Lucas Wahl

Mit hinreißenden Büchern fordert Kirsten Boie Kinder und ihre Eltern. In ihren Geschichten versucht sie, Spannung mit sozialem Hintergrund zu verbinden. Ihr „Ritter Trenk“ kommt nun ins Kino.

          7 Min.

          Kirsten Boie spricht von Verrat. Eben noch hat die Kinder- und Jugendbuchbuchautorin eine kluge, grundsätzliche Bemerkung gemacht, über die es sich lohnt, eine Weile nachzudenken: „Ich denke, wir unterschätzen manchmal, was Kinder aushalten müssen. Was da im Laufe eines Tages so alles passiert: Der Schmerz, wenn die beste Freundin plötzlich mit jemandem anders spielt. Das ist ja wie Liebeskummer. Das ist ganz, ganz furchtbar für Kinder.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jetzt zögert sie einen Moment. Kirsten Boie trennt sehr genau zwischen ihrer öffentlichen Rolle und ihrem Privatleben. Sobald ihr eine Anekdote über ihren Sohn oder ihre Tochter herausrutscht, die beide längst erwachsen sind, sobald sie ihren Mann erwähnt, einen pensionierten Schulleiter, bittet sie, darüber nichts zu schreiben. Jetzt jedoch, da es um ein Beispiel dafür geht, an welche Gefühle ihrer eigenen Kindheit sie sich erinnert, sagt sie nach kurzem Nachdenken: „Das ist ja nicht so schrecklich privat.“

          Die Größe ganz alltäglicher kindlicher Gefühle

          Dann erzählt sie von einem Erlebnis zu Schulzeiten. Zehn, vielleicht elf Jahre war sie alt. Wie immer saß sie neben ihrer besten Freundin, man hatte eine Klassenarbeit geschrieben, „und am Ende waren unsere Ergebnisse sehr ähnlich“. Auch die Fehler. Daraufhin behauptete die Freundin, Kirsten Boie habe von ihr abgeschrieben. Boie aber wusste: Das hatte sie nicht. Also musste es die andere gewesen sein. Und nun schob das Mädchen ihr noch die Schuld in die Schuhe. Die Autorin sagt: „Dass die mich gegenüber der Lehrerin verpetzt hat, wäre in jedem Fall furchtbar gewesen. Aber so war es ein ganz furchtbarer Verrat.“ Mit der Freundschaft sei es anschließend vorbei gewesen.

          Kirsten Boie ist dieses Jahr 65 Jahre alt geworden. Sie glaubt, eine vergleichsweise gute Erinnerung an ihre Kindheit zu haben. An diesen Moment von vor mehr als fünfzig Jahren jedoch erinnert sie sich sogar im Detail: „Das macht deutlich, wie schmerzhaft das gewesen sein muss.“ Der Klassenraum. Das Gespräch mit der Lehrerin. Boie erzählt knapper, als sie vermutlich schreiben würde, diskreter, zurückgenommener, ohne dass die Episode ihre emotionale Wucht voll entfalten könnte. Schnell kehrt sie vom Persönlichen ins Grundsätzliche zurück: „Dabei ist das ja gar nicht so außergewöhnlich. Das ist genau das, was Kindern im Alltag passiert.“

          Zu den vielen Gründen, die Bücher dieser Frau zu lieben, gehört ihr Wissen um die Größe ganz alltäglicher kindlicher Gefühle - und ihre Fähigkeit, dafür eine Sprache zu finden, die diese Ungeheuerlichkeit vermittelt und zugleich aushaltbar macht.

          Ein Treffen in Schloss Reinbek, nur ein paar Kilometer hinter der Stadtgrenze Hamburgs, nicht weit entfernt vom Wohnort der Autorin. Der Herbst schickt goldenes Licht durch die Fenster, an den flachen Sohlen von Boies Lederstiefeln klebt Gras. Sie hat noch einen Kaffee draußen am See getrunken. Es gebe nichts Schöneres als die Sonne zu dieser Jahreszeit, sagt sie.

          Hundert Bücher in dreißig Jahren

          Die Räume im Schloss heißen „Jagdzimmer“, und „Hofsaal“, es gibt massive Schränke und Truhen aus Holz, der Mann auf dem Ölgemälde im Treppenhaus trägt Stiefel bis zum Knie, neben ihm liegt ein Helm. Ein passender Ort also, um über „Der kleine Ritter Trenk“ zu reden: Kirsten Boie ist eine der wichtigsten Autorinnen zeitgenössischer deutscher Kinder- und Jugendliteratur. In dreißig Jahren hat sie um die hundert Bücher geschrieben, von Bildtexten für die Kleinsten bis hin zu Jugendromanen. Aber die Geschichte von dem Bauernlümmel Trenk, der seine Familie aus der Knechtschaft befreien will und in Begleitung eines Schweines auszieht, ein Ritter zu werden, was ihm mit Hilfe der pfiffigen Rittertochter Thekla tatsächlich gelingt, ist mit 250.000 verkauften Exemplaren ihr mit Abstand erfolgreichstes Werk. Am 5. November kommt die Geschichte ins Kino - als Zeichentrickfilm.

          Boie erzählt, dass sie mit sich gekämpft habe, dass sie sich mit diesem bei Kindern so beliebten Genre erst habe anfreunden müssen. Im Ergebnis sagt sie über den fertigen Film: „Er ist schön geworden. Was mir gut gefallen hat, ist, dass es darin immer noch um irgendetwas geht.“ Das ist typisch. Als Autorin für Kinder und Jugendliche ist sich Kirsten Boie immer bewusst, für welche Altersgruppe sie schreibt. Als sie jedoch vor zehn Jahren ihren kleinen Ritter erfand, verfolgte sie einen richtigen Plan: Als Reaktion auf die Erkenntnis, dass Jungen weniger lesen als Mädchen, wollte sie ein Jungsbuch schreiben, und zwar ein Vorlesebuch - weil sie überzeugt ist, dass die Begeisterung für Bücher keimen muss, bevor Kinder selbst Buchstaben entziffern. Außerdem sollte es dick genug sein, dass es einen Sog entfalten könnte, der über die Gute-Nacht-Geschichten aus den üblichen Sammelbänden hinausgeht.

          Eine Geschichte mit sozialem Hintergrund

          „Dann habe ich mich versucht zu erinnern, was mein Sohn geliebt hat in diesem Alter. Und er fand immer Ritter großartig. Und sein Freundeskreis fand Ritter auch großartig. Und wir Eltern fanden Ritter ganz schrecklich.“ Waffen, Kämpfen, Helden und diese Dinge, die in den friedensbewegten achtziger Jahren aus Prinzip in vielen Kinderzimmern nichts zu suchen hatten. Schmal, freundlich und sehr aufrecht sitzt Boie in einem Schlosszimmer mit beinahe mittelalterlicher Holzdecke und kichert fröhlich. „Es ist so komisch“, sagt sie. Schließlich produziert der Oetinger-Verlag als Begleitprogramm zu ihrem Erfolgstitel inzwischen „all das, was mein Sohn nie gedurft hätte“. Gummischwerter, eine Armbrust, sogar ein Morgenstern aus Schaumstoff ist dabei, „der ist ganz weich“, sagt Boie. Das ist weniger eine Entschuldigung als ein selbstironischer Kommentar zum Thema Erziehungsideale im Wandel der Zeiten.

          Schließlich, sagt die Autorin, habe sie sich jedenfalls entschieden, über ihren Schatten zu springen und eine Rittergeschichte zu schreiben. Als sie dann begann, sich mit dem Mittelalter zu beschäftigen, stellte sie zufrieden fest, dass ihr Buch schon der historischen Genauigkeit zuliebe keine reine Kämpfer- und Heldengeschichte würde, sondern „auch eine Geschichte mit einem gewissen sozialen Hintergrund“. Ungerechtigkeit. Armut. Ausgrenzung. Mit Blick auf ihr Gesamtwerk könnte man ergänzen: Obdachlosigkeit. Aids-Waisen in Afrika. Die Flüchtlingsgeschichte, die nächstes Frühjahr erscheint. Ihr Debüt vor dreißig Jahren über ein dunkelhäutiges Adoptivkind. Immer geht es um etwas.

          Erste Geschichte auf Butterbrotpapier

          Obwohl Boie weiß, dass kindliche Leser vor allem einfordern, dass Bücher lustig und spannend sind, ist ihr Werk von einem großen sozialen Bewusstsein geprägt. Und ihre Kunst besteht darin, beides so miteinander zu verbinden, dass es nicht aufdringlich wirkt. So programmatisch der Ritter Trenk geplant war, so locker liest er sich weg. Wie man das macht? Boie sagt: „Ich glaube, das hängt tatsächlich damit zusammen, dass ich beim Schreiben unglaublich viel Spaß hatte.“

          Lesen und schreiben, schreiben und lesen: Das ist der doppelte rote Faden im Leben von Kirsten Boie. Schon bevor sie ernsthaft davon träumte, Autorin zu werden, verfasste sie erste Geschichten - als Fünfjährige, auf Butterbrotpapier. Eine davon hieß: „Gisula unt der Brant“. Wenn Boie heute darüber nachdenkt, wie sie auf dieses Thema gekommen sein mag, sagt sie: „Zu den Erzählungen, mit denen ich aufgewachsen bin, haben natürlich Geschichten über den Krieg gehört. Über Bombenangriffe. Wie meine Mutter mit ihren Nichten und Neffen in den Keller gegangen ist, und man ist dann hochgekommen und die ganze Straße hat gebrannt. Anders kann ich mir das nicht erklären.“

          „Kindheiten sind nie heile Welt“

          Boie kommt aus Hamburg, ihr Vater war bei der Sparkasse, die Mutter, wie damals üblich, zu Hause. Beide Eltern kümmerten sich viel um die Tochter und den deutlich jüngeren Bruder. Wochenende und Ferien - das war Familienzeit, wie Boie rückblickend sagt. Sie als Kinder seien zwar nicht „nebenhergelaufen“, hätten aber genug Freiraum gehabt, „um uns auch selbst entwickeln zu können“. Außerdem wurde Wert auf Bildung gelegt. Beide Eltern seien „wahnsinnige Leser“ gewesen. Das prägt. Bis das Mädchen anfing, sich einmal wöchentlich einen Stapel Bücher aus der Bibliothek auszuleihen, las es die wenigen eigenen Bücher einfach immer wieder. Man mag sich gerne vorstellen, dass die Erfinderin der Reihenhaus-Serie „Wir Kinder aus dem Möwenweg“, einer zeitgemäßen Fortschreibung von Lindgrens Bullerbü-Idylle, in einer heilen Welt aufgewachsen sei. „Kindheiten sind nie heile Welt“, schränkt Boie sofort ein. Aber sie sagt durchaus, sie habe sich immer sehr geliebt gefühlt.

          Diese Kindheit und Jugend am Übergang der fünfziger in die sechziger Jahren, zwischen Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, zwischen Glück im Kleinen und großer Verdrängung ist in den Roman „Ringel, Rangel, Rosen“ eingeflossen. Als der erste Fernseher der Familie 1961 mit den Nachrichten über den Eichmann-Prozess das Wissen um den Holocaust mitten ins Wohnzimmer transportierte und Boie anfing, Fragen nach der Rolle der eigenen Eltern im Nationalsozialismus zu stellen, gab es keine Antworten. „Man kann nur über etwas reden, was man selbst erlebt hat“, hieß es nur. Oder: „Ihr könnt euch das gar nicht vorstellen.“ Boie sagt: „Das war eine relativ schmerzhafte Weise, Abschied von der Kindheit und dieser heilen Elternbeziehung zu nehmen. Das war eine Generationenerfahrung.“

          Auch das unbedingte Ziel, als Frau berufstätig sein zu wollen und die eigene Miete zahlen zu können, sieht Boie als Reflex auf die Generation ihrer Mütter, deren Leben nur um Haushalt und Kinder kreiste. Aus diesem Grund war sie von ihren Autorinnenträumen abgerückt und hatte Literaturwissenschaften studiert, parallel zur Promotion machte sie ihr Referendariat als Lehrerin. Während eines Schulpraktikums hatte sie festgestellt, wie viel Spaß ihr die Arbeit mit Kindern machte.

          Erstes Buch als Notlösung

          Deshalb traf es sie wie ein Schock, als das Jugendamt später beschied, dass man ihrer Rückkehr in den Beruf ablehnend gegenüber stehe. Weil die Boies nicht nur ein Kind adoptiert hatten, sondern noch ein zweites wollten, fügte man sich. „Das war wirklich ganz, ganz schrecklich“, sagt Boie leise. „Es hatte ja mit meinem Lebensentwurf, mit meiner Vorstellung, wie mein Leben aussehen sollte, nichts zu tun.“ Heute sagt die Autorin, dass sie viel Glück gehabt habe. Ihr erstes Buch jedoch war weniger die Umsetzung eines Traumes als eine Notlösung.

          Die Zeit als Lehrerin prägt sie bis heute. Boie war aus Überzeugung von einem bildungsbürgerlichen Gymnasium an eine Ganztagsgesamtschule gewechselt. Sie kam schließlich auch mit Klassen zurecht, die als schwierig galten. Rückblickend bezeichnet sie sich als naiv. „Mir war bis dahin nicht bewusst, wie weit Kindheiten in Deutschland auseinanderklaffen, unter was für Bedingungen Kinder aufwachsen müssen - und dafür immer noch richtig, richtig großartig sind.“ Jetzt redet sich die Schriftstellerin in Rage. „Das sind doch Kinder! Die brauchen doch Hilfe! Die können noch nicht alleine durchs Leben gehen!“ Einmal habe sie einer Schülerin das Deutschheft weggenommen und darin einen Brief gefunden, in dem das Mädchen einer Freundin schrieb, wie unglücklich es in seiner neuen Pflegefamilie sei. „Ich fand das“, Boie stockt kurz, „wahnsinnig anrührend.“

          Boie traut Kindern eine Menge zu

          Ihr gerade erschienenes Buch spielt in diesem Milieu. Die Mutter der knapp zehnjährigen Jamie-Lee ist Alkoholikerin, die Wohnung verwahrlost; Jugendamt und Schule sind mehr Bedrohung als Stütze. „Entführung mit Jagdleopard“ (Oetinger Verlag, 12,99 Euro, ab 10 Jahren) ist eines dieser Bücher, vor denen man die eigenen Kinder im ersten Moment am liebsten beschützen würde. Zu krass, zu bitter scheint das Leben zwischen Hartz IV und allgemeiner Überforderung, die Sprache der Ich-Erzählerin würde in jedem Schulaufsatz rot angestrichen. Dann aber passiert ein Kirsten-Boie-Wunder. Die Geschichte gewinnt an Fahrt, ein Gepard und ein Obdachloser mit Doktortitel tauchen auf - „das halte ich für ganz wichtig, dass man immer irgendwas einbaut, was die Kinder so auffängt“ - und plötzlich ist es rund um Dauerfernsehen, Hunger und Entzug so lustig und spannend, wie junge Leser das eben schätzen, Showdown mit SEK-Einsatz inklusive. „Krass! Das gibt es in echt!“, brüllt Chucky, der ältere Bruder der Protagonistin, und schmeißt sich begeistert auf den Boden. Was ein Spaß.

          Kirsten Boie traut sowohl Kindern als auch der Literatur eine Menge zu. Realistischerweise rechnet sie damit, dass die Jamie-Lees und Chuckys dieser Welt ihre „Geschichte über Resilienz“ maximal im Schulunterricht lesen werden. Aber allen anderen, den behüteten Kindern aus Vorlesefamilien, könne ein Einblick in diesen fremden sozialen Kosmos nicht schaden, findet sie. Niemand wisse, was junge Leser tatsächlich aus ihrer Lektüre mitnähmen. Unverständliches überläsen sie meist ohnehin. Aber im Idealfall werde eine Grundlage gelegt, für ein besseres Verständnis später. „Dann werden sie vielleicht solchen Menschen in der Realität mit einem anderen Blick begegnen“, sagt Boie. Sie lächelt. Denn damit wäre viel geschafft.

          Der Mensch

          Leben: Hamburgerin, Jahrgang 1950, promovierte Literaturwissenschaftlerin, Lehrerin. Schreibt seit 30 Jahren Kinder- und Jugendbücher.

          Bücher: „Wir Kinder aus dem Möwenweg“, „Der kleine Ritter Trenk“, „Seeräubermoses“, „Kein Tag für Juli“.

          Aktuell: Diese Woche ist „Entführung mit Jagdleopard“ erschienen. „Der kleine Ritter Trenk“ kommt am 5. November ins Kino.

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