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Beatles-Drummer Ringo Starr : Der größte Glückspilzkopf der Popgeschichte

Der Ex-Beatle Ringo Starr Bild: ddp Images

Ringo Starr, Drummer der berühmtesten Band aller Zeiten, wird am Samstag in die „Rock’n’Roll Hall of Fame“ aufgenommen. Der Beatle ist nach wie vor auf Tour – und manchmal auch ganz kurz am Telefon.

          Gleich den ersten Song auf seinem neuen Album hat Ringo Starr seiner alten Band gewidmet. In dem mittelflotten Schunkler singt er mit seiner unverkennbaren, warmen und unaufgeregten Ringo-Stimme, wie sie damals nach London fuhren, auf dem Boden schliefen und bei den Mädchen abblitzten, weil sie aus Liverpool kamen. Und jetzt, alle zusammen, der Refrain: „We were Rory and the Hurricanes“.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wollte man ein wenig herumpsychologisieren - und das will die Welt, wenn es um die Beatles und ihre ehemaligen Mitglieder geht, ja praktisch immer -, dann hat Starr hiermit ein Statement gesetzt: Er unterstreicht, dass er schon vor den Beatles jemand war, und zwar - zumindest in Liverpool - eine größere Nummer als seine späteren Mitstreiter Lennon, McCartney und Harrison. Rory Storm & the Hurricanes hatten anfangs mehr Fans und höhere Gagen, dort wurde aus Richard „Ritchie“ Starkey Ringo Starr, und mit ihnen durfte der Schlagzeuger ein klassisches Rock’n’Roller-Leben führen, wie es nach Ausbruch der Beatlemania nicht mehr möglich war.

          Der Underdog der Beatles

          Als Starr - aus Rorys Band abgeworben, um den gefeuerten Pete Best zu ersetzen - in letzter Minute aufsprang auf den Beatles-Zug, hatte dieser schon Fahrt aufgenommen. Wenig später waren sie Weltstars. Und aus Ringo, dem Arbeiterjungen, der wegen diverser langwieriger Krankheiten die Schule viel zu selten von innen gesehen hatte, war der größte Glückspilzkopf der Popgeschichte geworden.

          Der Underdog blieb er trotzdem, der Underdog der Beatles. Hinter den songschreibenden Überfliegern John und Paul und dem sich künstlerisch allmählich entfaltenden George war Ringo der von Allüren und Genieverdacht freie Kerl am Schlagzeug, dem man sporadische Gesangseinlagen bei Liedern gestatte, welche problemlos kompatibel waren mit der „Sesamstraße“ wie „Yellow Submarine“ oder das von ihm selbst mit großzügiger Hilfe George Harrisons komponierte „Octopus’s Garden“.

          Eigentlich muss man ihre Namen nicht mehr nennen: Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr,George Harrison

          Manche haben Ringo Starr nie so ganz ernstgenommen. Er selbst sich sympathischerweise auch nicht, wie ein „Saturday Night Life“-Sketch von 1984 zeigt. Martin Short als Auktionator preist da Beatles-Memorabilia an, und eine Zahnbürste, die Paul McCartney mal benutzt haben soll, geht weg für 110 000 Euro. Als nächstes Objekt wird Ringo Starr hereingekarrt, der leibhaftige. Den jedoch will keiner haben, das Mindestgebot rutscht immer tiefer, und als sich endlich jemand meldet, will der nur wissen, ob die Jacke, die Ringo anhat, vielleicht auch mal von Paul getragen wurde.

          Trinkt nicht mehr, raucht nicht mehr, ernährt sich vegetarisch

          Doch Ringos Dasein ist nicht immer spaßig gewesen. Etliche seiner Nach-Beatles-Jahre waren bestimmt von Exzessen mit Partys, Drogen und Alkohol, was ihn seine verheißungsvoll gestartete Schauspielkarriere gekostet haben dürfte - und erst 1988 endete, als er sich gemeinsam mit seiner Frau, dem früheren Bond-Girl Barbara Bach, in eine Entzugsklinik begab. Der vielleicht beste Titel der neuen Platte, „You Bring the Party Down“, ist ein Appell an jene, die den Absprung nicht geschafft haben, die ihre wilde Zeit noch ins fünfte oder gar sechste Lebensjahrzehnt auszudehnen versuchen, auf die Gefahr hin, sich gesundheitlich zu ruinieren, auf jeden Fall aber sich lächerlich zu machen.

          Ringo Starr ist davon heute weit entfernt. 1940 geboren, sieht er viel, viel jünger aus mit seiner drahtigen Statur und seinem Gesicht, welches - jedenfalls der Teil, der nicht hinter der ewigen getönten Brille verborgen ist - verblüffend arm an Falten ist. Ringo trinkt nicht mehr, raucht nicht mehr, ernährt sich vegetarisch, macht Sport - und er macht noch immer Musik. Mit der aktuellen Besetzung seiner „All Starr Band“ ist er gerade durch Nord- und Südamerika getourt, und mit „Postcards from Paradise“ hat er sein immerhin achtzehntes Album ohne die Beatles herausgebracht.

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