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Störende Schüler : Willst du im Raum bleiben?

Lehren in Rücksichtnahme: Religionsunterricht in Bonn Bild: dpa

Jeder kennt diese Schüler: Sie rufen in den Unterricht hinein, lenken ihre Sitznachbarn ab oder sind respektlos gegenüber dem Lehrer. Was tun? Ein paar Tipps haben diese fünf Lehrer.

          6 Min.

          Motivieren mit dem Smileyplan

          Petra Autering, Münster
          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei uns an der Schule gibt es verschiedene Möglichkeiten, Schülern zu begegnen, die wieder und wieder den Unterricht stören. Ich selbst habe vor kurzem einen „Smileyplan“ eingesetzt. Die Zutaten dafür tauchen in vielen anderen Feedbackmethoden auf, ich habe sie aber den jeweiligen Schülern individuell angepasst. Dieser Smileyplan funktioniert so: Die betreffenden Schüler bekommen einen Wochenübersichtsplan, auf dem ihr Stundenplan abgebildet ist. In dem Kästchen für jedes Fach befinden sich jeweils drei Smileys: ein lachender, ein weinender und einer, der neutral guckt. Die Schüler müssen sich nach jeder Schulstunde ein Feedback des Fachlehrers abholen. Wenn sie eine Woche lang nur lachende Gesichter von allen Lehrern bekommen haben, kriegen sie eine selbstgewählte Belohnung, zum Beispiel eine Wunschstunde im Sportunterricht. Andernfalls müssen sie mit einer Konsequenz rechnen, die auf dem Wochenplan angekündigt wird. Der Gedanke dahinter: Ich wollte den Schwerpunkt mehr auf die Belohnung legen als auf die „Strafen“. Die führen bei gewissen Kindern nicht mehr zu Verhaltensänderungen. Die Kinder, denen ich diesen Plan gegeben habe, hatten schon viele „Strafmaßnahmen“ erfahren und haben sich dadurch einen gewissen „Schutzpanzer“ zugelegt. Der Vorteil des Smileyplans ist neben Motivation, dass der Schüler ein direktes Feedback nach jeder Schulstunde bekommt, im Idealfall natürlich Lob, das den Schüler zu weiterem positiven Verhalten anspornt. Es ist schön, zu erleben, wie so aus einigen schlimmen Störern motivierte Kinder werden können, die auch von ihren Mitschülern die Rückmeldung bekommen, „dass sie ja richtig nett sein können“!

          Petra Autering unterrichtet Deutsch und Englisch am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Münster.

          Christoph Peuser, Mengerskirchen

          Unsere Schule ist eine Mittelstufenschule, das ist eine hessische Besonderheit. Bis zur achten Klasse funktioniert sie wie eine Gesamtschule, danach wird differenziert. Wir arbeiten nach dem Trainingsraumprogramm - einer Methode, bei der die Unterstützung des Schülers einhergeht mit Transparenz und klaren Konsequenzen. Das funktioniert nach einem immer gleichen Plan: Wenn ein Schüler stört, frage ich ihn: „Was tust du gerade?“ Denn viele stören unbewusst. Dann frage ich weiter: „Gegen welche Regel verstößt du? Willst du hier im Raum bleiben? Was geschieht, wenn du noch einmal störst?“ All das dient dazu, den Schülern bewusst zu machen, wo sie gerade stehen. Wenn sie dann noch einmal stören, müssen sie den Raum verlassen und in den sogenannten Trainingsraum gehen. Das ist ein spezielles Zimmer, in dem den ganzen Tag über eine speziell geschulte Lehrkraft sitzt und all diese Kinder in Empfang nimmt. Wir haben 500 Schüler; wie viele sich dort im Laufe des Tages einfinden, ist von verschiedenen Parametern abhängig: Vor Gewittern sind es besonders viele, auch in der dritten bis fünften Schulstunde gibt es Häufungen, und je länger die letzten Ferien schon vorbei sind, desto mehr werden es. Meist sind es nur so eine Handvoll, es können aber auch schon mal bis zu fünfzehn sein. Jeder dieser Schüler spricht dann mit der Lehrkraft. Es geht nicht darum, zu strafen, sondern den Spiegel vorzuhalten und zu überlegen, welche Alternativen es gibt. Anschließend füllt der Schüler einen Rückkehrplan aus: Wie hat er gestört, gegen welche Regel hat er verstoßen, welche Folgen hatte sein Verhalten, welche alternativen Verhaltensmöglichkeiten hätte es gegeben? Für viele Schüler ist das eine ganz neue Welt, wenn sie sehen, dass ihr Verhalten Auswirkungen hat. Die Lehrer, die im Trainingsraum sitzen, kriegen für zwei Schulstunden nur eine angerechnet. So ist es halbwegs bezahlbar. Ich möchte in keiner Schule mehr arbeiten, in der es das Konzept nicht gibt. Es funktioniert super.

          Christoph Peuser ist Lehrer für Deutsch, Gesellschaftslehre und Musik an der Westerwaldschule in Mengerskirchen.

          Martin Hermes, Wuppertal

          Unsere Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt. Wir haben ein Ampelsystem eingeführt, vor allem für die Klassen 7 und 8, das ist ein schwieriges Alter. Die jüngeren Schüler haben noch mehr Respekt, und die älteren sind schon wieder vernünftiger. Jedenfalls stehen am Anfang der Stunde alle Schüler grundsätzlich auf „Grün“. Wenn jemand stört, kommt er auf „Gelb“, das heißt, sein Name kommt neben ein gelb markiertes Feld an der Tafel. Verhält sich der Schüler ab da regelkonform, wird sein Name kurz vor dem Ende der Stunde wieder weggewischt. Stört er jedoch ein zweites Mal, kommt er auf „Rot“. Dann bekommt er einen Reflexionsbogen, auf dem er sein Verhalten und die Folgen für sich und seine Mitschüler schriftlich festhalten und reflektieren muss. Und er wird aus dem Unterricht in eine andere Klasse verwiesen - mit Laufzettel, nach einem festen Plan, oft zum Klassenlehrer oder zu einem Lehrer, der auch in dieser Klasse unterrichtet. Da muss er dann zusätzliche schriftliche Aufgaben erledigen. Kurz vor dem Ende der Stunde zeigt er dem Lehrer seine Aufgaben, der schickt ihn dann wieder zurück in seine Klasse. Hier gibt er den Laufzettel, den Reflexionsbogen und seine Aufgaben ab. Seine Eltern bekommen eine Kopie des Reflexionsbogens und eine schriftliche Information über den Unterrichtsverweis per Post. Der Klassenlehrer wird ebenfalls informiert, und der Reflexionsbogen kommt in eine Dokumentationsmappe, damit festgehalten wird, wie oft der Schüler gestört hat. Ich habe ein Mädchen in der achten Klasse, die hat relativ penetrant gestört, aber mit dem Reflexionsbogen hat sie sich dann sehr viel Mühe gegeben. Sie hat sich auch entschuldigt und hat jetzt seit sechs Wochen nicht mehr gestört. Das ist schon erstaunlich. Aber auch das Gegenteil habe ich schon erlebt: Ein Junge in der siebten Klasse, der ist stark auffällig, hat den Reflexionsbogen so ausgefüllt, dass er gar nicht wüsste, warum er rausgeflogen ist. Bei dem haben wir ein Elterngespräch geführt. Das kommt normalerweise erst nach der dritten Störung mit „Rot“.

          Martin Hermes, Deutsch und Geschichte an der Realschule Neue Friedrichstraße in Wuppertal.

          Marcia Wilhelmi, Bremen

          Unsere Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt. Hier gibt es viel Armut, viele Migranten, viele Herausforderungen. Deswegen machen wir ganz viel Prävention. Aber natürlich kommt es trotzdem zu Störungen im Unterricht. Ich leite meine Klasse gemeinsam mit einer Sonderpädagogin und einer Erzieherin. Wir haben aktuell 22 Schüler, darunter drei bis fünf verhaltensauffällige Kinder. Grundlage für unseren Umgang mit Störern ist das Buch „Bei Stopp ist Schluss“ von Thomas Grüner und Franz Hilt. Wenn ein Kind das erste Mal stört, bekommt es eine gelbe Karte vor sich auf den Tisch gelegt. Beim zweiten Mal muss es bis zum Ende der Stunde in die „Auszeit“: in die Computerecke, auf den Flur oder in einen kleinen Nebenraum. Da muss es dann allein weiterarbeiten. Der Ansatz soll sein: Nicht strafen, aber dafür sorgen, dass die anderen Kinder Ruhe haben. Wenn ich Zeit habe, gehe ich auch zu dem Kind in der Auszeit hin und frage, wo das Problem ist. Wenn ein Kind drei Auszeiten in der Woche hatte, werden die Eltern informiert. Das funktioniert im Moment ganz gut. Einer der Schüler, der vorher wirklich andauernd dazwischengerufen hatte, hat sich dadurch sehr verändert. Er hat sich als Ziel gesetzt, nur noch einmal pro Stunde zu stören. Wenn er das schafft, bekommt er zusätzlich auch noch einen Smiley, und jetzt hat er so viele Smileys gesammelt, dass er sich eine Spielestunde beim Förderpädagogen „verdient“ hat. Für die Stillarbeit habe ich auch noch eine andere Methode: die Muggelsteine-Zeit. Muggel sind Deko- Glassteine, die können auf jedem Gruppentisch in einem Becher gesammelt werden. Die Schüler bekommen sie, wenn sie still an ihrem Tisch arbeiten. Man kann sich jede Woche eine festgesetzte Zahl von Muggeln erarbeiten. Wenn eine Gruppe es geschafft hat, bis auf eine Muggel alle vorgesehenen zu bekommen, kriegt der Tisch eine Belohnung.

          Marcia Wilhelmi ist Klassenlehrerin einer dritten Klasse an der Grundschule an der Robinsbalje in Bremen.

          Nicole Jonas, Frankfurt

          Wir sind Klassenlehrer an einer Förderschule für sozial-emotionale Entwicklung. In unserer Klasse sind fünf Viertklässler und fünf Fünftklässler. Alles Jungs, obwohl wir keine Jungenschule sind. Die Kinder, die zu uns kommen, sind durch alle Regelsysteme gefallen. Manche müssen auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt werden oder Medikamente nehmen. Natürlich haben die Schüler auch bei uns Probleme, sich angemessen zu verhalten. Aber dazwischen gibt es auch Gutes, und das belohnen wir. Dazu haben wir ein Belohnungssystem entwickelt, bestehend aus Kreidesternen an der Tafel. Sterne gibt es für mündliche Mitarbeit, für gutes Verhalten im Unterricht und in den Pausen, für gutgemachte Hausaufgaben und für diverse zusätzliche Sachen: wenn man daran gedacht hat, von zu Hause den Klebestift mitzubringen, wenn man anderen hilft, wenn man sein selbstgesetztes Wochenziel erreicht hat.

          Moritz Arnecke, Frankfurt

          Am Ende des Schultags muss sich jeder Schüler selbst einschätzen und sagen, wie viele Sterne er verdient hat. Der „Tagesmanager“, also ein Mitschüler, geht an die Tafel und schreibt die Sterne auf. Er fragt aber auch die anderen Schüler, ob sie Einwände gegen die Selbsteinschätzung des jeweiligen Mitschülers haben. So ist es ein sich selbst regulierendes System. Für jeden Stern bekommen die Schüler dann am Ende des Schultags ein Gummibärchen. Und am Ende der Woche wird ein Sternchensieger ermittelt, dessen Foto wird unter eine Krone an die Wand gehängt. Wenn man dreimal Sternchensieger war, bekommt man einen Hausaufgabengutschein. Bei schwerer Gewalt sanktionieren wir natürlich auch, also, wenn Kinder andere in der Pause gezielt schlagen oder treten. Die Schüler dürfen dann eine Weile lang keine Sternchen mehr sammeln und nicht mehr am Gruppentisch sitzen. Bei schwerwiegenden Auseinandersetzungen kommt es zu Ordnungsmaßnahmen nach dem Schulgesetz. Das kommt etwa einmal im Monat vor in unserer Klasse. Grundsätzlich versuchen wir aber, erwünschtes Verhalten durch Lob, Zuwendung und Belohnung zu verstärken.

          Nicole Jonas und Moritz Arnecke von der Hermann-Luppe-Schule in Frankfurt.

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