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Störende Schüler : Willst du im Raum bleiben?

Christoph Peuser ist Lehrer für Deutsch, Gesellschaftslehre und Musik an der Westerwaldschule in Mengerskirchen.

Martin Hermes, Wuppertal

Unsere Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt. Wir haben ein Ampelsystem eingeführt, vor allem für die Klassen 7 und 8, das ist ein schwieriges Alter. Die jüngeren Schüler haben noch mehr Respekt, und die älteren sind schon wieder vernünftiger. Jedenfalls stehen am Anfang der Stunde alle Schüler grundsätzlich auf „Grün“. Wenn jemand stört, kommt er auf „Gelb“, das heißt, sein Name kommt neben ein gelb markiertes Feld an der Tafel. Verhält sich der Schüler ab da regelkonform, wird sein Name kurz vor dem Ende der Stunde wieder weggewischt. Stört er jedoch ein zweites Mal, kommt er auf „Rot“. Dann bekommt er einen Reflexionsbogen, auf dem er sein Verhalten und die Folgen für sich und seine Mitschüler schriftlich festhalten und reflektieren muss. Und er wird aus dem Unterricht in eine andere Klasse verwiesen - mit Laufzettel, nach einem festen Plan, oft zum Klassenlehrer oder zu einem Lehrer, der auch in dieser Klasse unterrichtet. Da muss er dann zusätzliche schriftliche Aufgaben erledigen. Kurz vor dem Ende der Stunde zeigt er dem Lehrer seine Aufgaben, der schickt ihn dann wieder zurück in seine Klasse. Hier gibt er den Laufzettel, den Reflexionsbogen und seine Aufgaben ab. Seine Eltern bekommen eine Kopie des Reflexionsbogens und eine schriftliche Information über den Unterrichtsverweis per Post. Der Klassenlehrer wird ebenfalls informiert, und der Reflexionsbogen kommt in eine Dokumentationsmappe, damit festgehalten wird, wie oft der Schüler gestört hat. Ich habe ein Mädchen in der achten Klasse, die hat relativ penetrant gestört, aber mit dem Reflexionsbogen hat sie sich dann sehr viel Mühe gegeben. Sie hat sich auch entschuldigt und hat jetzt seit sechs Wochen nicht mehr gestört. Das ist schon erstaunlich. Aber auch das Gegenteil habe ich schon erlebt: Ein Junge in der siebten Klasse, der ist stark auffällig, hat den Reflexionsbogen so ausgefüllt, dass er gar nicht wüsste, warum er rausgeflogen ist. Bei dem haben wir ein Elterngespräch geführt. Das kommt normalerweise erst nach der dritten Störung mit „Rot“.

Martin Hermes, Deutsch und Geschichte an der Realschule Neue Friedrichstraße in Wuppertal.

Marcia Wilhelmi, Bremen

Unsere Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt. Hier gibt es viel Armut, viele Migranten, viele Herausforderungen. Deswegen machen wir ganz viel Prävention. Aber natürlich kommt es trotzdem zu Störungen im Unterricht. Ich leite meine Klasse gemeinsam mit einer Sonderpädagogin und einer Erzieherin. Wir haben aktuell 22 Schüler, darunter drei bis fünf verhaltensauffällige Kinder. Grundlage für unseren Umgang mit Störern ist das Buch „Bei Stopp ist Schluss“ von Thomas Grüner und Franz Hilt. Wenn ein Kind das erste Mal stört, bekommt es eine gelbe Karte vor sich auf den Tisch gelegt. Beim zweiten Mal muss es bis zum Ende der Stunde in die „Auszeit“: in die Computerecke, auf den Flur oder in einen kleinen Nebenraum. Da muss es dann allein weiterarbeiten. Der Ansatz soll sein: Nicht strafen, aber dafür sorgen, dass die anderen Kinder Ruhe haben. Wenn ich Zeit habe, gehe ich auch zu dem Kind in der Auszeit hin und frage, wo das Problem ist. Wenn ein Kind drei Auszeiten in der Woche hatte, werden die Eltern informiert. Das funktioniert im Moment ganz gut. Einer der Schüler, der vorher wirklich andauernd dazwischengerufen hatte, hat sich dadurch sehr verändert. Er hat sich als Ziel gesetzt, nur noch einmal pro Stunde zu stören. Wenn er das schafft, bekommt er zusätzlich auch noch einen Smiley, und jetzt hat er so viele Smileys gesammelt, dass er sich eine Spielestunde beim Förderpädagogen „verdient“ hat. Für die Stillarbeit habe ich auch noch eine andere Methode: die Muggelsteine-Zeit. Muggel sind Deko- Glassteine, die können auf jedem Gruppentisch in einem Becher gesammelt werden. Die Schüler bekommen sie, wenn sie still an ihrem Tisch arbeiten. Man kann sich jede Woche eine festgesetzte Zahl von Muggeln erarbeiten. Wenn eine Gruppe es geschafft hat, bis auf eine Muggel alle vorgesehenen zu bekommen, kriegt der Tisch eine Belohnung.

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