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Resozialisierung : So wie ich bin

Die Hälfte seines Lebens saß Herr R. hinter Gittern. Bild: Jens Gyarmaty

Herr R. hat Mädchen missbraucht, war ein Hochrisikotäter. Dann kam er frei. Wie geht das: jemanden wie ihn zu resozialisieren?

          Sein 56. Geburtstag ist ein großer Tag für Herrn R. Er hat Kartoffelsalat besorgt und den Krautsalat mit Paprika und Mais verfeinert; auf dem Grill liegen Nackensteaks. Seine Kollegen haben für einen Mediamarkt-Gutschein zusammengelegt. Die Dartkumpel schenken Weingummi in einem Bierglas, unten gelb, oben weiß wie Schaum. Sein bester Freund hält eine Rede.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die übrigen Gäste: zwei Bewährungshelfer. Die Sozialarbeiter von der Wohnhilfe. Die Psychotherapeutin von der Forensischen Nachsorge. Sogar jemand von der Polizei ist da.

          Keiner will ihn in Freiheit sehen

          Wochenlang hat Herr R. nachgedacht, was er zur Feier des Tages sagen will. Nach fünf Jahren ist im Frühjahr 2016 seine Führungsaufsicht zu Ende gegangen, seinen Geburtstag kurz darauf nutzt er als Abschied von seinen Helfern. Auf seinem Sprechzettel steht: „Ihr seid alle daran schuld, dass aus mir ein braver Junge geworden ist.“ Zum Schluss dankt er seiner Freundin. Er ringt mit den Tränen.

          Keiner will diesen Mann in Freiheit sehen, als er 2011 aus dem Strafvollzug entlassen wird. Herr R. ist das, was man einen Hochrisikotäter nennt. Er hat Mädchen überfallen und sexuell missbraucht, in seinen psychiatrischen Diagnosen ist von Dissozialität, fehlender Empathie und Impulsivität die Rede, von Alkoholabhängigkeit und einer – allerdings nicht-ausschließlichen – Pädophilie. Er kommt aus schwierigsten Verhältnissen und ist früh straffällig geworden. Mit Mitte zwanzig fährt er das erste Mal ein. Beim zweiten Mal verhängen die Richter Sicherungsverwahrung: Vor so einem muss man die Allgemeinheit schützen. Die Hälfte seines Lebens verbringt Herr R. hinter Gittern.

          Straftäter auf freiem Fuß

          Dann, im Januar 2011, kassiert der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einen Teil der deutschen Gesetze zur Sicherungsverwahrung. Überall im Land müssen brandgefährliche Straftäter auf freien Fuß gesetzt werden. Herr R. hat weder seine Therapie beendet, noch ist er auf ein Leben draußen vorbereitet. Einmal waren Justizbeamte mit ihm beim Bürgeramt. Einmal beim Jobcenter. Mit den Sozialarbeitern von der Wohnhilfe gab es ein Aufnahmegespräch.

          An seinem zweiten Tag in Freiheit geht Herr R. einkaufen. Er braucht ein paar Dinge für sein Wohnheim-Zimmer: eine Lampe, einen kleinen Teppich, Teller, Tassen. Ein Sozialarbeiter begleitet ihn, mit der S-Bahn geht es in ein großes Einkaufszentrum. Mehr als zwei Jahrzehnte lang hat Herr R. maximal hundert Menschen um sich herum gehabt. Plötzlich sind es Tausende. Herr R. ergreift die Flucht.

          In der ersten Nacht kann er nicht schlafen.

          In der zweiten Nacht auch nicht.

          In der dritten Nacht geht der Rauchmelder los, weil Herr R. vor dem Einschlafen vergessen hat, den Gasherd auszudrehen, und die restlichen Bratwürste in der Pfanne verkohlen.

          Strenge Auflagen

          Verglichen mit dem, was die Fachleute Risikomanagement nennen, sind diese Startschwierigkeiten Lappalien. Herr R. hat strenge Auflagen bekommen: Er darf die Stadt nicht ohne Erlaubnis verlassen. Tägliche Alkoholkontrollen. Kein Kontakt zu Kindern und Jugendlichen. Regelmäßige Termine mit seinen Bewährungshelfern, der Psychotherapeutin, der Kripo. Die Polizei überwacht ihn.

          Aber Herr R. hat es satt, sich Vorschriften machen zu lassen. Er will es allen zeigen und gibt Gas. Sucht sich Arbeit, schließlich hat er im Knast eine Ausbildung gemacht; er spielt Handball und Theater und wundert sich, dass er nach einem halben Jahr zusammenbricht. „Ich habe mich selbst total überfordert“, sagt er heute. Er verreist, ohne sich abzumelden, gelegentlich trinkt er. Im Knast hat er es mit homosexuellen Beziehungen probiert. Wenn er jetzt Männer kennenlernt, die er zu sich nach Hause einlädt, hat er hinterher einen Kieferbruch oder seine Geldbörse ist weg. „Sie haben mir den letzten Nerv geraubt“, wird seine Psychotherapeutin bei ihrer letzten Begegnung zu ihm sagen. „Alle hatten Angst.“ Was, wenn dieser Chaot das nächste Mädchen angreift?

          Herr R. glaubt nicht mehr an seine Resozialisierung

          Als die Polizei herausbekommt, dass Herr R. einen Knastkumpel besuchen will, dessen Lebensgefährtin drei Kinder hat, sind die Beamten vor ihm an Ort und Stelle und klären den Kumpel über die Vorgeschichte seines Besuchers auf. Herr R. wird ausgeladen, der Kontakt bricht ab. Die Beamten verlangen, dass er vor der versammelten Handballmannschaft Farbe bekennt; der Sportverein legt ihm den Austritt nahe. Als seine Theatergruppe in einem Kindergarten auftreten soll, ist es auch mit diesem Engagement vorbei. Schließlich glaubt nicht einmal mehr Herr R. an seine Resozialisierung. Nicht, dass er sich als Gefahr für Kinder sieht. Aber eine Schlägerei im Suff, vielleicht Betrug – er ahnt selbst, er kann für nichts mehr garantieren. „Es war alles drunter und drüber“, sagt er.

          Nach der Entlassung gibt Herr R. Gas und überfordert sich und alle anderen.

          Nun ist Herr R. ein Sonderfall: Ohne gesetzgeberische Patzer wäre er hinter Gittern geblieben. Aber natürlich kommen Schwerverbrecher, die Tötungs- oder Sexualdelikte begangen haben, immer wieder auf freien Fuß. Die einen haben ihre Strafe verbüßt. Den anderen wird bescheinigt, dass sie inzwischen ein zumutbares Risiko für die Allgemeinheit darstellten. Wegsperren für immer – von Einzelfällen abgesehen, war das schon immer mehr populistisches Wunschdenken als ein mit dem Grundgesetz vereinbartes Programm zur Kriminalitätsprävention.

          Zufriedenheit bedeutet Sicherheit

          Aber wie viel Risiko muss die Gesellschaft aushalten? Und was kann getan werden, um Gefahren zu verringern? Wenn ein hartgesottener Krimineller nach Jahren in der Gefängnis-Parallelwelt plötzlich draußen steht vor dem Nichts, liegt ein Rückfall nahe. Deshalb gibt es Nachsorgeeinrichtungen, die ein Hilfenetz aus Fachleuten knüpfen, eine Mischung aus Beratung und Unterstützung, aus Kontrolle und Therapie. Vieles dreht sich zunächst um so grundlegende Dinge wie Wohnen, Arbeit, Freizeit: Je zufriedener ein Mensch mit seinem Leben, so die Theorie, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass er Straftaten begeht. Nur: Bei den harten Brocken, bei Männern mit antisozialer Persönlichkeitsstörung, gelingt das nur bedingt.

          Herr R. schiebt sich einen Käse-Nacho in den Mund: ein langer Mann mit zwei Päckchen Kippen in der Brusttasche, der träge in einem Bistro sitzt. Wahrscheinlich ist er einfach müde von der Arbeit. Aber sein Gesicht scheint leer, fast ausdruckslos, und wenn sich sein blasser Blick im Raum verliert, hat Herr R. etwas von der Unberechenbarkeit einer Raubkatze. Einmal steht er mitten im Gespräch einfach auf, ohne ein Wort der Erklärung, soziale Konventionen ade. Er weiß, wie arrogant er auftreten kann. Aber wenn er lächelt, verändern sich seine Züge so, dass er auf einmal weich und sympathisch aussieht.

          „Ich war ein Arschloch“

          Wer mit Herrn R. über sein Leben redet, bekommt es mit drei verschiedenen Versionen desselben Mannes zu tun: vor dem Start seiner Gefängniskarriere. Nach seiner Entlassung. Heute.

          „Ich war ein Arschloch“, sagt Herr R. über den Einzelgänger von vor dreißig Jahren. Nach seiner Scheidung wohnte er mal hier, mal da, jobbte erst auf dem Rummelplatz, dann in einer Kneipe: „Ich war mein bester Kunde.“ Irgendwann arbeitete er gar nicht mehr, sondern fing gleich morgens mit dem Saufen an, gegen den Kater. Seine Taten, sagt er, seien aus Frust entstanden, eine willkommene Gelegenheit, eigene Gewalterfahrungen an Schwächere weiterzugeben. Nur auf das eigene Vergnügen aus, habe er sich geholt, was er anders nicht bekommen habe. „Was warst du für ein Schwein!“, sagt Herr R., wie zu sich selbst.

          Kinder im Stich gelassen

          Fragt man Herrn R. nach seiner Familie, sagt er: „Mein Vater war scheiße, mein Stiefvater war scheiße, meine Mutter war scheiße. Trotzdem hat keiner die Schuld an meinen Straftaten.“ Dann erzählt er von einer Hochhaussiedlung, von Stubenarrest und Schlägen mit dem Teppichklopfer und einem Vater, der sich nach der älteren Schwester auch an ihm, dem jüngsten Sohn, verging. Noch Jahre später, als ihm der Gefängnispfarrer schonend beizubringen versuchte, dass sein Vater gestorben war, atmete Herr R. tief durch: „Schön“, sagte er. „Ist er endlich weg, der Drecksack?“

          Um seine eigenen Kinder hat sich Herr R. nie gekümmert.

          Um seine eigenen Kinder hat Herr R. sich nie gekümmert. Keine zwanzig war er, als sie geboren wurden. Der Sohn ist ebenfalls wegen Missbrauchsdelikten im Maßregelvollzug gelandet. Die Tochter ging jahrelang auf den Strich. Einmal nach seiner Entlassung hat sie ihn besucht und ihm Vorwürfe gemacht. „Ich versuche, was aus meinem Leben zu machen. Auch wenn es sehr spät ist“, erwiderte er. Sie meldete sich nie wieder. Wenn Herr R. heute sagt, er wolle keine Familie mehr, klingt es nicht einmal resigniert.

          Herr R. wollte es allen beweisen

          Vor fünf Jahren, als Herr R. plötzlich vor dem Gefängnistor stand, wollte er allen beweisen, dass es auch anders geht. Die Frage war nur: Wie? Er war selbstbewusster geworden und fühlte sich austherapiert. Jedenfalls hatte er aufgehört, anderen die Schuld an seinen Straftaten zu geben. Dass die Psychotherapeutin von der Nachsorge trotzdem heikle Themen anschnitt, nervte ihn. Von der Polizei fühlte er sich auf Schritt und Tritt verfolgt.

          Was die Wende brachte, kann Herr R. nicht genau sagen. Vielleicht war es der Sozialarbeiter von der Wohnhilfe, der ihm seine Unnahbarkeit vorhielt: Man wünsche sich doch nichts als gelegentliche Gespräche. Gleichzeitig begann Herr R. zu begreifen, dass er ganz allein eben doch nicht klarkam. „Ich hab’ dann selber gemerkt, die wollen eigentlich nur helfen. Das sind nicht meine Feinde.“ Selbst die Termine bei der Psychotherapeutin betrachtete er jetzt als Teil des Versuchs, draußen zu bleiben.

          Vertrauen aufbauen

          Nach und nach etablierte sich so etwas wie Routine in seinem neuen Leben. Zum Glück hatte er im Gefängnis kapiert, dass sich ein geregeltes Dasein nur auf Arbeit gründen lässt. Mit Unterstützung seiner Helfer erkannte er zunehmend, wenn ihm Menschen schadeten; ehemalige Bekannte aus der Haft mied er. Herr R. sagt: „Ich musste lernen, Vertrauen aufzubauen.“ Allmählich wurde es sogar mit dem Alkohol besser. Wichtigster Ansporn: seine Entschlossenheit, es seinen Kritikern zu zeigen.

          „Meine Zweifel bezogen sich nie auf Ihren Willen“, sagt seine Psychotherapeutin, „sondern auf Ihre Fähigkeit, unter schweren Belastungen diesen Willen umzusetzen.“

          Kurze Aufregung

          Eine Therapie für Schwerverbrecher außerhalb des Gefängnisses folgt ihrer eigenen Logik. Für eine Aufarbeitung der Straftaten oder eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Sexualpräferenz ist es zu spät. Herr R. musste lernen, im Alltag wahrzunehmen, wo es gefährlich für ihn wird, und zwar rechtzeitig. Also: Nicht sich beim Saufen einreden, man könne ja gar nicht anders. Sondern merken, dass sich in der Woche vorher bei der Arbeit Ärger angestaut hat. Risiken bauen sich stufenweise auf. Wer frühe Auslöser erkennt, verhindert Spannungszustände, in denen die Impulskontrolle versagt.

          Eines Tages bekommt die Psychotherapeutin einen Anruf von den Sozialarbeitern der Wohnhilfe: Herr R. habe ein Mädchen mit auf sein Zimmer genommen. „Das war die letzte Aufregung, die wir hatten“, sagt die Psychotherapeutin. Tatsächlich entpuppt sich das Mädchen als junge Frau, die zwar kindliche Züge, aber durchaus weibliche Formen hat. Die Psychotherapeutin atmet auf.

          Neu verliebt

          Herr R. verliebt sich. Erst ist man befreundet. Dann spürt er Schmetterlinge im Bauch. Zwei Jahre ist das jetzt her. Aber die Karten hat Herr R. gleich zu Beginn auf den Tisch gelegt. Erst sagt er ihr nur, dass er ein „ziemlich böser Junge“ gewesen sei. Dann nimmt er seinen Mut zusammen und erzählt im Detail von seinen Taten. Zwei Tage hat die Freundin zu schlucken. Dann ruft sie an und sagt: „Was gewesen ist, ist gewesen. Ich hoffe, dass du nicht mehr so bist. Ich hoffe, dass du, wenn irgendwas ist, mit mir redest.“ Herr R. sagt: „Das war der Schlüssel. Sie hat mich einfach genommen, so wie ich bin.“

          Herr R. gilt als austherapiert. Die Polizei hat die Überwachung eingestellt.

          Heute ist Herr R. ein Mann, der sich bei seiner Zeitarbeitsfirma so bewährt hat, dass er nun regulär angestellt ist. 1400 Euro verdient er im Monat, „richtig gut“, findet er. Mit den Sozialarbeitern der Wohnhilfe ist er schon lange per Du. Er scrollt durch seine Handyfotos: Heidepark Soltau. Vogelpark Walsrode. Ein Ferienhaus in Lüneburg. Dresden. Prag. Er staunt selbst, wie viel er gesehen hat und wie gut ihm solche Kurztrips tun: „Einfach nur mal die Seele baumeln lassen“, sagt er. Als seine Freundin kürzlich mit Verdacht auf Blinddarmentzündung ins Krankenhaus musste, saß neben ihm ein Freund bis morgens um vier auf dem Gang. „Ich bin ihm irgendwann in die Arme gefallen und habe gesagt: Danke, dass du da bist.“ So etwas hatte Herr R. noch nie gesagt. So etwas hatte auch noch nie jemand für ihn getan.

          Herr R. geht seinen Weg

          Aus dem Zimmer der Psychotherapeutin fällt der Blick auf das Gefängnis mit seinen stacheldrahtbewehrten Mauern. „Ich habe in den fünf Jahren bewiesen, was man alles schaffen kann“, sagt Herr R. „Sie können stolz sein“, sagt die Psychotherapeutin. „Ich wünsche Ihnen, dass das so stabil bleibt.“ Sie haben sich selten gesehen zuletzt, die Abstände zwischen den Sitzungen sind groß geworden. Längst hat die Polizei ihre Überwachung eingestellt. Zum Abschied lächelt Herr R. die Psychotherapeutin herzlich an. Sie sagt: „Ich würde gerne, dass Sie sich bei mir melden, wenn Ihre Partnerschaft kriselt. Die Partnerschaft ist ihr wundester Punkt. Gut wäre, wenn Sie sich dann Unterstützung holen.“ Ein letzter Händedruck. Dann geht Herr R. seinen Weg.

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