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Reproduktionstourismus : Ab in den Befruchtungsurlaub

Regelmäßige Auskunft über das Befinden im Boulevardfernsehen: Die 65 Jahre alte Lehrerin Annegret Raunigk in dieser Woche mit der RTL-Moderatorin Birgit Schrowange. Raunigk ist mit Vierlingen schwanger. Bild: dpa

Sie ist 65 Jahre alt und mit Vierlingen schwanger: Der Fall Annegret Raunigk ist längst zum Politikum geworden. Dabei ist er kein Einzelfall.  Der Reproduktionstourismus ins Ausland nimmt immer mehr zu.

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          Annegret Raunigk kann die öffentliche Kritik an ihrer Vierlingsschwangerschaft nicht verstehen. „Ich finde, das muss man für sich selbst entscheiden“, sagt die 65 Jahre alte Lehrerin, die regelmäßig im Boulevardfernsehen über ihren Zustand Auskunft gibt. Im Sommer wird sie pensioniert, im Herbst sollen die Kinder kommen. Wenn die vier Kinder eingeschult werden, ist sie über siebzig, wenn sie volljährig sind, Mitte 80. 13 Kinder hat sie schon und sieben Enkel. Moralische Bedenken habe sie nicht, sagt sie – und provoziert damit umso mehr.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach spricht von einem „sehr bedenklichen Fall“. Eine solche Schwangerschaft könne und dürfe für niemanden ein Vorbild sein. Aus ärztlicher und ethischer Sicht werde hier eine Grenze überschritten. Ähnlich sieht es der CDU-Gesundheitsfachmann Jens Spahn: „Auch wenn es medizinisch möglich ist, muss man sich fragen, ob es sinnvoll ist. Ich habe da große Zweifel.“

          Hohes gesundheitliches Risiko

          Ärzte verweisen auf das hohe gesundheitliche Risiko. Der Berufsverband der Frauenärzte teilt mit, dass eine Vierlingsschwangerschaft „in jedem Alter mit erheblichen Gefahren für Mutter und Kind verbunden ist“. Die Gebärmutter werde überdehnt, das Thromboserisiko sei erhöht. Ist die werdende Mutter über sechzig, ist das Risiko potenziert. Ärzte sprechen schon bei Frauen im Alter von mehr als 35 Jahren von einer Risikoschwangerschaft. „Das optimale Fruchtbarkeitsalter liegt immer noch bei unter 30 und nicht über 30 Jahren“, sagte Tina Buchholz, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin. Der Reproduktionsmediziner Jan-Steffen Krüssel berichtet, dass er in seiner Klinik in Düsseldorf eine künstliche Befruchtung für Frauen über 46 Jahren nicht mehr anbietet. Und auch 44 Jahre alte Frauen mit Kinderwunsch mache er „eindringlich“ auf die Risiken aufmerksam. Der Körper von Frauen über 60 ist schlicht nicht mehr darauf eingerichtet, Kinder auf die Welt zu bringen.

          2005 brachte Raunigk, damals 55, ihre Tochter Lelia auf die Welt. Bislang hat sie schon 13 Kinder geboren.
          2005 brachte Raunigk, damals 55, ihre Tochter Lelia auf die Welt. Bislang hat sie schon 13 Kinder geboren. : Bild: dpa

          Annegret Raunigks Schwangerschaft ist in vieler Hinsicht außergewöhnlich, ein „biologisches Wunder“, meinen manche. In einer Hinsicht macht es die Lehrerin aus Berlin wie Hunderte deutsche Frauen: Sie ist ins Ausland gegangen – in die Ukraine – und hat sich dort fremde Eizellen einsetzen lassen. Dieser Aspekt der Geschichte findet am wenigsten Beachtung – dabei stellen sich hier ethische und rechtliche Fragen von allgemeiner Bedeutung. 300 bis 400 Kinder kommen in Deutschland nach einer Eizellenspende zur Welt – dabei ist die hierzulande verboten. Durch diese Wertentscheidung wollte der Gesetzgeber die „gespaltene Mutterschaft“ verhindern – das heißt, die Mutter, die das Kind auf die Welt bringt, soll auch genetisch dessen Mutter sein. Nach dem Embryonenschutzgesetz wird mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft, wer einer Frau eine fremde unbefruchtete Eizelle überträgt. Außerdem ist es verboten, einer Frau pro Zyklus mehr als drei (eigene) künstlich befruchtete Eizellen einzusetzen. In Deutschland hätte Annegret Raunigk also nicht schwanger werden können, denn Eierstöcke können in diesem Alter keine Eier mehr produzieren.

          Der Reproduktionstourismus blüht

          In vielen Ländern ist das anders geregelt. Der Reproduktionstourismus nach Spanien, in die Tschechische Republik, die Ukraine und Amerika blüht. Die Kosten sind je nach Land unterschiedlich: In Spanien enthält die Eizellenspenderin eine „Aufwandsentschädigung“ von etwa 900 Euro, in der Tschechischen Republik ist die Behandlung für 4000 Euro möglich, in Amerika muss man etwa 30.000 Euro hinlegen. Reproduktionskliniken werben auf Internetseiten auf Deutsch gezielt deutsche Frauen an.

          Wenn die befruchteten Eizellen einmal eingesetzt sind, werden die Frauen in Deutschland wie alle anderen Schwangeren behandelt; die Kassen tragen die Kosten. Auch wenn sich mehr Embryonen eingenistet haben als gewünscht, können Mediziner in Deutschland Abhilfe schaffen und die Anzahl verringern – man spricht dann vom „selektiven Fetozid“. Das ist zwar rechtlich eine Abtreibung, diese ist jedoch bei einer Drillings- oder gar Vierlingsschwangerschaft regelmäßig medizinisch indiziert und damit straflos.

          Das deutsche Recht verbietet zwar die Eizellenspende, sanktioniert aber nicht den Weg zur gespendeten Eizelle ins Ausland. Anders als bei der Leihmutterschaft bestehen auch abstammungsrechtlich keine Probleme: Die Frau, die das Kind auf die Welt bringt, ist rechtlich seine Mutter.

          Manche Juristen halten das unterwanderte Verbot auch für grundgesetzwidrig. Allerdings, so sieht es jedenfalls überwiegend die Rechtswissenschaft, bedeutet das Recht auf Selbstbestimmung nicht, dass ein Anspruch auf reproduktive Ressourcen Dritter besteht. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte im April 2010 entschieden, dass ein Staat, der die künstliche Befruchtung zulässt, die Eizellspende nicht verbieten dürfe. Es sah zunächst so aus, als müsse auch das deutsche Verbot fallen. Doch im November 2011 wurde diese Entscheidung von der Großen Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte wieder aufgehoben.

          Trotzdem dringen Reproduktionsmediziner weiter auf eine Lockerung. Der Düsseldorfer Arzt Krüssel verweist darauf, dass nicht in allen Ländern dieselben „hohen Standards“ gelten wie hierzulande. Der Fall von Annegret Raunigk sei in vieler Hinsicht nicht repräsentativ. Die meisten seiner Patientinnen hätten „nachvollziehbare Gründe“, auf eine fremde Eizelle zurückzugreifen.

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