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Reporter-Urgestein Graf Nayhauß : „Klatsch erheitert auch die Mächtigen“

  • Aktualisiert am

Duzten sich nicht: Graf Nayhauß und Schröder Bild: picture-alliance / dpa

Mit Willy Brandt war er am liebsten unterwegs und mit Gerhard Schröder sprach er über Seitensprünge: Der „dienstälteste Kolumnist Deutschlands“, Mainhardt Graf von Nayhauß, spricht im Interview über seine 121 Reisen mit den deutschen Bundeskanzlern.

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          „Bild“-Kolumnist und Reporter-Urgestein Mainhardt Graf von Nayhauß spricht im Interview über seine Reisen mit den deutschen Bundeskanzlern.

          Graf Nayhauß, Sie sind 81 Jahre alt, bezeichnen sich als „dienstältester Kolumnist Deutschlands“ und haben gerade ein Buch über Ihre insgesamt 121 Auslandsreisen im Tross deutscher Bundeskanzler herausgebracht. Wohin hat Ihre erste Kanzlerreise Sie geführt?

          Wenn ich mich nicht ganz täusche, war das mit Willy Brandt nach Washington. Ich bekam damals sogar eine Anstecknadel des Bundeskriminalamtes verpasst, war also für die Gastgeber als Bodyguard von Willy zu erkennen.

          Elder Begleiter von Statesmen: Graf Nayhauß in seinem Berliner Büro - mit „Bine”
          Elder Begleiter von Statesmen: Graf Nayhauß in seinem Berliner Büro - mit „Bine” : Bild: Matthias Lüdecke

          Wieso durften Sie sich als Brandts Bodyguard tarnen?

          Zum Gästehaus, in dem Willy Brandt schräg gegenüber dem Weißen Haus untergebracht war, hatten Journalisten grundsätzlich keinen Zutritt. Aber der Kanzler wollte mich eben dabeihaben, und auf diese Weise hat es auch geklappt.

          So etwas wäre heute kaum denkbar. War der Umgang zwischen Journalisten und Spitzenpolitikern vor dreißig, vierzig Jahren vertraulicher als heute?

          Na ja, dass es zu alten Bonner Zeiten mitunter recht familiär zuging, sehen Sie schon daran, dass die Journalisten bei vielen Politikern einschließlich der Bundeskanzler schon mal zu Hause eingeladen waren. Es kam auch vor, dass es bei mir zu Hause klingelte, und da stand dann plötzlich unangemeldet Hannelore Kohl vor der Tür, die uns spontan einen Besuch abstatten wollte. So etwas wäre unter der heutigen Kanzlerin in der Tat kaum noch vorstellbar.

          Bestand bei so viel Nähe, gerade auch auf Reisen, nicht die Gefahr der Kumpelei zwischen Politikern und Journalisten?

          Ach, wissen Sie, auch unter Gerhard Schröder gab es Journalisten, die mit dem Kanzler per du waren - und das auch in jedem Satz anbrachten, um den Kollegen zu beweisen, wie dicke sie mit Schröder sind. Ich selbst habe immer darauf geachtet, mich mit einem Politiker möglichst nicht zu duzen. Rainer Barzel und Horst Ehmke waren in der Hinsicht Ausnahmen.

          Mit welchem Kanzler waren Sie während Ihrer beruflichen Laufbahn am liebsten unterwegs?

          Willy Brandt kannte als gelernter Journalist die Bedürfnisse unseres Berufsstandes natürlich ziemlich gut. Davon konnte unsereiner durchaus profitieren.

          Inwiefern?

          Ein Beispiel: Als Willy Brandt während eines Besuchs in Washington ein Gespräch im amerikanischen Senat hatte, nahm der Bundeskanzler meinen Kollegen Hans Ulrich Kempski von der „Süddeutschen Zeitung“ einfach mit in eine wirklich höchst vertrauliche Konferenz. Kempski saß also mit den hohen Herren am Tisch, während ihm Brandts damaliger Berater Egon Bahr mit missbilligenden Gesten zu verstehen geben wollte, er solle sich jetzt verziehen. Kempski dachte natürlich im Traum nicht daran, zumal Brandt ihn den Amerikanern zum Spaß als „Honorable Senator from Munich“ präsentiert hatte.

          Welcher Kanzler hat am meisten Privates von sich preisgegeben?

          Ach Gott, mit Gerhard Schröder konnte man auch schon mal über Seitensprünge reden. Ich sagte ihm: „Herr Bundeskanzler, so etwas können Sie sich doch überhaupt nicht erlauben, Ihre Frau würde Ihnen ja die Augen auskratzen.“ Daraufhin er, lachend: „Das ist wohl das mindeste!“

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