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Rentnerin stellt Pfarrer nach : Liebesterror im Sauerland

Gut zurechtgemacht und lächelnd: Die Angeklagte ist sich auch am Donnerstag vor Gericht keiner Schuld bewusst Bild: dpa

Phallussymbole und obszöne Szenen im Garten des Pfarrhauses: Das Amtsgericht Meschede verurteilt eine 71 Jahre alte Frau zu 14 Monaten Haft, weil sie seit Jahren einem Pfarrer nachstellt.

          Als Pfarrer Michel Hammerschmidt Saal 105 des Amtsgerichts Meschede betritt, sucht Christel G. sogleich Blickkontakt. Die Einundsiebzigjährige hat sich schick gemacht: Sie trägt eine weiße Bluse zu einem violetten Kostüm. Betont aufrecht sitzt die Rentnerin auf der Anklagebank.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Christel G. muss sich vor Gericht verantworten, weil sie Pfarrer Hammerschmidt aus dem Mescheder Ortsteil Freienohl seit mehr als einem Jahrzehnt nachstellt. Im Jahr 2001 will sie sich bei einer zufälligen Begegnung im Blumenladen in Hammerschmidt verguckt haben. Seitdem gesteht sie dem heute 59 Jahre alten Pfarrer ihre Liebe.

          Sie schickt ihm Liebesbekundungen und obszöne Angebote als Brief, als Mail oder per SMS. Es gab schon Tage, an denen sie den Pfarrer der St.-Nikolaus-Gemeinde zehnmal und öfter anrief, um ihre sexuellen Wünsche und Phantasien in drastischen Worten mitzuteilen. Regelmäßig dekoriert sie den Vorgarten des Freienohler Pfarrhauses mit Blumen, Herzchen, Luftballons. Auch mit Gurken und Maiskolben, denen sie Präservative übergestülpt hat. Oder mit hartgekochten Eiern, denen sie einen Kussmund aufgedrückt hat.

          Einen amtlich abgeklärten und gerade deshalb besonders erschütternden Eindruck der Ausmaße des Liebesterrors vermittelt die Anklageschrift, die Oberstaatsanwältin Simone Ruland vorliest, nachdem Hammerschmidt als Zeuge belehrt ist und den Saal noch einmal verlassen hat. Minutenlang trägt die Staatsanwältin in monotonem Stakkato das Datum der Tage vor, an denen G. den Pfarrer angerufen, ihm gemailt oder eine SMS geschrieben hat, an denen sie ihm Motivkarten mit küssenden Paaren geschickt, ihn in Liebesbriefen als „liebster Bräutigam“ bezeichnet hat, an denen sie in den frühen Morgenstunden den Garten des Pfarrhauses wieder mit Phallussymbolen und Liebesnippes bestückt hat.

          Noch aus der Klinik terrorisierte sie ihn

          Bis vor einigen Jahren tanzte G. auch immer mal wieder splitterfasernackt vor dem Pfarrhaus, machte dabei obszöne Gesten oder befriedigte sich selbst. Wenigstens das hat sich zuletzt gelegt. G. wird bald 72 Jahre alt, und vor ein paar Wochen hat sie ein künstliches Knie bekommen. Zur Zeit kann sie nur an Krücken gehen. Aber zum Dekorieren war sie erst am vergangenen Sonntag wieder in Hammerschmidts Garten.

          Jetzt ein wenig Ruhe: Pfarrer Hammerschmidt litt seit Jahren unter Christel G.

          Im April 2005 verurteilte das Amtsgericht Meschede Christel G. zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Den juristischen Begriff des Stalking gab es damals noch nicht. Und auch wegen Exhibitionismus konnte sie nicht belangt werden, weil laut Strafgesetzbuch nur Männer als exhibitionistische Täter in Frage kommen. Mehrfach schon war sie über Wochen und Monate hinweg zur Behandlung in psychiatrischen Kliniken. Doch selbst in dieser Zeit rief sie Hammerschmidt an, borgte sich von Mitpatienten Mobiltelefone, um ihren Liebesterror auch per SMS fortsetzen zu können. Lange schon ist es ihr verboten, dem Pfarrer näher als 50 Meter zu kommen oder sein Grundstück zu betreten. Doch die Frau schert sich nicht um solche Auflagen.

          Als Christel G. nach einer externen Behandlung nicht in eine psychiatrische Klinik zurückkehrte, in die sie das Landgericht Arnsberg eingewiesen hatte, begann für Pfarrer Hammerschmidt wieder eine Zeit unverminderter Tortur. Zuletzt war die mit Haftbefehl gesuchte Frau untergetaucht. An Ostern vor einem Jahr ertappte sie der Pfarrer auf frischer Tat vor seinem Haus. Hammerschmidt gelang es, sie bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten. Aber nach wenigen Monaten Untersuchungs- und Ordnungshaft kam Christel G. Ende 2013 wieder frei. Fluchtgefahr sei nicht gegeben, auch reiche die Wiederholungsgefahr nicht für eine Fortdauer der Haft. Die Einweisung in eine psychiatrische Klinik lehnte das Landgericht ebenfalls ab, weil die Straftaten nicht gravierend genug seien. Kaum war G. auf freiem Fuß, musste Hammerschmidt wieder müllsackweise Herzchen, Briefe, Luftballons und Rosen in seinem Garten aufsammeln.

          Schuldfähig trotz Liebeswahn

          „Kürzlich war ein Brief mit Kot verschmiert, seitdem ziehe ich mir jetzt Gummihandschuhe über“, sagt der Pfarrer am Donnerstag im Zeugenstand des Mescheder Amtsgerichts. Die Sache beeinträchtige ihn seit vielen Jahren. Vier Ordner haben er und seine Pfarrsekretärin mittlerweile mit Protokollen zu den Vorfällen gefüllt. „Ich kann nicht abschalten, habe Bluthochdruck, leide unter Niedergeschlagenheit“, sagt Hammerschmidt mit hochrotem Kopf. „Ob morgens, ob abends: Immer frage ich mich, war sie schon wieder da. Sie dringt in mein Leben ein, obwohl sie ganz genau weiß, dass ich das nicht will. Es ist der worst case.“ Christel G. hört dem Pfarrer aufmerksam zu, scheint ganz mit sich im Reinen. Ein feines Lächeln umspielt ihren Mund.

          Sie bestreitet die Taten nicht. Ihr Verteidiger Michael Babilon argumentiert aber, seine Mandantin sei schuldunfähig. Auch der Düsseldorfer Psychiater Sven-Uwe Kutscher sieht das in seinem Gutachten so. Nach einem weitschweifigen Vortrag kommt er zu dem Ergebnis, G. leide unter Liebeswahn. Doch seine am Donnerstag ebenfalls geladenen Kollegen Bernd Roggenwallner und Markus Müller-Küppers, die sie schon 2009 und 2012 begutachtet haben, sind anderer Ansicht. Auch sie haben bei Christel G. eine Persönlichkeitsstörung festgestellt. Aber ihr sei klar, dass ihr Verhalten inadäquat ist, dass Hammerschmidt nichts von ihr wissen wolle, sie nicht liebe, sagt Müller-Küppers. Ihre Steuerungsfähigkeit sei nicht erheblich eingeschränkt, eine wahnhafte Störung liege nicht vor. „Sie ist schuldfähig.“

          Richterin Christina Spenner und ihre beiden Schöffen folgen dieser Einschätzung. Wegen Nachstellung (Stalking) in Tateinheit mit Hausfriedensbruch und Verstoß gegen das Gewaltschutzgesetz verurteilt das Gericht Christel G. zu 14 Monaten Freiheitsentzug ohne Bewährung.

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