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Renate Lasker-Harpprecht : Eine der letzten Zeuginnen

Renate Lasker-Harpprecht in Südfrankreich im Juni 2018. Bild: Bettina Flitner/laif

Renate Lasker-Harpprecht wurde zu einer der wichtigsten Zeitzeugen der nationalsozialistischen Verbrechen. Nun ist sie elf Tage vor ihrem 97. Geburtstag gestorben.

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          Es war beim Kanzlerfest 1970 in Bonn. Willy Brandt war in seinem ersten Jahr Bundeskanzler. Unter den Gästen waren sein späterer Redenschreiber Klaus Harpprecht und dessen Frau Renate Lasker-Harpprecht, die wie ihr Mann im Journalismus tätig und Autorin war. Auch der Historiker Eberhard Jäckel, der als Professor in Stuttgart jahrzehntelang vor allem zum Nationalsozialismus forschte, war eingeladen. Jäckel erinnerte sich später in der F.A.Z. an einen für ihn besonderen Moment an jenem Sommertag: „Ich saß neben Renate Lasker-Harpprecht. Ich sah die Nummer von Auschwitz auf ihrem Unterarm, und ich sah Willy Brandt, den Emigranten, als Bundeskanzler. Da dachte ich: Wir haben gewonnen.“

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Fast ein halbes Jahrhundert später, im Februar 2018, trat Renate Lasker-Harpprechts jüngere Schwester, Anita Lasker-Wallfisch, ans Rednerpult im Bundestag. Die Holocaust-Überlebende war die Ehrenrednerin in der Gedenkstunde für die Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Sie sprach dabei auch vor Abgeordneten der AfD, die die Verbrechen der Nationalsozialisten immer wieder kleinreden und auch darum für einen neu aufkeimenden Antisemitismus in Deutschland stehen. Nur wenige Monate später sollte der Parteivorsitzende Alexander Gauland vom „Vogelschiss“ sprechen – genau das seien die zwölf Jahre von Hitler und den Nazis in mehr als 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte. Nach der Rede von Anita Lasker-Wallfisch allerdings applaudierten noch alle Abgeordneten, auch die der AfD, minutenlang.

          „Verbrecher bekamen einen Prozess, Juden waren Freiwild“

          Das Leben und Überleben der Schwestern Lasker ist untrennbar miteinander verbunden. Renate Lasker, 1924 in Breslau geboren, war gut ein Jahr älter als ihre Schwester Anita. Sie wuchsen in einer großbürgerlichen Familie auf, zu der eine Generation zuvor auch die Dichterin Else Lasker-Schüler und der Schachweltmeister Emanuel Lasker gehörten. Die Religion habe keine Rolle gespielt, sagte Anita Lasker-Wallfisch später, sie seien „unjüdisch aufgewachsen“. Ihr Vater Alfons Lasker war Rechtsanwalt, die Mutter Edith Violinistin. Die Eltern wurden 1942 von den Nazis ermordet. Die Töchter kamen in ein Waisenhaus und mussten als Zwangsarbeiterinnen arbeiten. 1943 versuchten sie, mit gefälschten Papieren ins unbesetzte Frankreich zu entkommen, doch sie wurden verhaftet. Was sich als Vorteil erwies: „Verbrecher bekamen einen Prozess, Juden waren Freiwild.“

          Die Schwestern wurden im Juni 1943 wegen Urkundenfälschung zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt und damit nicht sofort, sondern im Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert. Dort überlebten sie vor allem, weil Anita Lasker als Cellospielerin im Lagerorchester gebraucht wurde. Ende 1944 wurden sie nach Bergen-Belsen verschickt und am 15. April 1945 von den Briten befreit. Gemeinsam gingen sie 1946 nach England, wo ihre älteste Schwester Marianne seit 1939 lebte.

          Anita Lasker blieb in Großbritannien, machte Karriere als Musikerin, gründete das English Chamber Orchestra und heiratete den Pianisten Peter Wallfisch. Ihre Schwester Renate zog mit ihrem Mann ins südfranzösische La Croix-Valmer, wo Klaus Harpprecht 2016 mit fast 90 Jahren starb. Die Schwestern, die nach dem Krieg eigentlich nie wieder einen Fuß nach Deutschland setzen wollten, wurden zu wichtigen Zeitzeuginnen der nationalsozialistischen Verbrechen, „als Warnung und Mahnung an die zukünftigen Generationen“. In der Nacht zu Sonntag ist Renate Lasker-Harpprecht gestorben, elf Tage vor ihrem 97. Geburtstag.

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