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Mit Multipler Sklerose auf Reisen : Auf Rädern ins Paradies

  • Aktualisiert am

Autor Kohr m Ayers Rock Bild: LAIF

Lange war er Reisejournalist, dann ereilte ihn die Diagnose: Multiple Sklerose. Das war das Aus für den Beruf – zunächst. Seit kurzem reist Knud Kohr wieder, im Rollstuhl und mit der ständigen Frage: Schaffe ich das? Ein Erlebnisbericht.

          Die Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Baumwipfel und erleuchten ein kleines Gewässer, das von einer an die Oberfläche sprudelnden Quelle in seiner Mitte gespeist wird. Die Bäume und Farne stehen bis dicht am Ufer, lange Gräser biegen sich träge ins Wasser. Zu hören gibt es manchmal das Zwitschern eines Vogels. Sonst nichts.

          Sieht so das Paradies aus? Vielleicht. Zumindest habe ich mir woanders diese Frage noch nie gestellt. Hier, an der heiligen Quelle der Teawura, eines Maori-Stammes auf der neuseeländischen Nordinsel, ist sie wie von selbst gekommen. Allerdings merke ich auch, dass mir allmählich der Hintern weh tut.

          Heute Morgen musste ich meinen Elektroscooter gegen einen normalen Faltrollstuhl eintauschen. Für den elektronischen Antrieb des Scooters wäre die weglose Strecke hier nicht zu schaffen gewesen. Und wo bleibt eigentlich Frank, der Fotograf, mit dem ich seit einem Monat unterwegs bin? „Ich hole dich in zehn Minuten wieder ab. Da hinten mache ich noch ein paar Bilder“, hat er gesagt - das war vor mehr als einer Stunde.

          Multiple Sklerose: bislang Unheilbar

          Allein käme ich hier nicht wieder weg. Vielleicht hätte ich eine kleine Chance, eine kurze Strecke kann ich ja immerhin noch laufen, wenn ich meinen kleinen Rucksack zurückließe, mich auf meine beiden Stöcke stützte, die ich „Lewis und Clark“ getauft habe, und die Bäume zum Festhalten nutzte. Wenige hundert Meter entfernt ist der Waldrand. Dort könnte ich um Hilfe rufen. Entschieden unterbreche ich meine Grübelei. Frank wird schon kommen.

          18 Monate zuvor schien meine Arbeit als Reisejournalist binnen weniger Tage zu Ende zu sein. Bereits 2003 war mir Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert worden, eine neurologische Krankheit, die die Fettschicht angreift, mit der jeder Nervenstrang als eine Art Isolationsschicht umgeben ist. Dadurch werden die Impulse, die von Nerv zu Nerv weitergegeben werden, verlangsamt oder im schlimmsten Fall ganz unterbunden. Muskeln können nicht mehr richtig von Nerven versorgt werden.

          Da es unzählige Muskeln im Körper gibt und bei MS-Patienten nicht immer die gleichen Nerven und Muskeln betroffen sind, hat quasi jeder Patient seine individuelle Ausprägung der Erkrankung. Sie gilt beim heutigem Stand der Forschung als unheilbar.

          Am Schreibtisch gab es genug zu tun

          Bei mir ist vor allem die Gehfähigkeit betroffen. Zunächst humpelte ich ein bisschen. Dann brauchte ich einen Stock. Und irgendwann zwei, die ich nach den Entdeckern benannte, die 1806 den Landweg von Saint Louis an die amerikanische Pazifikküste erkundeten. Bei den meisten Freunden galt das als lässiger Witz von jemandem, der seine eigene Krankheit nicht allzu ernst nimmt.

          Das änderte sich dramatisch im Sommer 2012. Binnen weniger Tage baute sich ein starker Krankheitsschub auf. Plötzlich konnte ich die zwei Dutzend Stufen zu meinem eigenen Briefkasten im Hauseingang nicht mehr bewältigen. Massiver intravenöser Einsatz von Cortison warf die MS ein bisschen zurück. Danach konnte ich an Lewis und Clark zumindest wieder zu dem Café gegenüber meiner Wohnung kommen - wenn ich gut geschlafen hatte und mir eine Viertelstunde Zeit einräumte.

          Dass ich fünfzehn Jahre meines Lebens als Reisejournalist gearbeitet und dabei zahlreiche Länder besucht hatte, verbannte ich damals für ein Jahr aus meinem Bewusstsein. Am Schreibtisch gab es genug zu tun. Dass meine Freundin, mit der ich jahrelang viele Reisen gemeinsam unternommen hatte, immer unzufriedener wurde, schob ich auch beiseite. Ich konnte doch nichts dafür, krank geworden zu sein. Außerdem testete ich für Reisemagazine Hotels in Berlin und saß in einem Direktflug zum Nordpol und zurück - um mir selbst zu beweisen, dass ich mich noch nicht ganz aufgegeben hatte.

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