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Reise in die tiefste Sowjetunion : Ihre Freiheit lag im Osten

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An den nächsten Tagen steigen sie weiter, testen die Eisschrauben auf einem Schneefeld. Dann nehmen sie zu dritt den Gipfel in Angriff. Mit Seilen verbunden, klettern sie über die Eisfelder, die schräg aufragen. Als sie den Gipfel erreichen, blicken sie sich um: Berge, so weit das Auge reicht. Stille. Sie sind erschöpft und glücklich. Sie haben es geschafft.

Auf dem Rückweg hören sie einen Knall. Und sehen, wie ein Teil des Gletschers abbricht und ins Tal rutscht, dort, wo sie für den Aufstieg geübt hatten. Ihnen läuft ein Schauer über den Rücken. „Schwein gehabt, Alter!“, rufen sie einander zu.

Nach der Wende brach der Kontakt ab

Im Gemeindehaus wechseln die Bilder auf der Leinwand: ein Eselskarren, ein Bach, über den einer der fünf springt, Felsen, auf denen sie posieren, strahlende Gesichter. „Ich wusste gar nicht, dass Frank tot ist“, sagt Herold mit einem Mal. Er hat es erst an diesem Abend erfahren.

Die Wende hatte die Gruppe auseinandergewirbelt, nach der Einheit verloren sie sich aus den Augen. „Das war nicht ungewöhnlich für die Zeit“, sagt Friedel.

„Aber ich find’s trotzdem überraschend: Ihr wart meine besten Freunde damals!“, erwidert Reimer.

„Willst du dich jetzt beschweren?“, fragt Friedel.

Viele folgen dem Versprechen des Westens, andere sind gezwungen zu gehen, weil sie ihre Arbeit verlieren. Familien und Freundeskreise brechen auseinander. „Es war auch eine Wende in Sachen Freundschaft“, erzählt Friedel.

Frank suchte vergeblich nach seinem Glück im Westen

Er geht nach Stuttgart, dann nach Freiburg, leitet das Werk eines Maschinenbauers. Reimer geht nach Berlin, wird Journalist, reist durch die Welt. Herold zieht nach Radebeul und plant in Leipzig und Dresden Trafostationen und Signalanlagen für die Bahn. Die einen, Friedel und Reimer, definieren sich über die Fremde, die neue Heimat, während Herold in Sachsen bleibt, in Radebeul ein Haus baut und vier Kinder großzieht.

Frank Eidner war nach Wien gegangen. Er hatte kein Glück dort, fand keinen Anschluss, keine Freundin, auch seinen Job verlor er. Er kehrte ins Elternhaus nach Freiberg zurück. Bis er es nicht mehr aushielt.

Friedel erinnert sich an ihn als einen, der zu allem eine festgefügte Meinung hatte. Wie bei den meisten richtete die sich gegen die Regierung, die ihr Volk einsperrte und die Wirtschaft zugrunde richtete - aber so als Fixpunkt zumindest eine feste Orientierung bot. Die fiel nach der Wende weg, so erklärt es sich Friedel, man musste sich mit einer eigenen Meinung behaupten. Doch die vom Freund wollte keiner hören, schließlich hatte jeder mit sich selbst zu tun. Friedel stellt sich das vor wie mit einem Skifahrer auf der Piste, der in die Wolken gerät und nicht mehr weiß, ob es den Berg hoch- oder runtergeht. „So ging’s vielen“, sagt er. „Wer nicht suchen konnte, der hatte es schwer.“

Ahnungslos über das, was noch kommen sollte

Auf dem Rückweg vom Pik Energie 1989 entscheiden sie sich, mit dem Zug über Prag nach Dresden zurückzufahren. Sie rechnen mit Verhör und Haft. Aber schrecken kann sie das jetzt nicht mehr, nach allem, was hinter ihnen liegt. Die Freunde sind stolz, die Reise geschafft und sich die Freiheit erobert zu haben. Sie haben gelernt, dass die Welt nicht untergeht, wenn man sich an der „Grenze des Unerlaubten“ bewegt. Die Reise hat ihren Blick verändert.

Als sie in Prag in den Zug steigen, merken sie, dass etwas nicht stimmt. Auf der Strecke bekam man sonst nur schwer einen Sitzplatz, erinnert sich Reimer, jetzt stehen sie vor fast leeren Abteilen. „Die gehen alle in die Botschaft“, erzählt ihnen der Schaffner. Seit dem Aufbruch der fünf vor einem Monat ist viel passiert. Was das heißt, können sie in dem Moment gar nicht überblicken. Das Einzige, woran sie in dem leeren Zug denken, sind der saubere Schlafwagen, das fließende Wasser und die Familien, die auf sie warten.

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