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Reise in die tiefste Sowjetunion : Ihre Freiheit lag im Osten

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Angst vor Verrat

Im Frühjahr 1989 planen die fünf Studenten die Reise. Sie basteln sich Brustgurte aus Kletterseilen, schreiben einem Dreher in Polen, der Eispickel baut, und beschaffen sich Karten aus Zeichenpapier, die Friedel auf Packpapier abmalt. Auf dem Robotron-Computer schreibt er ein Programm, um die 30-Tages-Visa zu fälschen. Aus dem Sozialversicherungsbuch schneiden sie mit einer Rasierklinge die letzte Seite heraus, auf der ein Wasserzeichen abgebildet ist, und drucken darauf die gefälschten Visa. Schließlich soll ein 124-Kilometer-Geländelauf in 24 Stunden beweisen: Wer hat den Willen, das durchzuziehen?

25 Jahre danach: Herold, Reiner und Friedel
25 Jahre danach: Herold, Reiner und Friedel : Bild: Robert Gommlich

Ein offizielles Zwei-Tages-Visum über die Sowjetunion nach Bukarest bekommen sie ohne Probleme und buchen im Reisebüro die Zugfahrt nach Charkow in die Ukraine. Dort wollen sie sich absetzen. Nur Eltern und Freundinnen weihen sie ein; zu groß ist die Gefahr, dass ein Spitzel im Freundeskreis sie verrät. Die Eltern versuchen noch, ihnen die Idee auszureden, fahren ihre Söhne dann aber am 4. August 1989 zum Bahnhof. Die fünf hieven ihre Dreißig-Kilo-Rucksäcke in den Waggon. Im Gepäck: Wurstkonserven, Trockenbrot, Zelte, Baumwollschlafsäcke und Benzinkanister für den Kocher.

Die Stimmung ist unbeschwert, aber sie rechnen mit Schikanen. Fürs Erste hoffen sie, dass die Grenzer ihre Steigeisen und Eispickel nicht finden. Kronen und Rubel haben sie vorsichtshalber in ihre Unterhosen gesteckt.

Volles Risiko

Über Prag fahren sie nach Charkow. Dort steht der Zug nach Usbekistan schon im Bahnhof, er soll am nächsten Tag um zwei Uhr losfahren. Aber als sich zwei der Freunde am Fahrkartenschalter durch die Masse gedrängelt haben, blickt die Beamtin auf die abgelaufenen Visa. „Hier stimmt was nicht“, raunzt sie. „Zur Miliz!“

Sie verlassen den Bahnhof im Eilschritt. Erst Stunden später wagen sie sich wieder in die Halle, aber dieselbe Frau sitzt noch am Schalter. Die Gruppe verliert den Mut. Die Studenten übernachten in einem verwilderten Park. Am nächsten Tag beschließen sie, es drauf ankommen zu lassen, und steigen ohne Fahrkarte in den Zug.

Sie sprechen den Schaffner auf Russisch an, ob er sie mit nach Taschkent nehmen könne? „Er nimmt mich zur Seite - ,50 Rubel für alle!‘“, notiert sich Friedel später in seine Kladde mit der Aufschrift „FAN ’89“. Eine Zigarettenschachtel „Kent“ und eine „Grüne Äpfel-Seife“ besänftigen den Schaffner, der die fünf auf der Fahrt zu geräuchertem Fisch und Bier einlädt. „Hundert Prozent Moral für alle wieder da“, schreibt Friedel.

Überwältigender Anblick

Im Abteil der dritten Klasse sind acht Holzpritschen auf drei Etagen verteilt. Alles voller Gepäck, die Fenster klemmen, es ist stickig. Sie fahren über die Wolga, deren Ufer auf der anderen Seite sie erst gar nicht erkennen. 82 Stunden dauert die Fahrt, Tausende Kilometer in den Osten. An riesigen Kornfeldern vorbei, Dörfchen, Laubwäldern. Die Landschaft wird karger, irgendwann zur Steppe, sie kommen an Lehmhäusern vorbei, knorrige, skurril verwachsene Bäume, Jurten und Kamele.

Von Taschkent über Samarkand fahren sie mit dem Bus ins Fan-Gebirge nach Tadschikistan. Dort treffen sie auf die UdF-Szene. Bergsteiger aus ganz Osteuropa, die „unerkannt durch Freundesland“ pilgern.

Als sie den Pik Energie erblicken, erscheint er ihnen überwältigend und bedrohlich zugleich. Wie ein Pfeil ragt der 5113 Meter hohe Berg in den azurblauen Himmel. Das erste Mal in ihrem Leben sehen sie einen Gletscher. Oben trägt er Schnee, wundern sie sich, hier unten haben sie kurze Hosen an.

Berge, überall Berge

Drei, vier Tage marschieren sie bis auf 3490 Meter Höhe zum Trüben See, in dem sich die Felswände spiegeln. Die Sonne brennt so stark, dass sie sich Tücher um die Köpfe wickeln. Kein Baum, kein Felsvorsprung. Sie steigen über Schotter und Geröll, die Luft wird dünner. Sie bauen ihr Basislager auf. Abends sitzen sie am Lagerfeuer und blicken in den Sternenhimmel, den sie so klar noch nie gesehen haben.

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