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Provokationskünstler Meese vor Gericht : Reine Performsache

  • -Aktualisiert am

Der Angeklagte Jonathan Meese mit seinem Plädoyer Bild: Swantje Karich

Dem Künstler Jonathan Meese wird in Kassel wegen des Hitlergrußes der Prozess gemacht. Ob er verurteilt wird, weiß man noch nicht, eines allerdings ist klar: Als Performance-Künstler bekennt Meese sich schuldig.

          3 Min.

          Im Amtsgericht Kassel warten Richterin und Staatsanwalt auf den Performancekünstler Jonathan Meese. Er hat noch fünfzehn Minuten Zeit zu erscheinen. Meese wird beschuldigt, bei einer Veranstaltung unter Schirmherrschaft des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zum Thema „Größenwahn“ den Hitlergruß dargeboten zu haben. Er bestreitet das nicht. Der Hitlergruß gehört mittlerweile zu seinem Repertoire, wie das Verschwommene zu Gerhard Richters Gemälden, vor denen Meese gerne strammsteht, wie er sagt. Den Salut sieht er als Entspannungsübung, gerne auch in seinem Atelier geübt. In Kassel ist die Geste Anlass, wieder einmal zu klären, ob Kunst juristisch für extreme Zeichen belangbar sein soll. Es geht also nicht um die Qualität von Meeses Kunst, die in den vergangenen Jahren doch merklich gelitten hat - was man vielleicht auch daran ablesen kann, dass ihre Extremsignale immer greller werden.

          Meese tritt schließlich im für ihn typischen Adidasanzug ein, den er selbst als Requisit seiner Performancearbeit ansieht, begleitet von zwei Anwälten. Er braucht keine fünf Minuten, dann hat er mit seinem Plädoyer für die Kunstfreiheit zumindest alle Anwesenden für sich eingenommen. Die Richterin wirkt nervös. Auch dem Staatsanwalt zittert die Hand. Meeses Strategie ist schnell erklärt: Er teilt Meese (er spricht gern von sich in der dritten Person) ein in den Privatmenschen einerseits und den Performance-Künstler andererseits.

          NS-Provokationsgesten im Namen des Künstler-Ichs: Jonathan Meese bei einer Performance in Mannheim
          NS-Provokationsgesten im Namen des Künstler-Ichs: Jonathan Meese bei einer Performance in Mannheim : Bild: dpa

          Was bei jeder anderen Person selbstverständlich scheint, die Trennung von natürlicher Person und beruflicher Funktion, muss er hier vor Gericht aufwendig beweisen: „Ich bin nicht so, dass ich rumlaufe und alle Leute belästige.“ Er sei vom „Spiegel“ als Performance-Künstler eingeladen worden und habe auf einer Bühne eine Performance aufgeführt. Er sagt: „Meese macht Hitlergruß nur im Schutzraum der Kunst. Kunst ist die Gegenwelt. Kunst bezweifelt alles. Kunst ist kein Instrument.“

          Jonathan Meese, der Kunstprofi

          Er wünscht sich Wasser. Meese trägt nur am Anfang sein charakteristisches freundliches Lächeln des Privatmanns, von dem viele schwärmen. Dann legt er sich ins Zeug. Das Eiserne Kreuz, ein typisches Symbol in seiner Kunst, würde er nie privat tragen, sagt er, und bringt den Staatsanwalt aus dem Konzept mit der Bemerkung: „Es gibt Menschen, die glauben, dass Dr. Brinkmann wirklich Arzt ist.“ Jonathan Meese, der ironiefähige Gutmensch? Er brauche viel Schlaf. Er würde nie auf der Straße einen Stinkefinger zeigen. Der Staatsanwalt stichelt hilflos: „Was mache ich, wenn mir ein Rechtsradikaler auf der Straße entgegenkommt und den Hitlergruß macht und behauptet, das ist Kunst?“ Meese: „Dann muss er vor Gericht.“ Eine Auskunft ohne Arglist: „Meese ist der reinste Tor, Parsifal“, sagt er. Was aber bedeutet dieses Verfahren für so eine Reinheit und das Werk, das sie beglaubigen soll? Er wird alles, was er heute hier erlebt hat, verwenden. Wir werden noch viele Hitlergrüße erleben, der Prozess ist nicht nur ein juristischer.

          Jonathan Meese ist seit zwanzig Jahren „Profi“, wie er im Verfahren sagt. Er hat viele Werkphasen durchgemacht. Der Höhepunkt war das Jahr 2007, als er unzählige Einzelschauen hatte und sich vor Produktivität selbst überschlug. Damals hatte der Kunstmarkt ihn gerade entdeckt - Einzelgängertum und Unabhängigkeit halfen, eine Marke zu etablieren. Mitarbeiter von Galerien wurden an Computer abgeordnet und mussten Abbildungen seiner Zeichnungen in aller Herren Länder verschicken. Dort saßen Sammler, die sich nach diesen digitalen Bildern zum Kauf entschieden. Seine Kunst war jetzt eine Aktie. Danach wurde es stiller um ihn. Heute entscheidet er werkstrategisch bedächtiger, im einzelnen Moment aber doch wie zwanghaft provokationsversessen. Die Gesten werden blasser: Wiederholung tötet schneller als Lächerlichkeit. Sein Buch „Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst“, Manifest und Litanei, enthält Sätze, die einen in einen rhetorischen Himmel entführen: sie machen Spaß, sind verrückt, witzig, grenzenlos - und doch sind diese 660 Seiten wie ein Verweis auf etwas, das fehlt. Denkt man an Christoph Schlingensief, kommt unweigerlich Zweifel auf, ob das Zündende, das Meese will, mit seinen unpolitisch verwendeten Politiksignalen („Diktatur“) überhaupt erreichbar ist. Die Leere in seiner Fülle belastet dieses Werk.

          Die Frage nach der Kunstfreiheit ist bei der Verhandlung schnell entschieden, auch wenn das Urteil heute nicht gefällt wurde, und das Verfahren am 29. Juli weitergeht - für einen Nazi oder eine politische Gefahr hält den Künstler nach den ersten Wortwechseln jedenfalls niemand mehr.

          Was man in Kassel sah, war weniger ein ordentliches Verfahren als eine Performance. Damit wurde Meese auf den ersten Blick ein Traum erfüllt. Sein Werk verkommt auf diesem Weg aber zum One-Liner: Meese ist der Künstler, der Hitlergrüße macht. Das wird nicht reichen.

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