https://www.faz.net/-gum-9djyn

Regisseurin Annekatrin Hendel : „Ich bin keine frustrierte Ex-DDR-Bürgerin“

  • -Aktualisiert am

Sie ist eine Bewegtbild-Anthropologin: Filmemacherin Annekatrin Hendel Bild: René Gebhardt

In der DDR durfte Annekatrin Hendel nicht an die Filmschule – trotzdem widmet die Regisseurin ihre Filme nun dem Leben auf der Ostseite der Mauer. Und zeigt die DDR, wie sie selbst sie erlebt hat: voller Widersprüche.

          „Dann leg ma’ los“, sagt Annekatrin Hendel mit breitem Berliner Akzent, lacht und zündet sich erst mal eine Zigarette an. Viel Zeit ist nicht, die Regisseurin ist mitten in den Vorbereitungen zum Kinostart ihres neuen Films „Familie Brasch“. Die Büroküche in einem Altbau in Prenzlauer Berg ist pragmatisch eingerichtet, der Tisch sieht aus wie ein ostdeutsches Erbstück und wackelt, wenn man sich aufstützt. Auf ihm ein Aschenbecher, ein absurd großes Feuerzeug und Film-Postkarten. Hendel lehnt lässig an der Wand und erzählt.

          „Ich habe nie Filme gesehen, die etwas mit dem zu tun hatten, wie ich die DDR wahrgenommen habe. Und dann war ich halt so arrogant und naiv und dachte mir, dass, wenn es solche Filme nicht gibt und niemand, nicht einmal meine Kollegen, die noch bei der Defa gelernt haben, sie machen, dann muss ich’s wohl tun.“

          Ein bisschen ironisch

          Ein bisschen ironisch ist die Aussage über die „Kollegen“ schon. Denn Hendel war zu DDR-Zeiten der Gang zur Filmhochschule versagt. Zu frech war sie, zu kritisch. Nach der zehnten Klasse wurde sie aus der Schule geschmissen, Film zu studieren kam somit nicht in Frage. Dass sie jetzt Filme machen kann, liegt aber nicht daran, dass der Mauerfall sie „befreit“ hat. Vielmehr an der digitalen Wende und neuen technischen Möglichkeiten. Filme machen kann jetzt jeder. Aber nicht jeder hat auch etwas zu erzählen – sie schon.

          Im Büro nebenan kämpft sich gerade Hendels Assistentin eine Schneise durch ein Meer aus neongelben Postern und Flyern, um schnell noch mehr Kippen zu holen. An der Küchenwand hängen auch Filmplakate. Es sind alles Filme, die sie selbst produziert hat oder bei denen sie Regie führte. Eine ganze Menge sind inzwischen zusammengekommen, und sie hat ein Faible für knallige, vollflächige Farbmotive. Neongelb, feuerrot, tiefschwarz. Diese Poster haben etwas mitzuteilen.

          Annekatrin Hendel auch. Nach der Wende ist sie zu einer Art Bewegtbild-Anthropologin geworden, zu einer Chronistin, die gegen die Tilgung der Geschichten und Erfahrungen der DDR-Bürger anfilmt. Dabei verfällt sie weder der „Ostalgie“ noch einer Selbstkasteiung. „Die DDR im Film, das sind doch immer nur Stasi-Spitzel im Anorak mit ihrem grauen Leben, und alle anderen sind Opfer“, sagt sie. „Und die von der Stasi sind immer die kleinen miesen Ratten. Aber ich habe die anders erlebt. Viele von denen waren richtige Charismatiker.“

          Hendels Erfahrungen waren alles andere als trist. In den achtziger Jahren gehörte sie zum jungen Berliner Untergrund, einer Szene aus Modemachern wie dem Ostberliner Avantgarde-Modetheater „Chic, Charmant und Dauerhaft“ sowie Künstlern, Liedermachern und Literaten, die in anarchischem Gegensatz zu Planwirtschaft und DDR-Alltag lebten. So auch Sascha Anderson, Schriftsteller und Popstar der ostdeutschen Künstlerszene, den sie liebten – und der sie bespitzelte. Entlarvt wurde er nach der Wende durch Wolf Biermann. Er war ein charismatischer Verräter, den Hendel in ihrem provokanten Dokumentarfilm „Anderson“ porträtiert. Mit Sascha Anderson selbst wollte da schon keiner mehr reden. Doch das Reden, das Aufspüren der Unterschiede und Gemeinsamkeiten – das will Hendel. Und so setzt sie alle Parteien wenigstens im Film an einen Tisch und zeigt die Komplexität der meist vereinfachten Spitzel-Opfer-Situation. Es geht um Liebe, Freundschaft, Ignoranz, Idiotie, kurz: um das ganze Leben. Doch solche Ambivalenzen sind für viele schwer zu ertragen. Bei der Weltpremiere auf der Berlinale 2014 wurde Hendel dafür von mehreren Zuschauern empört angeschrien.

          Weitere Themen

          „Man kann nicht jung bleiben“

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Doch kein Sturm auf „Area 51“

          Alien-Fans bei Miitärbasis : Doch kein Sturm auf „Area 51“

          Zwei Millionen Menschen erklärten auf Facebook ihre Teilnahme an „Storm Area 51“. Doch tatsächlich kamen am Freitag nur rund Hundert Alien-Fans zu der Militärbasis, die zuvor den Einsatz von Waffengewalt angekündigt hatte.

          Topmeldungen

          Pendler auf der London Bridge

          Mobilität : Wie London die Verkehrsflut meistert

          Die größte Stadt Europas baut ihr Bahnnetz aus und nutzt Big-Data-Analysen, um die U-Bahn zu verbessern. Ein anderes Verkehrsmittel soll hingegen aus der City verbannt werden – und das schon diesen Sonntag.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Zur Arbeit auf dem Pedelc – das schon die Umwelt und langfristig die Geldbörse.

          Klimapaket : Wie teuer wird es für mich?

          Das Klimapaket der Bundesregierung kostet manche Leute Geld, anderen bringt es eine Ersparnis. Wir haben einige Fälle durchgerechnet. In manchen Fällen können Pendler zum Beispiel sogar Geld sparen.
          Das war’s: Antonio Brown zieht die Schuhe nicht mehr an für die Patriots.

          Suspendierter NFL-Star Brown : Der tiefe Fall des Ballfängers

          Das erwartbare Ende einer Football-Karriere: Nach dem Vorwurf sexueller Übergriffe kündigen die Patriots und Nike ihre Millionenverträge mit dem NFL-Profi. Eine Zukunft in der NFL ist so gut wie ausgeschlossen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.